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Ich hab etwas mit mir gerungen, ob ich hier überhaupt einen Beitrag schreiben soll. Burnout ist ja angeblich kein Tabu-Thema mehr. Doch umgehen können damit nach wie vor die Wenigsten, die nicht selbst mittel- oder unmittelbar betroffen sind... und selbst für die ist es schon nicht einfach. Man ist ganz schnell außen vor, was einem die Rückkehr in den Alltag nicht gerade erleichtert. Das tückische ist: man kann die Krankheit nicht sehen, wie z.B. bei einem Bruch, wo man einen Gips bekommt.
Dieser Bericht soll kein "fishing for Mitleid" sein - ich komm mittlerweile ganz gut klar - sondern vielmehr ein Mutmacher an all die, die betroffen sind.
Ich war 2008 wegen eines schweren burnouts und schweren Depressionen hier für 12 Wochen stationär in der psychosomatischen Klinik. Hier erfährt man von Ärzten und Pflegern, wie auch durch Mitpatienten, Hilfe zur Selbsthilfe. Soll heißen sie kümmern sich wirklich persönlich, sehr geduldig, fürsorglich und gradezu aufopferungsvoll um ihre Patienten. Ich fühlte mich dort endlich verstanden, wohl, sicher... als würde mich jemand im freien Fall endlich auffangen.
Wenn man dort ankommt wird man von den Pflegern und Pflegerinnen der Station, wie auch seinem "Paten" - selbst dort Patient - begrüßt. Der ist in der ersten Zeit ein möglicher Ansprechpartner und führt einen über das Gelände, um einem alles zu zeigen. Ich hab beim ersten Rundgang nicht einmal die Hälfte behalten, aber das erwartet auch keiner von einem.
Man bekommt zusätzlichen einen sogenannten "Bezugspfleger", der wirklich immer ein offenes Ohr für einen hat und notfalls auch kurzfristig die Verbindung zu seinem Psychotherapeuten herstellt. Der Draht zwischen den Pflegern und Therapeuten ist außerordentlich gut und engmaschig.
Als Bezugspfleger hatte ich Herrn Winter (Ein Baum von einem Kerl, dem man ungerne im Dunkeln begegnen würde, dabei aber eine Seele von Mensch), als Einzeltherapeutin Frau Dr. Haberer - ich hätte es kaum besser treffen können.
Es gibt die Möglichkeit der Wahl zwischen Einzel- und Doppelzimmer. Ich hatte ein Einzelzimmer gewünscht und hatte ein angeschlossenes Bad mit Dusche. Dies befand sich allerdings in unmittelbarer Nähe des Eingangsbereichs auf die Station - entsprechend laut war es für meine Ohren (nach 2 doppelten Hörstürzen überempfindlich gegenüber Geräuschen)weshalb ich um einen Wechsel des Zimmers bat, der dann später, als sich ein Wechsel in ein ruhigeres Zimmer ermöglichen ließ, auch umgesetzt werden konnte.
Neben den tiefenpsychologischen Einzelgesprächen finden auch Gruppensitzungen statt, die ich anfangs partout nicht besuchen wollte. Sei es um keinem auf den Geist zu gehen, aus immer noch Angst vor Unverstanden sein, oder weil ich meine Probleme einfach nicht teilen konnte. Ich war dann am Ende doch in der Gruppe und es tat unfaßbar gut. Jeder dort hatte ein ähnliches Problem wie man selbst, man war/fühlte sich nicht allein und allein das machte vielen von uns schon Mut. Man war in einer Gemeinschaft von Menschen, die ein ähnliches Schicksal hatten wie man selbst.
Neben diesen Sitzungen besucht man auch so etwas wie Kunststunden. Dort wird gemalt, Granit bearbeitet - ich hab, ohne es zu wissen, mein Herz "befreit",
!http://img718.imageshack.us/img718/3711/foto020d.jpg!
gebastelt, was man eben selbst gerne möchte und am Ende der Stunde werden die Ergebnisse zusammen besprochen. Wenn man das nicht möchte muss man es der Kunstthearpeutin nur sagen und dann ist es ok - ich empfehle aber sehr davon nur im Notfall Gebrauch zu machen, denn diese Besprechungen können einiges zu Tage fördern, was im Verborgenen liegt und worauf man selbst nicht kommen würde. Wenn ich mir heute die Bilder in chronolgischer Reihenfolge ansehe, wie sie entstanden sind, dann kann ich deutlich den Weg raus aus der Depression erkennen. Anfangs absolut düstere Bilder, sowohl vom Motiv als auch von den Farben her. !http://img525.imageshack.us/img525/6870/img0362qh.jpg!Später leichte Motive, wie z.B. ein Papierdrachen mit lächelndem Gesicht, der leicht durch die Lüfte schwebt!http://img826.imageshack.us/img826/4205/img0364ou.jpg!
oder Bilder die Ruhe ausstrahlen
!http://img51.imageshack.us/img51/2325/img0409he.jpg!
Zusätzlich werden körperlich bezogene Therapien, wie Massage, Gymnastik und ähnliches angeboten. Das Klinikgelände ist allerdings auch derart idyllisch gelegen und ruhig, dass ich so einige Spaziergänge in der Umgebung unternommen und einige Kilometer hinter mich gebracht habe - macht auch den Kopf frei.
Wenn man möchte gibt es auch die Möglichkeit gemeinsam an einem Abend der Woche - oder war es alle 2 Wochen? - zusammen zu singen. War mir erst nicht so ganz geheuer. Klang für mich ein bißchen wie Ringelpiez mit Anfassen und wir haben uns alle ja so schrecklich lieb..., aber es hat irgendwie doch Spaß gemacht und vor allem befreit.
Die Mahlzeiten werden stets gemeinsam im Speiseraum eingenommen und immer 2 Patienten haben zusammen "Küchendienst". Keine Bange, Kochen muss hier keiner, das kommt alles aus der Großküche der Klinik - in für mich - überraschend guter Qualität. Der Küchendienst deckt lediglich die Tische ein, stellt Getränke bereit - Teeküche ist mit im Speiseraum - und spült das Geschirr nach dem Essen wieder ab. Klingt erstmal wirklich schlimmer als es ist - wenn man es erstmal gemacht hat ist es ein Klacks und es fördert den Zusammenhalt unter den Patienten.
Regeln gibt es hier natürlich auch - ohne die geht´s nicht:
- striktes Alkoholverbot während des gesamten Klinikzeitraums (auf dem Gelände sowieso aber auch "draussen", sollte man am Wochenende mal nach Hause fahren wollen),
- kein unangemeldetes/unerlaubtes Entfernen von der "Truppe",
- Rücksichtnahme und Respekt einander gegenüber.
Die meisten der Patienten, die ich dort kennen gelernt habe, konnten anschließend wieder in ihren Jobs arbeiten. Mich hat´s leider etwas derber erwischt und am Ende der 12 Wochen war ich zwar nicht geheilt - aber ich hatte einiges dazu gelernt was ich dann im Laufe der nächsten Monate und Jahre anwenden konnte.
Geheilt bin ich nach wie vor nicht, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten machen es mir unmöglich wieder als Architekt zu arbeiten. Auch diesen Beitrag - und andere davor - möglichst fehlerfrei zu verfassen, ist für mich ein echter Kraftakt, aber ich habe endlich zu mir und damit meinen Inneren Frieden gefunden. Ich kann euch sagen: ein äußerst angenehmer Zustand. Man kämpft nicht ständig gegen etwas an, als würde man gegen den Strom schwimmen. Ich hab mich irgendwann - um bei diesem Bild des Stromes zu bleiben - treiben lassen und kam irgendwann an einem neuen, unbekannten Ufer an... bei mir.
Mittlerweile hab ich mir selbst einen Job gesucht - bei weitem nicht so anspruchsvoll wie Architekt und bei Leibe nicht mit dem Einkommen, dass ich einst hatte (ich arbeite als Putz- und Kochperle in privaten Haushalten)- doch immerhin ein Job, eine Aufgabe, die ich einfach brauche und die Menschen bei denen ich arbeite sind mega happy, dass sie mich haben... denn auch in diesem Job geb ich natürlich mein Bestes und freu mich über postive Resonanzen. Nicht mehr als Architekt arbeiten zu können bedeutet nicht das Ende. Das war eben EIN Lebensabschnitt. Der war toll keine Frage, aber jetzt kommt eben der nächste.
Ich igel mich nicht mehr ein, sondern hab Spaß daran wieder am Leben teilzunehmen und ich hab nicht mehr den Ehrgeiz es allen und jedem Recht machen zu müssen.
Das erreicht zu haben, daran haben die Pfleger und Ärzte dieser Klinik einen nicht unmaßgeblichen Anteil für den ich ihnen ein Leben lang dankbar sein werde. Klar Familie und gute - verbliebene Freunde - auch.
Der Perfektionismus des Architekten schwelt nach wie vor latent unter der Oberfläche, deshalb seht es mir aus bereits erklärtem Grund nach, wenn ich diesen Beitrag möglicherweise hier und da noch um das ergänze, was mir derzeit nicht in den Sinn kommen wollte oder Tippfehler korrigiere ;-)
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Nachtrag (18.04.2012):
Ich habe auf dieser Seite
http://www.psychosomatik-austausch.de/forum/viewtopic.php?f=25&t=5171 einen "Erfahrungsbericht" gelesen und nehme das zum Anlass darauf zu reagieren.
Menschen, die auf der verzweifelten Suche nach Hilfe sind, könnten durch diesen völlig sinnentleerten Beitrag grundlegend abgeschreckt werden sich Hilfe zu suchen... und schon gar nicht hier.
Der ehemalige Patient/Patientin, die sich selbst "Trauerweide" nennt - der selbstgewählte Name spricht hier für Laien schon Bände, ist der Meinung, dass diese Einrichtung nicht geholfen hätte... Zum Glück ist die Person so ehrlich zu schreiben, dass sie immer wieder aufgefordert wurde zu reden, es aber offensichtlich nicht tat. Gedanken lesen können selbst diese erfahrenen Therapeuten nicht. Man muss schon reden, berichten was einem so widerfahren ist, sonst kann einem niemand helfen. Je mehr man sich zurück zieht, desto tiefer zieht man sich in ein Labyrinth zurück aus dem es dann immer schwerer wird wieder - auch mit professioneller Hilfe - heraus zu kommen.
Als Reaktion auf den Beitrag von "Trauerweide" schreibt Marina, dass sie an einem Informationsabend teilgenommen hat, doch von einem Besuch der Klinik Abstand nimmt, weil es kaum Freizeitangebote gibt. Sie sei eine Grüblerin und bräuchte Ablenkung...
FALSCH ! Du sollst ja zu deinen Problemen vorstossen und nicht beiseite schieben. Genau darum geht´s ja bei einer Therapie. Der Aufenthalt dort ist keine Klassenreise oder Cluburlaub mit Animation.
In seinem Frust gibt man dann gerne anderen die Schuld und sucht sie selten bei sich selbst... ist ja auch viel einfacher, weiss ich aus eigener Erfahrung. Doch sein Verhalten in der Vergangenheit selbstkritisch zu hinterfragen macht es erst für die Zukunft möglich etwas daran zu ändern.
Deshalb war es mir ein großes Bedürfnis hier etwas klar zu stellen. Eine erflogreiche Thearpie ist nur dann möglich, wenn man selbst "mitarbeitet". Hilfe zur Selbsthilfe lautet hier sozusagen die Devise der Klinik.
(stefan22523,
03.06.2012)
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