gestartet von Siri (27.12.2007, 15:34)
hi sprachdeuter,
wir haben hier ja schon eine ecke “Überflüssige Wörter”.
mindestens genauso problematisch wie die inflationäre anwendung jener finde ich den umstand, daß immer mehr wörter und begriffe durch falsche verwendung und/oder mißbräuchliche nutzung und verzerrung so verwässert werden, daß kaum noch jemand weiß, was sie eigentlich bedeuten.
m.E. hat das methode - je mehr deutungsvektoren zu einem begriff existieren, umso unwahrscheinlicher wird es, daß man einander versteht …
... und zu einer (mehrheitlich annehmbaren) lösung für ein problem kommt.
ein paar einstiegsbeispiele:
soziale Gerechtigkeit
eine wortkombination, die zwei gegensätze beinhaltet - sozial ist niht gerecht, und umgekehrt …
Sozialschmarotzer
sind m.E. zb. mißwirtschaftende millionenkassierende manager (u.ä.) ...
Rentnerschwemme
ohne kommentar …
Kamerad, Kameradschaft
siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Kamerad : positive und mehr oder weniger negativ behaftete Verwendungen …
StaSi
was will mir dieses wort eigentlich sagen ???
Terrorismus
“Definition
Der Begriff des Terrorismus selbst ist umstritten. Trotz mehrerer Versuche konnte bis heute keine staatenübergreifende Definition gefunden werden. Die Grenze zwischen „Widerstandskämpfer“ und „Terrorist“ ist weltanschaulich geprägt und daher oft strittig. ” (http://de.wikipedia.org/wiki/Terrorismus)
Reform, Reformstau
in der politik angewendete sprachliche verschleierung für immer mehr sozialabbau …
Gesundheitsreform
manche krankenkassen nennen sich schon “gesundheitskassen”.
etc. pp. ...
“Gesundheitsreform
manche krankenkassen nennen sich schon “gesundheitskassen”.”
Dem Begriff Gesundheitsreform mangelt es sehr an Logik. Aber wenn man ihn - dem Gesundheitskassenbeispiel folgend - umkehrt, kommt dabei eine Krankheitsreform heraus.
Da wäre mein Reformvorschlag Nummer eins:
Ab sofort sind Masern nicht mehr rot, sondern grün!
Dann sehen die Kinder wenigstens lustig aus, wenn sie krank sind.
(Doch, ich darf das sagen - ich hatte selbst die Masern! Und, bitte, liebe Eltern: Lasst Eure Kinder impfen - sonst werden die später so wie ich, das sollte Warnung genug sein!)
buchstäblich hat diesen Beitrag 27.12.2007, 15:46 geändert
Verteidigungsministerium ist ja auch so ein Euphemismus. Alle wollen sich bloß verteidigen, gell? Früher hieß es so wie das, was drinsteckt: Kriegsministerium. Und trotzdem war die Zahl der Kriegsbefürworter größer.
Damals gab es aber auch noch keine Entsorgungsparks.
Und Sorgenkinder steckte man sowieso in die Erziehungsanstalt.
Wenn man sich die Methoden in solchen Anstalten anschaut, möchte man manchmal anstatt von Erziehen schon von Erdrücken sprechen…
Zum Begriff Reform habe ich jüngst bei Konrad Paul Liessmann (Theorie der Unbildung - die Irrtümer der Wissensgesellschaft) gelesen:
“Ist heute von Reformen die Rede, wird in der Regel das Gegenteil intendiert. Entstaatlichung, Privatisierung, Risikobereitschaft, Eigenverantwortung und Eigenvorsorge, Flexibilisierung, Kürzung der Sozialausgaben, Erhöhung der Sozialbeiträge, Elitenbildung und Zugangsbeschränkung sind dafür die Stichworte.”
Reformieren, aus dem 15. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnter Begriff, meinte ursprünglich, eine Sache, die zu entgleiten drohte, wieder in ihre ursprüngliche Form zu bringen. Luther wollte ja auch keine neue Kirche, sondern eine, die sich unter Rückbesinnung auf ihre alten Aufgaben erneuert. Bei den ganzen Reformen, von denen wir hören, merke ich nun leider nichts, aber auch gar nichts von Rückbesinnung auf alte Aufgaben. So heißt Reform heute eher, einer Sache nicht nur eine neue Form zu geben, sondern die Sache an sich umzuwandeln in etwas Neues. Das muss ja nichts schlechtes sein, nur sollte man es dann nicht mehr Reform nennen.
musicafides hat diesen Beitrag 29.12.2007, 09:46 geändert
danke für den hinweis!
“Theorie der Unbildung” =
Verlag: Zsolnay, 2006
ISBN-10: 3552053824
ISBN-13: 978-3552053823
nein, etwas schlechtes MUSS eine reform (auch in heutiger deutungsweise) nicht sein.
allerdings kann man hier eine sehr berühmte frage zitieren: ” ... wo bleibt das positive?”
etwas positives kann ich nämlich bei keiner der sog. reformen erkennen …
Siri,
auch nicht bei grünen Masern? Ach komm …
:D
noch ein reizwort: w e r t f r e i …
Ja, ja: Wertfrei und vorurteilsfrei.
Ist doch prima : Frei von Werten sowie frei von Vorurteilen! Freiheit ?
BerndB hat diesen Beitrag 29.12.2007, 20:21 geändert
Ich fürchte, so hätten es viele gern.
Da fehlt noch eins: gewaltfrei.
Etwa dasselbe wie: gewaltlos?