gestartet von sybill (17.11.2007, 23:17)
Als Nicht-Hessin in Hessen zu Hause. Das Land erkunden, die Menschen kennerlernen und verstehen (!). Wer sind die Hessen? Was fehlt uns Zugereisten hier und was beglückt uns? Geschichten, Geschichte, Geschichten will ich hören.
Ich bin Physiotherapeutin. Zu Beginn meiner Karriere als Nicht-Hessin arbeitete ich in Bad Wildungen im Krankenhaus. Bad Wildungen ist ein Kurort im Landkreis Waldeck-Frankenberg.
Ich also, frisch aus Berlin eingereist, verliebt in einen Fischkopf, der in Kassel lebte, stehe am Bett eines älteren Patienten. Der Mann hatte irgendwas am Bein, irgendwas am Kopf -und an den Ohren. Seine Frau war anwesend, als ich das erste Mal kam um mit ihm Übungen zu machen. Ich also: “Guten Tag, mein Name ist, und ich bin die…...könnten Sie mal bitte gerade Ihr Bein anheben?” Nichts geschieht, er ratlos:”Hä?” Seine Frau guckt angestrengt. Ich nochmal:” Das Bein, bitte mal anheben” Seine Frau guckt mich an, dann ihren Mann und sagt: “Mensch, jetzt moche mol das Bein hoa”. Schwupps, war das Bein oben. Das Bein - hoa. Naja.
Dann ging es um Terminabsprache. Ich sagte:”Ok. Ich komme dann am Mittwoch wieder” Er schaut sie an. Sie:” Am Middewoa kommt es wieda”.
Es (weibl. Form für sie, in dem Fall also ich). Middewoa.
Ach ja, dachte ich mir, willkommen in der Fremde.
Der nordhessische Dialekt blieb mir all die Jahre, die ich dort verbrachte, einfach fremd. Das war nichts für mich.
Jetzt bin ich in Mittelhessen. Hier sagt man “gelle”. Das erwärmt mein süddeutsches Herz. Hier sagt man “Ach, das kenn ich jetzt net”. Das erwärmt mein österreichisches Herz. Jetzt kommt wieder alles zusammen. Nur die Küche… Leute, die Küche.
sybill hat diesen Beitrag 18.11.2007, 12:40 geändert
Ich werde 2008 ins Hessenland ziehen. Zu 99 Prozent Südhessen. Ich brauche mehr Infos über die Bergstraße - genauer - über den Ort BENSHEIM. (habe dazu 2 Themen eröffnet)
Kurz nach der Wende sind ein paar Hessen zu uns nach Jena gezogen. Mit diesen Leuten verstehe ich mich sehr gut. Sie gehören schon lange zu meinem Freundeskreis.
Ich bin sehr gespannt, wieviel hier über die hessische Lebensart geschrieben wird.
Was weißt du denn schon über die hessische Lebensart? Erzähl! Hier sollen doch die Nicht- Hessen zu Wort kommen.
Sie haben eine ganz schön freche Zunge, lach…
muaresis hat diesen Beitrag 18.11.2007, 12:58 geändert
Nicht aufs Maul gefallen? Ich vermute mal, das dass typisch für die Südhessen ist.. Das täte mir auch gefallen.
Ich habe hier die verschiedenen hessischen Dialekte gefunden:
http://www.hr-online.de/website/rubriken/freizeit/index.j…
Die Nr. 1 ist - ganz klar - Frankfurt. Dann Hambach (Bergstr u Rheingau/Taunus), Trebur und Braunshardt.
Hier in Jena ist ne gute Mischung an Zugezogenen: Kirchhain, Hanau und Frankfurt.
muaresis hat diesen Beitrag 18.11.2007, 12:49 geändert
Ich war heute in unserem Heimatmuseum. Dort saß ich in kleiner Runde mit den ältesten Damen des Dorfes. Die sprachen einen Dialekt der mich umgehauen hat - ich habe nichts verstanden. Und es klang nicht hessisch. Es klang sehr sehr fremd. Wir haben viel gelacht und die Damen kamen rasch zur Sache (“mir san jo domols net aufgeklärt woan.” Allseitiges Gekichere.. “Awa blöd warn mir aa net” Lauteres Gekichere…) Die Leute sind kontaktfreudig und äußerst erzähllustig.
Das gefällt mir. Nach bald 13 Jahren erwärme ich mich für die Hessen….
sybill hat diesen Beitrag 18.11.2007, 19:32 geändert
Bin auch ein Zugezogener, aber ich lebe mittlerweile seit 7 Jahren in Offenbach. So langsam kapiere ich schon, wie die Leute hier so ticken. Wobei es gerade im Raum Rhein/Main sowas von unterschiedliche Ausprägungen von Hessen gibt… unglaublich! Jede Stadt hat da eine andere Aufgabe. Wenn ich mal mehr Zeit habe, schreibe ich vielleicht mal was drüber.
@sybill: Das mit der Aufklärung ist klasse!
Karamelisator: bitte schreib etwas mehr!!!
Hallo Ihr Lieben,
bin seit 4 Monaten in Hessen, zugezogen aus Bayern, und vergleiche natürlich noch alles. Momentan schneidet Hessen noch schlecht ab, Heimat wird´s wenn man es anfängt zu verteidigen.
Hey Karamelisator, von Dir hatten wir´s gestern auf der QCN in Frankfurt, die richtig schön war, und viele haben bedauert, dass man von Dir so gar nichts mehr hört bzw. liest. Wie geht´s??
Ihr Lieben, endlich bin ich mal lesend da und da fällt mir so unendlich viel ein zur hessischen Lebensart…
Abweisend sind sie. Abwartend. “De Kat uit de boom kijken”, so nennt man das in Holland. Erst mal geduldig gucken, was das für ein fremdes Vieh ist, das sich im Baum vorm Haus niedergelassen hat.
Und in den Jahren hier im Hessischen, habe ich richtig nette Leute kennengelernt. Und wie man da so ins tiefere Gespräch kommt, ob der gegenseitig empfundenen Herzlichkeit und Sympathie und dann fragt: “Wo kommst du eigentlich her?” Aus Pirna.
Eine andere: Vom Niederrhein.
Und so erweist sich bei genauerem Hinsehen, dass es sich hier doch um einen Schmelztiegel handelt. Tolle Leute aus allen Himmelsrichtungen haben sich hier niedergelassen und verdienen ihr Brot. Und neulich habe ich im Supermarkt Handkäs mit Musikk erstanden, der war gut durchgezogen und schmeckte mir noch immer nicht. Das wollte ich ja nur wissen. Weils in Holland keinen Handkäs gibt. Harzer Roller ist da ein echtes Fremdwort.
Es braucht eine kleine Weile, ehe der Hesse warmwird. Das kann manchmal ganz schnell gehen. Aber meistens dauert es. Die Hessen sind eher bodenständig und nicht heißblütig. Aber sie sind auch nicht oberflächlich. Ich habe wichtige Jahre meines Lebens in Hessen verbracht und so wird Hessen immer zu meinen besonderen Interessengebieten gehören.
Eine wunderbare Buchempfehlung habe ich für euch:
Erwin Ungermann, “Vor meinem Vaterhaus steht keine Linde”, Aus einem Wetterauer Dorf im Hanauischen.
Erschienen 2002, Erwin Ungermann, Schneidhainerstrs. 26a, 61462 Königstein. ISBN 3-00-008515-7
Ich hatte bis zum Lesen dieses Buches noch nie von Kiliansädten gehört. Danach kam es mir vor, als wäre ich dabeigewesen.
So viel Lachen, so viel Humor und Nachdenkliches, so viel über die Geschichte Hessens so vergnüglich erzählt.
Wunderbar.
In Bayern würde man sagen, ich sei eine Zugreiste, aber in Hessen habe ich dann schließlich doch kritische Wurzeln geschlagen.
Das könnt Ihr meinen Beiträgen über Bad Nauheim entnehmen.
Nachdenklich,
Hexje
schön, was du geschrieben hast, Hexje…
Ach ja, Karamelisator, du bringst mich auf Ideen. Offenbach. Die Stadt des Leders. Und war da nicht auch was mit den Gebrüdern Grimm? Sei´s drum. In Frankfurt jedenfalls schüttelt sich so mancher Alteingesessene, wenn er ein Autokennzeichen mit OF sieht und murmelt dann: “Ohne Führerschein!” Und die Fußballfans aus OF und FFM können sich sehr herzlich hassen. Das hält man schier nicht für möglich. Aber seufzend füge ich hinzu, dass die Fußballfans von Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam einander ganz genauso hassen. Das ist für die Ordnungshüter jedesmal eine gigantische Aufgabe und rund um die Stadien herrscht dann Alkoholverbot. Auch Kneipen, Buden und Tankstellen dürfen dann keinen Alkohol verkaufen und beim Einlass ins Stadion gibts Leibesvisitationen und Taschenkontrollen. Motto: Keine Waffen und kein Alkohol.
Es scheint, als gelte bis heute: “Gebt dem Volk Brot und Spiele” und als könne mensch ohne Sündenbock oder verbal oder tatsächlich zu prügelnden Gegner nicht auskommen.
Es geht de Menschen wie de Leut.
Jetzt gehe ich Fußball gucken. Völlig neutral, denn Holland ist schon raus und Deutschland muss erst noch spielen. Also entspannt zugucken zwischen der Sonne Spaniens und der Italiens.
Ausnahmsweise sportlich
Hexje