gestartet von musicafides (05.12.2007, 13:31)
In einem anderen Zusammenhang, in dem ich (wie ab und an) das Wörtchen “inhärent” (im Sinne von angeboren, es ging da um Neugier) gebraucht hatte, wurde erwähnt, das sei eigentlich überflüssig gewesen.
Das mag schon sein. Mich würde aber viel mehr interessieren, ob Ihr von anderen überflüssigen Wörtern wisst. Einen Kandidaten habe ich schon:
“im Vorfeld”: meistens überflüssig, da meistens für vorbereitende Dinge gebraucht, bei denen allen Beteiligten klar ist, dass sie vorbereitend getan wurden. Beispiel: “ich habe mich im Vorfeld darum gekümmert”.
da muß man vielleicht auch ein wenig differenzieren resp. konkretisieren.
es gibt zb. füllwörter, die in den meisten fällen einfach nur den text ‘aufblasen’.
da gibt es die scheinbar unaufhaltsam wachsende zahl von anglizismen, die in den seltensten fällen die deutsche sprache bereichern, meistens aber nur deutschen wortschatz verdrängen.
da gibt es sich geschäftlich und/oder politisch gebendes dummsprech, wie das von Matthias angegebene beispiel …
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füllwörter?
Goethe veröffentlichte (1817) eine liste von ’... Redensarten welche der Schriftsteller vermeidet, sie jedoch dem Leser beliebig einzuschalten überlässt’:
aber, aufrichtig gesprochen, beinahe, damals, einigermaßen, fast, geradezu, gewissermaßen, ich glaube, ich möchte sagen, irgend, kaum, man könnte sagen, ohne Umschweife gesagt, ohne Zweifel, sonst, ungefähr, unmaßgeblich, vielleicht, wahrscheinlich, wenigstens, wie man sich leicht vorstellen kann, zugegeben.
...
neuzeitliches:
glücklicherweise, Gott sei Dank, in der Tat, nichtsdestoweniger, nichtsdestotrotz, weitgehend, wohlgemerkt …
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Überflüssig?
über das wort läßt sich auch trefflich streiten - ‘mehr als flüssig’ ... ;-)
Siri hat diesen Beitrag 05.12.2007, 14:12 geändert
Ich will mich nicht mit Goethe anlegen, komme jedoch nicht umhin zu erwähnen, dass das eine oder andere in der Liste aufgeführte Wort nicht in jeglicher Konstellation vermieden werden sollte, bzw. kann, bzw. muss.
Denn eine Leiche, die sowohl Drosselmale als auch ein Einschussloch im Thorax samt dazugehöriger Blutlache aufweist, ist wahrscheinlich erschossen worden.
Ob die Todesursache nicht doch ein Hirnaneurysma war, das während des Verblutens geplatzt ist, kann nur eine Obduktion klären. Solange ein Gerichtsmediziner seine Handschuhe nicht wieder abstreift, bleibt die Todesursache lediglich wahrscheinlich “Tod durch Schussverletzung”.
Ob dies nun ein Schriftsteller in einem Roman schreibt oder ein Journalist in einer Zeitung oder Onkel Jupp seinem Kumpel Friedwart.
Wenn ich Lust hätte mich anzustrengen, fände ich sicherlich noch mehr Beispiele. Hab ich aber nicht.
buchstäblich hat diesen Beitrag 05.12.2007, 16:19 geändert
Es kommt wie so oft auf den Zusammenhang an - und das Interessante an meiner Frage ist ja nicht das Wort an sich, welches als überflüssig bezeichnet wird, sondern auch, warum und unter welchen Umständen es besser weggelassen werden sollte. In diesem Sinne freue ich mich auf weitere Wortmeldungen überflüssiger Wörter, wobei dann natürlich die Wortmeldung selbst nicht überflüssig ist (es sei denn, wir widmen uns den grundsätzlichen Fragen, ob nicht unser ganzes Tun und Treiben hier überflüssig sei).
Matthias, so sehe ich das auch. Also: Das mit dem Zusammenhang.
Halten wir dem guten Johann Wolfgang zugute, dass auch er den einen oder anderen unkonzentrierten Tag gehabt haben und trotz all seines Genies nicht jeden Gedanken zuende gedacht haben wird.
Sonst hätte er seine Ausführung bestimmt präzisiert.
Wahrscheinlich ist irgendwie überflüssig. Mit diesem Füllsel versucht sich der Deutsche seit den 70er Jahren vorsichtig von gemachten oder folgenden Äußerungen zu distanzieren. Sie könnten ja Unheil anrichten. Hans Pleschinski hat das wunderbar in seinem Romanerstling “Gaby Lenz” (1984) aufgedeckt.
Im Nachrichtendeutsch wird das “wahrscheinlich” im Zusammenhang mit Delikten zu “mutmaßlich”. Ein Mann, den 100 Zeugen und eine Videokamera beim Klauen beobachtet haben, bleibt vor der rechtmäßgen Verurteilung trotzdem ein mutmaßlicher Täter. BILD hält sich nicht daran. “Mann (50) hat geklaut!!” Ist ja auch wahrscheinlich kein Nachrichtenmagazin.
musensohn hat diesen Beitrag 06.12.2007, 22:29 geändert
Musensohn,
danke für die Ergänzung.
In seinem Bericht wird der Gerichtsmediziner sicherlich mutmaßlich schreiben. Aber wenn er sich mit dem ermittelnden Beamten über den Seziertisch hinweg unterhält, halte ich den Gebrauch von wahrscheinlich für wahrscheinlicher.
Deshalb würde ich, wenn ich einen Krimi bzw. ein Drehbuch zu schreiben hätte, für o. a. Dialog wahrscheinlich für schlüssiger halten.
Irgendwie ist tatsächlich irgendwie überflüssig.
Außer, wenn jemand nicht kochen kann: “Irgendwie muss dieses Gurkenglas doch aufgehen!”
Und BILD: BILD spricht ja auch immer zuerst mit der Frikadelle.
Wie steht es denn um das Wörtchen “persönlich”?
Und wie steht es, wenn man dazu noch “ganz” persönlich hinzufügt?
Wenn es Ausnahmen geben sollte, bei denen es opportun ist, persönlich mit oder ohne ganz zu gebrauchen, dann bitte ich um sachdienliche Hinweise! Für mich ganz persönlich!
Handle ich als “Funktionsträger” persönlich oder funktioniere ich nur - ganz unpersönlich?
funktionsträger, bedenkenträger …
keiner trägt mer hosenträger, aber die wasser- und sonstiges-träger im politsprech vermehren sich inflationär.
hat ja auch methode - je mehr davon verwendet wird, desto weniger verstehen sich die menschen, und kein problem dieser welt kann vernünftig gelöst werden …
... bestes beispiel sind die TV-laberschwatzrunden - da wird konsequent aneinander vorbeibabyloniert, und kein noch so wichtiges thema ansatzweise geklärt.
so sehe ich das ganz privat-persönlich!
um musicafides noch mal zu toppen … ;-)
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Babylon?
kuckßu http://de.wikipedia.org/wiki/Babylonische_Sprachverwirrung ...
Musicafides,
das persönliche Erscheinen bei einem Gerichtstermin halte ich für unabdingbar, zumal es andernfalls Ärger geben könnte.
Siri,
mein Bett trägt aber Hosenträger - sie sind die Geheimwaffe gegen rutschende Spannbettlaken.
Sollte ich damit in eine Talkshow gehen?
@buchstäblich: klar, verstehe ich - aber wie erscheint man denn “unpersönlich”? Entweder, ich selbst erscheine (zu einem Gerichtstermin), oder ich bleibe fern. Oder wäre unpersönliches Erscheinen, wenn ich eine Vertretung schicke?
Genau!
Wer meint, eine persönliche Ladung (z. B. zwecks Zeugenaussage) ausschlagen zu können, indem er seinen Anwalt vorschickt, muss mit juristischen Konsequenzen rechnen.
Die Gegenüberstellung von persönlich/unpersönlich
finde ich auch ziemlich schwierig.
Wenn mir in einem, sagen wir mal: Kaufhaus die Dienstleistung und die Gestaltung so richtig gut gefallen, sage ich nicht: “Hier ist es aber persönlich!”
Eine steril gestaltete Umgebung oder roboterhaft agierendes Personal umschreibt man trotzdem mit unpersönlich.
Da hast Du wirklich ein hübsches Sprachdilemma aufgetan, musicafides!
Ich hoffe, die Anderen haben hierzu auch eine Meinung und/oder Hilfreiches zu sagen.
Gut, dass Du das erwähnst, buchstäblich - so kristallisiert sich für mich heraus, dass es trotzdem opportun sein kann, wenn man “persönlich” gebraucht. Vermutlich werde ich in jedem Laden irgendwie bedient, aber wenn ich persönlich beraten werde, dann heißt das für mich soviel, wie das man auf meine Bedürfnisse tatsächlich eingeht (was in unserer Service-Gesellschaft ja nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint). Man könnte aber stattdessen auch sagen: in diesem Geschäft bin ich gut beraten worden (was m. E. auch besser wäre).
Danke jedenfalls für Deine inspirierenden Gedanken dazu!
Immer wieder gern!
Ich bin schlicht überzeugt, dass es keine “verbotenen” Wörter gibt. Die unüberlegte bzw. inflationäre Verwendung von Wörtern ist es, die verboten gehört.
Sehr hilfreich wäre, wenn der Muttersprachenmord ein Straftatbestand wäre. Mittelschwere Fälle könnte man mit Sozialstunden in Leihbüchereien ahnden, harte Brocken müssten die Bohlen-Biografie abschreiben.
(für die Leser, die mich gern missverstehen: Ja, es ist ein Scherz. Die Tante tut nix - die spielt nur!)