gestartet von sidifferent (03.04.2008, 20:30)
Ich wollte mich an dieses Thema eigentlich gar nicht ranwagen, aber man hat mich aus der Community heraus ermutigt. Ich kriege bestimmt wieder nur Schläge, aber in diesem Fall möchte ich mich denen stellen, denn das Thema liegt mir am Herzen.
Ich finde, dass man in Deutschland viel zu viel über Kosten von Lebensmitteln redet und zu wenig über die Qualität. Deutsche kaufen viel zu preisbewußt und zu wenig qualitätsbewußt ein. Ja, jetzt werde ich wieder hören, dass preiswertere Ware nicht unbedingt schlechter sein muss. Thema Aldi. Blabla.
Fakt ist: der Prozentsatz vom Gehalt, den die Deutschen für Nahrungsmittel ausgeben, sinkt ständig (von ca. 50% in der 50ern auf unter 20% heute).
Und trotzdem wird ständig an den Preisen rumgemäkelt. Als Marktforscherin höre ich mir das in Gruppendiskussionen mit Konsumenten und auch mit Köchen ständig an, und kann innerlich nur den Kopf schütteln. Ich denke, dass Deutsche einfach dem Essen zu wenig Aufmerksamkeit schenken und immer noch die Quantität über die Qualität loben. Außerdem bin ich immer wieder erschüttert, wie niedrig das Kenntnis-Niveau ist, wie man Qualität richtig einschätzen kann.
Kleines Beispiel am Rande: In meiner Studentenzeit in den 1970ern haben 3 TK-Wiesenhof-Hähnchen im Angebot 10 DM gekostet (und das fanden wir schon super billig), kürzlich habe ich 3 TK-Wiesenhofhähnchen für 5 Euro im Angebot gesehen. Und das finden Konsumenten völlig in Ordnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Qualität gestiegen sein kann.
Bei normaler Inflation ein Produkt nach mehr als 30 Jahren zum gleichen Preis anbieten zu können … damals war Wiesenhof schon ein Garant für Fliessband, was ist es dann heute ? Brrrrrrrrrr
Gegenbeispiel (auch als Vergleich zu Wiesenhof): Eine Pizza mit Tomaten und Käse hat damals ca. 4 DM gekostet, heute kostet sie ca. 7 Euro.
Man hat heute viel mehr Optionen, sein Geld auszugeben (z.B. Elektronik, Kommunikation). Es muss ja ein Handy, ein Flachbildschirm, ein DVD-Recorder, eine Schüssel, ein PC der neuesten Generation und was weiss nicht sein, und das muss ja auch ständig auf den neuesten Stand gebracht werden. Deshalb haben die Leute das Gefühl, kein Geld zu haben.
Nicht zu vergessen die Urlaubsreisen, die natürlich vor allem All-inclusive gebucht werden.
Und dadurch werden Lebensmittel und ihre Herstellung in den Hintergrund gedrängt. Das ist in Deutschland auch einfach, denn Essen war in Deutschland schon immer eher Nahrung und weniger bewußter Genuss als in Frankreich oder Italien.
Ich kann das Gelabere über zu hohe Lebensmittelpreise nicht mehr hören.
Was meint ihr dazu?
sidifferent hat diesen Beitrag 03.04.2008, 21:09 geändert
Ich kann das Gelabere über die Lebensmittelpreise nicht mehr hören.
Ich auch nicht. Reden wir über was anderes!
(SCNR)
Sancho hat diesen Beitrag 03.04.2008, 20:37 geändert
Und über was wünscht Sancho denn zu reden ? Ein neues Thema gleich im Ansatz abzuwürgen, finde ich nicht fair.
SCNR = „Sorry, Could Not Resist“
Es war ein Scherz, sidifferent. Ich finde das Thema durchaus interessant und wollte es auf gar keinen Fall abwürgen. Die Formulierung gab mir nur eine viel zu verlockende Vorlage :)
Andererseits hast Du ja die wichtigsten Aspekte schon skizziert. Über die Fakten wird man also wohl nicht diskutieren können, höchstens über deren Interpretation. Ich teile Deine Meinung in vielen Punkten.
Sancho hat diesen Beitrag 03.04.2008, 21:01 geändert
dto.!
@sancho: die von mir gelieferte Steilvorlage zu Deinem Kommentar fällt mir jetzt auch auf; prima, dass Du es so schnell gemerkt hast. Die Frage ist aber nach wie vor im Raum, wie man den Deutschen Qualität und Genuss vermitteln kann
sidifferent hat diesen Beitrag 03.04.2008, 21:21 geändert
!!!ha ””“schaut ihr kein Fernsehn ??auf allen Sendern wird gekocht was das Zeug hält und von mangelnder Qualität der Waren die dort zubereitet werden kann da wirklich keine Rede sein .Es scheint so als würde ganz Deutschland die Rezepturen nachkochen,aber ich gebe zu bedenken das immer mehr Haushalte sich es nicht mehr leisten können teure Lebensmittel in Feinkostgeschäften zu kaufen.Wobei Aldi mit seinen billigeren Varianten durchaus mithalten kann in Qualität und Frische ,viele Menschen haben aber nicht die Wahl sie müssen ihre Familien ernähren.Schaut euch mal an wie viele sich bei den Tafeln mit Lebensmitteln versorgen müssen.
Das Problem der wachsenden Armut ist eines, das der allgemeinen Sparfuchsmentalität, auch bei Leuten, die es nicht nötig hätten, ein anderes.
Ich verstehe, dass wenn jemand keine Kohle hat, er sparsam leben muss.
Dennoch würden vergleichbare Menschen in Frankreich oder Italien eher nicht in die Ferien fahren oder auf die neue Glotze verzichten, als minderwertiges Zeug zu kaufen.
Neulich las ich unter einer Mail eines Winzers:
“Wenn Sie für eine Flasche Wein nicht mehr ausgeben wollen, als für einen Liter Benzin, sollten Sie sich nicht wundern, wenn das eine wie das andere schmeckt.”
Ähnliches gibt es als Vergleich für Speiseöl zu Motorenöl, da kriegt der Wagen sehr viel mehr Aufmerksamkeit als der Magen.
Ich glaube, dass die Gesellschaft sich hier in mindestens zwei Lager teilt. Diejenigen, die es ermöglichen, dass die ganzen Koch-Sendungen existieren können und die sich mit ihrer Ernährung freud- und genussvoll beschäftigen. Es gibt aber auch einen riesengroßen Teil der Bevölkerung, bei dem aus irgendeinem Grund das Interesse für vernünftige Ernährung einfach nicht vorhanden ist, woraus dann auch eine Unwissenheit resultiert, welche Lebensmittel gut sind und welche man lieber nur selten zu sich nehmen sollte.
Ich finde es übrigens nicht verwerflich, nicht so viel Geld für Lebensmittel auszugeben.
Erschütternder finde ich es, dass ich den Eindruck habe, dass gerade die Haushalte, die nicht viel Geld zur Verfügung haben, gerne zu Fertiggerichten greifen, anstatt frisch zu kochen - was meiner Ansicht nach wesentlich günstiger ist als Fertiggerichte zu kaufen. Ebenso erschütternd finde ich, dass man in den Supermärkten einen Einkaufswagen voll mit ernährungsphysiologischem Schrott für weniger Geld als einen Wagen voll Gemüse und Obst bekommt.
Ich glaube nicht mehr daran, dass es eine Chance auf Einsicht und Aufklärung gibt. Anders kann ich es mir nämlich nicht erklären, dass 75% der deutschen Männer und 59% der deutschen Frauen übergewichtig sind und das auch munter an ihre Kinder weitergeben, die schon in jungen Jahren an Zivilisationskrankheiten wie Altersdiabetes und Herz-Kreislaufstörungen leiden.
Ich würde es am liebsten sehen, wenn Lebensmittel mit einem hohen Zucker- und Fettgehalt ähnlich gehandhabt würden wie Zigaretten, z.B. “Dieses Müsli kann starkes Übergewicht verursachen.” - oder mit einer “Ampel”, die Herr Seehofer aber einst ablehnte, weil dann bestimmte Lebensmittel diskriminiert werden würden. Gerne dürfte diese Kennzeichnung auch mit Steuern verbunden sein, die von mir aus in die Subventionierung vernünftiger Lebensmittel fließen dürften. Gesunde und gute Lebensmittel sollten günstiger sein als Chips und Schokolade, finde ich.
Die nächste Baustelle wäre, wenn es nach mir ginge, der übermäßige Fleischkonsum hierzulande, der ohne Massentierhaltung nicht zu bewerkstelligen wäre. Natürlich könnten dann auch die Preise für Fleisch nicht gehalten werden, wie Wiesenhof das offenbar irgendwie schafft - da müssen die Leute umdenken, die meinen, jeden Tag Fleisch essen zu müssen.
Vieleicht wäre es ja auch heilsam, für jeden mal eine Besichtigung in einer Massentierhaltungsanstalt anzubieten. Denn jedem, der Billigfleisch (oder Gammelfleisch ;-) kauft, muss auch klar sein, dass er damit die Massentierhaltung unterstützt.
So, und nun warte ich auf Schelte. ;-)
Serviervorschlag hat diesen Beitrag 03.04.2008, 22:55 geändert
War das ein Serviervorschlag?
Ähnlich empfinde ich die Preisgestaltung von Getränken in Gaststätten: es ist mitunter billiger, sich die Hucke vollzusaufen, als einen guten Saft oder gar gutes Wasser zu trinken - wenn überhaupt eine Auswahlmöglichkeit besteht.
Übrigens, gegen Übergewicht läßt sich auch was tun, schau mal in die Gruppe Laufen :)
Sancho hat diesen Beitrag 03.04.2008, 22:52 geändert
Ja, das war ein Serviervorschlag. ;-)
Stimmt, das den Getränken finde ich auch dubios.
Ach. Die Laufgruppe hilft bei Überergewicht? Guck ich gleich mal vorbei. ;-)
... ich habe geguckt und stell mich gleich mal auf die Waage. Fühl mich aber schon viel dünner ;-)
Serviervorschlag hat diesen Beitrag 03.04.2008, 23:04 geändert
Doch, wir schauen Fernsehen und auch diese Kochshows. Und wissen auch, dass diese Shows wenig mit Tendenzen zum Kochen und Einkaufen und so gut wie keinen Einfluss auf die Kochgewohnheiten im eigenen Heim haben. Leute schauen diese Shows, finden sie auch amüsant, aber sonst passiert nicht viel.
Und auch diese interessanten neuen Genres: Profikoch gegen Lieferservice (letzteres auch eine Branche, die es vor 30 Jahren noch nicht gegeben hat) werden nicht viel bewirken.
Und ich sehe gern auch mit würgender Begeisterung die ständigen Beiträge auf Kabel1 zu XXL-Schnitzel, Burger, Roulade etc., wo die Leute sich zum Erbrechen vollstopfen.
Über die Qualität der eingesetzten Produkte kann ich in beiden Fällen nichts sagen. Wage aber die Hypothese, dass diese in keiner Kochshow eine Rolle spielt.
Ich möchte es hier noch einmal präzisieren: Solange gute Lebensmittel mit Unterhaltung, Reisen, Dekoartikeln etc konkurriert, wird in Deutschland das Lebensmittel immer verlieren.
Lieber_sancho_ : dass Du im Nil gerne isst, zeigt, dass Du
A. das Geld dafür hast
B. gern gut essen möchtest
Aber das hat doch mir Deinen Einkaufsgewohnheiten nichts zu tun, um die es hier geht
Es gilt ja als erwiesen, dass die Zunahme der Kochsendungen nicht zu einem Umsatzrückgang in der Fast Food Branche führt. Die Engländer haben es vorgemacht, die Deutschen ziehen nach. Man schaut diese Sendungen eher unter dem Aspekt Unterhaltung, man ist weniger am Lernen interessiert.
Obwohl sidifferent mit seiner Einschätzung zu 100% Recht hat, muss ich doch anmerken, dass Deutschland in den letzten 5 Jahren einen enormen Schritt nach vorne gemacht hat. Noch nie war die Qualität von Essen und Trinken so ein Thema wie heute. Während sich in Frankreich und Italien die Esskultur über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat, muss gerade der protestantische Teil Deutschlands, diese Entwicklung innerhalb kürzester Zeit bewältigen. Das ist schwierig. Im Moment haben wir in der Mittelschicht die Situation, dass Kochen ein Event ist. 6 Tage die Woche isst man Sch…, aber Samstags wird auf den Markt gegangen, es werden 150 EUR den Kopf gehauen und dann werden die Freunde eingeladen. Diese Ausflüge werden zu einem kontinuierlichen Anstieg des Anspruches bei den Leuten führen. Da bin ich mir ganz sicher.
Zur Armut: wenig Geld zu haben, muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass man schlecht isst. Es ist ja fast das Gegenteil der Fall. Gerade die mediterrane Küche ist tendentiell ein Essen, das auch für Wenigverdiener leistbar ist. Fakt ist, dass Fertigpizza und Ravioli aus der Dose im Vergleich zum Selberkochen sauteuer sind, aber gerade ärmere Menschen verzehren verhältnismäßig viel davon. Frisch zubereitete Spaghetti Bolognaise und ein Salat dazu, das ist deutlich preiswerter. Da sollen sich die Hatz IV Empfänger das Zeug bei Aldi holen, da hab ich kein Problem damit. Vom Mittelstand sollte man aber schon erwarten dürfen, dass er die Verantwortung für seine verzehrten Lebensmittel übernimmt. Vor allem bei Fleisch ist das ein großen Problem. Man setzt sich nicht mit der Identität des Tieres auseinander und findet das auch noch human.
Leute - nicht das Geld ist unser Problem, es ist die Bequemlichkeit.
sidifferent: Jetzt muss ich mal ganz doof nachfragen: Was sind für Dich gute Lebensmittel? Zwangsläufig nur die, die teuer sind?
Ich meine: Ein Sack Kartoffeln, ein Paket Quark und Kräuter für Pellkartoffeln mit Kräuterquark sind nicht teuer, bekommen von mir aber das Prädikat “gutes Lebensmittel”.
Wie Berno auch geschildert hat, kann man sich für relativ wenig Geld vernünftig ernähren.
Serviervorschlag hat diesen Beitrag 03.04.2008, 23:17 geändert