gestartet von gelöschtem Nutzer (03.08.2007, 17:00)
Inhalt, Inhalt und nochmals Inhalt. Was nicht relevant ist, verdient nicht, gelesen zu werden. Wobei der Versuch am “kleinen Thema” manchmal besonders reizvoll ist. Die Form folgt der Funktion.
ich kann beide kaum trennen. wenn ich mich jedoch entscheiden müßte, sicher für die form. eine bloße auflistung von fakten kann mich kaum faszinieren, eine faktenarme aber erlebensreiche beschreibung eines andernfalls kaum zu beachtenden moments dagegen sehr. gerade bei qype fällt mir das immer wieder auf. lieber sind mir immer die beiträge, die ich ‘gut geschrieben’ als ‘hilfreich’ finde – auch wenn dies oft, wie eingangs erwähnt, hand in hand geht. inhalt in reduzierter form ist – ein skelett; form mit reduziertem inhalt – zb ein gedicht.
mitunter reicht ein guter satz, ein wort. beckett am ende seines lebens auf die frage, was er noch schreiben wollte: ein wahres wort.
form follows function, cooler slogan eines genialen konstrukteurs, den verbesserer von mitteleuropa scherte das einen dreck. und genau das ist es halt auch: den individuellen stil in die welt hinauspublizieren!
@felika: Natürlich kann man beides nicht trennen. Wenn mir der Inhalt wichtig ist, meine ich keine schnöde Aufzählung von Fakten. Die Form, der Stil wächst bei Handwerkern – und schreiben ist Handwerk – aus dem Inhalt. Aus dem was er zu kommunizieren versucht.
@Lokalreporter: Schön das du Samuel Beckett magst.
lenz, da wirfst du eine interessante frage auf. die form, sagst du, wächst beim handwerk aus dem inhalt – ich versuche mir das bildlich vorzustellen und denke, wenn ichn zb eine kirche baue, dann brauche ich für den inhalt gottesdienst bestimmte formen wie zb raum für einen altar. ich kenne es vom schreiben auch andersherum, dass ich zu schreiben beginne ohne den inhalt vorher zu kennen, und eher in der form – einem bestimmten stil – bleibe, und der inhalt dann aus dem verfolgen dieser form erwächst. sicher ist, dass ein inhalt nie faßbar wird, wenn man ihn nicht in eine form bringt (auch ein skelett oder eine aufzählung ist schließlich eine form), und dass eine form nie ohne inhalt existieren kann. was bleibt, ist wohl immer eine gewisse passung zwischen form und inhalt – so kann man einen gottesdienst auch ohne kirchenschiff in einem wohnraum durchführen, ich nehme aber an, dass er sich für die beteiligten dann immer anders anfühlen würde. ich denke, in der sache sind wir uns einig – ich hänge wohl vor allem am ‘follows’ und würde dieses nacheinander durch ein indem ersetzen wollen: indem ich inhalt kommuniziere (oder sonstwie handwerklich umsetze), wird er form, und indem ich mich einer form annähere, entsteht inhalt.
Mensch, das ist schwierig, weil du ja Recht hast. Um beim Beispiel Kirchenbau zu bleiben: Unter Inhalt könnte man da die Absicht, Menschen Glaube, Gottesfürchtigkeit etc. zu vermitteln, definieren. Da dieser Inhalt sich im Denken der Menschen gewandelt hat, enstand dann jeweils eine andere Form. Himmelstrebend in der Gotik, ganz im Hier und Jetzt in der Renaissance. Es enstanden je nach Inhalt zwangsläufig verschiedene Stile.
Schreiben ohne den Inhalt vorher zu kennen, ist interessant. Das geht. Ich hatte mal den Auftrag, einen “traurigen” Text zu schreiben. Einfach nur eine traurige Stimmung zu erzeugen. Oder eine fröhliche etc. Das war die Formvorgabe. Ich habe diese Form dann mit traurigen Assoziationsbildern gefüllt. Insofern ist meine These “form follows function” nicht immer richtig.
übers schreiben schreiben, ist ein sehr intimer vorgang.
das beste daran: die herausforderung, es ist wie einen berg besteigen.
nach strapazvollen stunden stehst du auf dem gipfel, du streckst deine arme aus, umarmst das universum -> ein unbeschreibliches gefühl überkommt dich [ein glücksgefühl?], du überschreitest deinen lebenssinn, schaust über den tellerrand, bist high!
wenn ich nach langem ringen mit einem anspruchsvollen text auf dem gipfel steh und mich unterm gipfelkreuz niederlass, empfinde ich ähnlich.
was ich mir vorgenommen habe ist getan, ein unsentimentaler, sehr befriedigender zustand!
@lenz: mir macht diese art zu schreiben besonders spaß. zugleich ist es auch abenteuerlich, mitzubekommen, was für inhalte so aus einem heraus entstehen. spannend, dein trauriger text. übrigens ist da inhalt und function nicht direkt gleichzusetzen: die funktion war ja, eine bestimmte stimmung – also form – zu erzeugen. insofern stimmt dein satz da wohl doch. vielleicht sollte man funktion einfach zu inhalt und form hinzufügen, eine art dreisatz. vielleicht lassen sich form und inhalt immer unterschiedlich funktionalisieren. ich denke zb an alte propagandareden aus dem 3. reich: damals war die funktion, massen mitzureißen. heute, bei identischem inhalt und form, liegt die funktion eher im gruseligen, mahnenden erschrecken.
@lokalreporter: je nach dem kann ich nach, oder während eines textes auch statt auf einem gipfel mich tief im sumpf wiederfinden. finde beides meist recht sentimental – und befriedigend, das auch. allein so mittendrin zu sein.
felika, du hast recht, der gipfelstürmer kommt tatsächlich ganz schön verklärt daher.
Ich liebe Euch alle für diese Diskussion!
Jeder träumt natürlich vom perfekten Inhalt in maximal ausgereifter Form. Was dann in einem Beitrag führend ist, was den Reiz ausmacht, kann man oft vorher nicht sagen. Allerdings muß ich sagen, daß man tatsächlich über ganz banale Dinge tolle Artikel schreiben kann, die einen selbst und viele Leser erfreuen, indem sie einfach fröhlich geniesserisch in Worten baden, wobei dann eher die Präzision des Entstandenen als eine etwaige Wortflut fasziniert – und so finden wir auch selten einmal ganz kurze Beiträge, die dennoch sofort etwas in uns auslösen…