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Ich bin 6Kraska6 aus Duisburg. Ich bin Qyper seit dem 18.07.2008

"Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern. (Franz Kafka)"

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Profil von 6Kraska6

Magister Kraska - Duisburg

Virtueller Platz, 47053 Duisburg

11.04.2011

A short Goodbye (Let's all drink to the death of a clown)

Nur zur Information, Ihr Lieben, ohne Melodramatik und Knalleffekt: Ich mach mal Pause. Ich schreibe strikt nach dem Lustprinzip, und dieses spricht zu mir und sagt: Qype? Och nö, keinen Bock mehr! – Es sind nun doch mal wieder zu viele meiner Lieblingsschreiber und -leserInnen, die gegangen sind oder stillschweigend das Handtuch geworfen haben. Nichts ist für ewig. „Puh, Manno, na endlich!“ wird man im Head Office wohlig aufstöhnen. Ich weiß. Ich gelte eh nicht als besonders sachorientierter Schreiber, aber dennoch: Nach über 500 Beiträgen ist mein überschaubares Geddo jetzt mal auch bis zur letzten Döner-Bude abgegrast, und da ich nicht viel reise, habe ich der Verbraucher- und Kulinarikerwelt momentan auch nichts zu melden. Statt auf einer Glatze Locken zu drehen – was ich nach Ansicht mancher ohnehin schon immer mache – werde ich jetzt mal eine Weile die Klappe halten. Schweige-Heilfasten soll ja auch ganz gesund sein.

Ich komme gelegentlich vorbei, um zu schauen, was Nicht-Langweiliges publiziert wird. Ansonsten bin ich mal für ein paar Monate (schätze ich) weg. Ich bedanke mich herzlich für die ca. 25.000 Komplimente, die ebenso vielen „Punkte“ und die bunten Medaillien. Sorry, folks, ich bin so müde. Die happy few, die immer noch nicht die Nase von meinem kruden Geschreibsel voll haben, dürfen dieses gern auf meinem Blog http://6kraska6.wordpress.com/ weiter verfolgen. Unter meinen rund 200 Kontakten gibt es rund 50, die ich sehr lieb habe. Da sie schon wissen, wer gemeint ist, nenne ich keine Namen. Wie? Ja, natürlich, DU gehörst auch dazu.

Keep on rockin’!

Euer Magister Kraska

DerGeduldmanager Fast so zündend wie das Olympische Feuer. Ach, wenn es doch eins wäre!

Auszeichnung für "Very Important Qyper", kurz "VIQs"

TamaraJott Jetzt bin ich wieder öfter bei Qype, und ich wünschte, der Magister käme ebenfalls zurück!

Grünzug Hochfeld (barrierefrei) - Duisburg

Sedanstraße, Eingang Sedanstraße, 47053 Duisburg

11.04.2011

Der „Grünzug Hochfeld“ ist ein kleiner Park im Geddo, der kürzlich, unterfüttert von EU-Fördergeldern und mit Hilfe beeindruckenden Bagger-Aufkommens „barrierefrei“ gemacht wurde. Eigentlich sieht er aus wie zuvor. Er wehrte sich auch früher schon nicht mit Barrieren, wenn die ortsansässigen Nomadengruppen bei Sonnenschein ihrer Lieblingsfoklore nachgingen – dem Grillen. Am Sonntag erfüllten vor-österliche Grillschwaden von verbranntem Hammelfett barrierefrei das gesamte Viertel. Ich wappnete mich mit Fahrrad und Hölderlin:

„Gang aufs Land
Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.

Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes

Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.

Trüb ists heut, es schlummern die Gäng' und die Gassen und fast will

Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.

Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtgläubige zweifeln an
Einer
 Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.“
(Friedrich Hölderlin)

Ooch, na ja, so schlimm war es dann gar nicht – gar nicht so eng und bleiern, es glänzte sogar, ozonlochbegünstigt, eher „ein Vieles“ vom Himmel, und „leer von Gesange“ ruhte die Luft keineswegs, vielmehr quirilierte und trötete enormes Balkan-Gedudel und Arabesk-Geknödel huldreich vom segensreichen Orient her, bzw. ortsüblich gewordenes fröhliches "Geräusch“: http://cbx.amadyne.net/blog/articles/869/die-welt-wird-do... allenthalben, damit „die Gäng’ und Gassen“ im Geddo nicht schlummern, sondern ausgiebigst nach Heimat klingen, wenn auch nicht eben grad nach der meinigen.

Ich weihte den Sonntag meiner Lust, per Fahrrad durchs Geddo zu patroullieren und hiesige „Rechtgläubige“ zu besichtigen. Im „Offenen“ vulgo kommunal betreuten Park („Grünzug Hochfeld“) knubbelte sich des Volkes dunkle Masse und opferte dem Gott dichte Schwaden verbrannten Hammelfleisches, das fromm zum Himmel stank. Oh dieses Duftes! Ex oriente lux? Mag sein, wesentlicher aber die mobil-transportable olfaktorische Heimat-Tapete. Es gibt da den einen Song von Tom Waits, wo er krächzend behauptet, sein home sei, wo immer er seinen Hut hinhänge. So der Bürger der Neuen Welt. Altwelt-Nomaden haben indes ihr Heim, wo sie das großfamiliäre Grill-Lager aufschlagen; ums Knusperfeuer gelagert genießen sie Tag und Traum, Hammel und Himmel, Lust und Lamm des Frühlings, und versorgen das Viertel mit Atmosphäre.

Manche Besucher sind enttäuscht, wenn ich ihnen mein Geddo zeige – als Sozialromantiker stellen sie sich immer einen Slum, ein town-ship oder eine Wellblechhütten-Favela vor und wundern sich dann über Gründerzeit-Häuser, Parks und Baumbestand. Sehen kann man das Geddo in der Tat schwerlich, riechen indessen schon.

War es im Sinne Hölderlins, dieser edlen Seele, dass ich schließlich, betäubt von Spiritus, Holzkohle und Hammelfett, in meinen 15qm-Hinterhof retirierte, um mich, in Begleitung seiner „Vaterländischen Gesänge“, im Duft des dort anwesenden Wilden Flieders zu ergehen? Fast glaube ich das. Eitel Honigseim und Blütennektar umspielte mich im lauen Frühlings-Zephyr, mir wurde in traulicher Idylle ganz wunderlich, ich träumte von anmutsvollen Nymphen und flötenspielenden Hirtenknaben, von deutschem Wald und griechischen Wiesen, mir kam das Begehren an, zu dichten und zu weinen, und zum ewigholden, heimischen Fliederbaum sprach ich: „Komm ins Offene, Freund“ – lass uns da mal gegen an stinken!

6Kraska6 Tja, Goethe, der Schleimer. Und hatte vom "Östlichen" so viel Ahnung wie unsereins von Polen. Hölderlin aber, der unsterbliche Gymnasiasten-Orpheus, er sang uns vaterländisch ins Elysium! (Was sprechen die da eigentlich? Kann man "elysisch" lernen? VHS?)

Auszeichnung für "Very Important Qyper", kurz "VIQs"

Handkäsfan Östliches, österliches. War das nicht die Frau von Willemer, die östlich, dribbdebach wohnte mit er so gerne nach dem Ostermarsche in der Gerbermühle diwanisierte? Alles übelste Gerüchte! Genau wie jenes er hätte von Hafis geklaut. Goethe geklaut, niemals nicht.

Physikalisch-technische Bundesanstalt - Atomuhr - Braunschweig

Bundesallee 100, 38116 Braunschweig

30.03.2011

Der Deutsche – ein armes Kaninchen auf der Welt

„Der Mensch“ sei, so schrieb einst Nobelpreisträgerin Hertha Müller, eine rumänische Redensart zitierend, „ein großer Fasan auf der Welt“. Mir hat das schon immer irgendwie eingeleuchtet. Der Deutsche, erlaube ich mir, zu ergänzen, ist hingegen eher ein enormes Kaninchen. Das Volk der Jod-Tablettenkäufer, Knut-Betrauerer und Panik-Bürger hat eine zarte, empfindsame Seele. Furchtsam zitternd wittert es in alle Richtungen, hektisch schnuppert, twittert und tickert es sich Gefahren zu, hoppelt im Zickzack, sucht manisch nach Rettung, und fürchtet sich depressiv furchtbar vor dem Tod. Das Böse lauert ja überall. Apokalyptische Reiter: Grippe, Atom, Klon, Dioxin, Islam und was noch alles! Anderen geht das auf den Sack, uns unter die Haut. Nie bekommen wir mal, was wir so dringend benötigen: Ruhe. Unserer Kernkompetenz, Mümmeln und Rammeln, können wir nur noch marginal nachkommen, denn wir brauchen erstmal INFORMATIONEN. Mit aufgestellten Löffeln gieren wir nach Aktualität: Wo müssen wir hin oder weg, Ausschüsse bilden oder Menschenketten knüpfen, Sachen boykottieren, Vorsichtsmaßnahmen ergreifen? Man kann doch nie wissen! Was, verdammt, dürfen wir denn noch essen? Wenn da nun Atom drinne ist oder Gene? Vegetarier dürfen doch keine Gene essen!

Selbst das ziellose Hoppeln wird zum Problem. Wir hängen am Tropf medialer Aktualität. Raserei des blinden Augenblicks. Aktualität ist für das Kaninchen das, was bedrohlicherweise gerade passiert, aber nicht zu begreifen ist. Die online-Medien antworten mit dem liveticker, dem „Wahlfolgen-Ticker“ (!), „Eilmeldungen“ und breaking news sowie jetzt, neuerdings in SPIEGELonline, dem „Minutenprotokoll“. Mindestens minütlich müssen wir ja wissen, woher der Wind weht und was Böses oder Schmutziges er für kleine Nagetiere bringt. Wir brauchen Frühwarn-, nein, sogar Brühwarm-Systeme! Sonst bleibt keine Zeit mehr fürs Wegducken. Andere Nationen grinsen und spötteln über die German Angst. Aber die sind auch keine Kaninchen, oder, um dass Personal des Kinderbuchklassikers „Winnie te Pooh“ zu zitieren, Ferkel. Ferkel ist ein etwas großmäuliges, aber extrem furchtsames Tierchen. Als es zur Jagd auf den rein imaginären „Heffalumpp“ geht, sorgt sich Ferkel nicht darum, was ein „Heffalumpp“ überhaupt ist, sondern grübelt bloß: „Ist es auch gut mit Ferkeln?“

Manchmal zwickt die Medien der Übermut, und sie ziehen auf die Straße, um ihr Publikum zu veralbern. So fragten kürzlich ZDF-Reporter in der Einkaufszone, was die Leute denn jetzt ("nach Japan") von der Braunschweiger Atom-Uhr hielten. Eine gut gekleidete, eher bildungsbürgerlich wirkende Dame, von der German Angst schon ganz grau-grämlich, greinte in die Kamera: „Ja, die muss man jetzt wohl auch abschalten...“ – Wenn ihr mich fragt: DAS ist deutsch!

Vielleicht trage ich zur Kalmierung der Bevölkerung bei, wenn ich desalarmierend beruhige: Die Gefahr einer Kernschmelze besteht bei der Braunschweiger Atom-Uhr kaum. Sie abzuschalten empföhle sich ohnehin nicht. Für Länder ohne natürliche Zeit-Ressourcen ist Atom-Zeit außerdem unverzichtbar, sonst bleiben irgendwann die Kuckucksuhren stehen, Eier könnten nicht mehr auf den Punkt gegart werden und alle verschlafen. Auch erneuerbare Quellen wie Sand- und Sonnenuhren können den enormen Zeit-Bedarf einer modernen Industrie-Nationen nicht decken!

jurgenehre Warum ersetzen sie nicht den Kuckuck durch ein Kaninchen? Ticken tut’s auch!

DerGeduldmanager Ein leichter Überdruss am Texten ist unverkennbar zu entnehmen. Doch muss sich sehr belobter Mensch nicht wegen dieser Schwäche schämen. Er geht in Pause, nicht in Rente!
Ich hoffe, dass er`s bald schon wende. Der Ausfall dauert hier zu lang …

Ordnungsamt Duisburg /Kampfmittelräumdienst - Duisburg

Königstraße 63-65, 47051 Duisburg

26.03.2011

Von Altlasten, Schneekugeln und tibetischen Mönchen

Neuerdings interessiere ich mich für den Buddhismus der Tibeter. Also nicht die für den Westen weichgespülte Version des lieben Onkel Dalai Lama, sondern die alte hard-core-Lehre. Die weisen alten Männer auf dem Dach der Welt waren z. B. der Überzeugung, was uns alltäglich, quält, schmerzt, ängstigt, nervt oder auch nur schwer auf die Kette geht, sei im wesentlichen bloße Illusion, Projektion des Ich oder Einflüsterung mieser Dämonen, nichts Wirkliches jedenfalls. Das hat was, finde ich. Es beruhigt. Man starrt auf den Bildschirm und atmet tief durch: Nothing is real! Kann mich also letztlich kalt lassen. Oder warm: Guckt man in eine Schneekugel, die man schüttelt, friert man ja auch nicht, obwohl drinnen der Blizzard tobt.

Außerhalb der großen Schneekugel – bzw. innerhalb der kleinen eigenen – hat man es schön, aufgeräumt, satt und bequem. Da ist der kleine Mann ganz groß. Kann etwa die Füße auf den Tisch legen und den Strategen spielen. Solln wa Bodentruppen einsetzen? Oder bloß die neuen Marschflugkörper antesten? Mal unsren fetten Eurofighter aus der Hose holen? Ich Fernseh-Depp guck mir startende Bomber an und denk tatsächlich im Stillen: Genau! Bombt den doch weg, den scheiß Diktator, schmort dem seinen verfickten Untergangs-Bunker zu Asche! (Man bleibt ein Kind, trotz allem...) – Das Beste an den elektronischen Medien ist immer noch, dass sie keine Gerüche übertragen können, oder? Der Geruch nach Phosphor, Napalm, verbranntem Fleisch und eiternden Wunden bleibt hinterm Schirm. Gut so! Will ich vielleicht wissen, wie es in den nordjapanischen Ortschaften riecht, wo noch tausende Leichen geborgen werden müssen? Nein, möchte ich lieber nicht.

Gestern hatte ich ein Flugblatt im Briefkasten. Darauf war mein Stadtteil (genau, das Geddo plus Umland) abgebildet, darüber war eine Art Fadenkreuz gelegt, mit so Zonen-Kreisen wie um Fukushima. Erst dachte ich, es handele sich vielleicht um diese neumodischen Kaufkraftanalyse-Diagramme und es ginge um ein neues Möbelhaus oder so. In Wirklichkeit (!) wurde eine weitere britische oder amerikanische Zehn-Zentner-Bombe (= ca. 145 Zentner TNT) aus dem II. Weltkrieg gefunden, mitten im dicht besiedelten Wohngebiet, in der Friedenstraße. Montag wird man versuchen, die Bombe zu entschärfen. Wir müssen dann daheim bleiben, die Fenster schließen und unter dem Küchentisch Platz nehmen. Ich selbst befinde mich mal wieder im Zonenrandgebiet, aber die Sommerresidenz der Gattin liegt so ziemlich im Zentrum der Kreise. Nun ja, Duisburg war ein Zentrum der faschistischen Schwerindustrie, da wimmelt es halt vor Blindgängern, auch 67 Jahre nach den alliierten Luftschlägen. Aber bis jetzt fand man die schlummernden Höllenmaschinen immer in anderen Vierteln (andere Schneekugel!), nicht bei mir um die Ecke. Erstmals würde ich das Misslingen der Bombenentschärfung also nicht aus den Medien erfahren, sondern unmittelbar. Es würde schneien in meiner eigenen Kugel!

So weit wird es aber vermutlich nicht kommen. Der nordrhein-westfälische Kampfmittelräumdienst verfügt glücklicherweise in allen größeren Kommunen über erfahrene, erprobte, professionelle Bombenentschärfer, die gewohnheitsmäßig ihr Leben riskieren, damit uns die Wirklichkeit nicht einholt. In Duisburg haben sie es schon mit der dritten Bombe in diesem Jahr zu tun. Es sind unberühmte Leute, wie die meisten echten Helden. Sie entsorgen den tödlichen Müll des Krieges. Nach sieben Jahrzehnten immer noch. – Wer sich vor dem Bildschirm an „chirurgischen Luftschlägen“ ergötzt, sollte das evtl. im Auge behalten: „Die Wirklichkeit blutet wirklich“ (Botho Strauß). Es sei denn, man entschließt sich, ein tibetischer Mönch zu werden.

6Kraska6 Allahbilir, ama maşallah. Teşekkür ederim, arkadaşım!

Rojanmarin O ha! Yok ya. Daha ne?

Grundschule Brückenstraße - Duisburg

Brückenstraße 96-98, GGS Brückenstraße, 47053 Duisburg

23.03.2011

DAS GEDDO LEUCHTET

Gestern in meinem Geddo, Besuch in der Grundschule Brückenstraße. „Wir sind eine Auffangschule“ sagt der taffe, coole und verblüffend kluge Lehrer. Das klingt ein bißchen nach Auffanglager, aber darum handelt es sich letztlich ja auch. Mein Freund Branko, bayrischer Exil-Serbe und Kneipenwirt, mustert nachdenklich die nach Ertönen der Schulglocke herausströmenden Zweit-, Dritt- und Dritte-Welt-Klässler, die überwiegend aus Albanien, Bulgarien, Bosnien, Ghana, Jordanien, Montenegro, Pakistan, Indien, Rumänien, Serbien, der Türkei und dem Libanon kommen (der taffe Lehrer sagt: „Wir haben auch zwei deutsche Kinder in der Klasse! Den Kevin und die Jackeline!“), Branko also, der bärengestaltige Ruhepol im Viertel, mustert die Kinderschar, die, kaum aus dem Schulgebäude, auf babylonische Art durcheinander kreischt, brüllt und jubelt, mit melancholisch-skeptischem Blick und sagt bedächtig: „Schau mal, Kraska, woaßt, dös is fei nu unser Zukunft. Die solln mal unser Rente bezahlen...“ Ich verkneif mir die spitzige Bemerkung, sein Sohnemann, der nicht unbedingt zur Spitzengruppe vulgo Elite der Leistungsstars zählt, und wegen dessen Verfehlungen wir zur Sprechstunde antreten, auch nicht gerade zu den Hoffnungsträgern gehört. Er weiß es ja.

Ich hab irgendwie ein UNO-Gefühl, nur dass die Nationen-Vertreter noch klein und putzig sind. Kinder haben ja im Grunde noch keine Nationalität, oder? Nur Haut- und Haarfarben sowie sprachlich ungeklärte Hintergründe. Im Foyer (nennt man das bei Schulen so?) hängt ein riesiges Anti-Gewalt-Poster (könnte die UNO auch mal machen!), auf dem feierlich pazifistische Höflichkeit geschworen wird („Wir schubsen, hauen, treten, spucken und beleidigen nicht! Niemals nicht!“), wobei dieser Eid noch auf recht wackligen Kinderbeinen steht. Milan zum Beispiel, Brankos Stammhalter, hat eine Verwarnung eingefangen.

Im traulichen Vier-Augen-Gespräch erschloss sich die Sache folgendermaßen. Ich zu meinem Nachhilfe-Zögling: „Milan, komm, mir kannstu sagen! Warum Verwarnung?“ Er: „Bin ich abgepetzt worden! Mädchen sagen, ich sie Beleidigung machen...“ Ich verzichte zugunsten der Wahrheitsfindung zunächst auf grammatikalische Korrekturen und bohre nach: „Wie jetzt Beleidigung? Was hast du denn gesagt?“ Er: „Hab ich bloß gesagt verschwinde!" Ich: „Milan verarsch mich nicht! Wegen verschwinde kriegstu nicht Verwarnung!“ Er (nach einigem Zögern und Sich-Winden): „Na ja hab ich gesagt bei die Mädchen Du Hurensohn!“

Ich sortiere grammatische, semantische und ethische Problematiken, fange der Reihe nach an und erkläre, dass man erstens nicht zu mehreren Mädchen „Du Hurensohn“ sagen könne, von wegen Singular und Plural, dass dies außerdem zweitens generell wegen Beleidigungsverbot überhaupt unangemessen sei und drittens, wenn denn schon, streng genommen „Hurentochter“ heißen müsse. Er (nach langem Grübeln und Fragen-Wälzen): „Lärrerr, hab isch Frage. Was ... was heißt eintlich Hurensohn?“ Ich erläutere gütig und mit forsch betonter Sachlichkeit: „Eine Hure ist eine Frau, die Sex...“ – Milans eh schon riesige braune Dackelaugen weiten sich angstlust-entsetzt – „... für Geld verkauft. Jemand einen Hurensohn nennen, heißt, dessen Mutter in den Schmutz ziehen ...“ – Milans Wangen röten sich krebsartig – „... und zu behaupten, man wüsste nicht, wer sein Vater sei.“ Milans Augen quellen über und er schlägt sich die Hand vor den Mund. Wenn er schon sonst bei mir nichts lernt – die Ungeheuerlichkeit seiner Verbaltätlichkeit hat sein Herz getroffen. Unglücklich, mit brennenden Ohren, starrt er zu Boden. Ich schätze mal, so schnell wird er kein Mädchen mehr „Hurensohn“ nennen, sei es nun aus semantischen oder ethischen Gründen, denn Milan ist ein braver und überaus ehrpusseliger Knabe.

Um seine lebenswichtige Ehre zu retten, mault er jedoch: „Aber die haben mich abgepetzt! Und die schminken sich immer!“ Die Mädchen nämlich, in der zweiten Klasse, die Hurensohn.

Die Grundschule Brückenstraße hat mir imponiert. Mit beeindruckender Professionalität, unsentimental, aber engagiert, mit schon fast wissenschaftlich-pädagogischen Mitteln und ein bisschen Herzblut wird hier täglich an einer schier unlösbaren Aufgabe gearbeitet. Das Personal wirkt wirklich cool & tough, ohne einen verzweifelten oder auch nur ermatteten Eindruck zu machen. Das Geddo leuchtet!

Erna_kommt Höcht bemerkenswert wieder! Ich hatte auf der Schule auch ein Geddoblaster. Mein Freund durfte auch darauf tröten und ihn für mich tragen. War aber keine Grundschule sondern total grundlose Zwergschule in Sammerhill und der Lehrkörper hieß glaube ich, Herr Neil oder so...Lang ist es vorbei

jurgenehre Kraska räumt mit Missverständnissen auf..das tut er sehr gut!

Morning Star - Duisburg

Plessingstraße 10, 47053 Duisburg

18.03.2011

Kraska muss draußen bleiben

Es gibt da ja den schon millionenfach kolportierten Spruch von Groucho Marx, demzufolge er nie einem Club beitreten würde, der jemanden wie ihn aufnähme. Dass dies eine gar nicht so wahnsinnig lustige, sondern eher bitter-sarkastische Bemerkung über den in den 40ern grassierenden Antisemitismus in Amerika war, weiß heute kaum noch einer, der dieses Aperçu genüsslich zitiert, – aber egal. Ich Heutiger bin weder Opfer des Antisemitismus noch der frisch erfundenen Islamophobie; nicht mal unter grassierender Deutschfeindlichkeit leide ich, denn hier ist erstens nicht Neukölln, sondern das intensiv sozialbetreute Duisburger 99-Nationen-Geddo, und außerdem genieße ich die seraphische Reputation eines Engels der Ausländer, Bekloppten und Trinker, über dessen ethnische Zugehörigkeit es ohnehin die unterschiedlichsten Meinungen gibt. Da ich mich aus Langeweile, Eitelkeit und allgemeinem Lebensödnis-Überdruss gern selbst mystifiziere, verschafft mir mein schillerndes Image eine gewisse Genugtuung. Zur Not bringe ich selber die absurdesten Gerüchte über mich in Umlauf und beömmele mich dann, wenn ich auf Türkisch höre, ich sei in Wahrheit Zwölfer-Schiit, Sufi-Mystiker oder ein Anhänger der Bön-Religion, ein entlaufener Defraudant, Waffenhändler oder Ex-Terrorist, kurz, jemand, dessen Hilfe man im Notfall in Anspruch nimmt, den man aber besser nicht in seine Wohnung lässt. Soll mir doch recht sein! Alles, was das Leben bunter macht, sei mir willkommen!

Andererseits (bei mir gibt es leider immer ein Andererseits, sodass ich es nie zu einer konsolidierten Meinung bringe) finde ich es schon sehr doof, wenn man mich ständig einlädt, lockt und herbeizitert, nur um mir dann den Rolladen vor der Nase herunterzulassen! Es ist nämlich so: Einmal in der Woche frühstücke ich gern auswärts. Nicht aus Snobismus oder weil ich zu viel Geld habe, sondern weil dann meine geniale, fleissige und umsichtige kossovarische Putzfrau, Frau T., bei mir daheim wirkt, wienert, feudelt, fegt und fuchtelt, will sagen mich von den schlimmsten Folgen der im Viertel noch immer grassierenden industriellen Feinstaubbelastung befreit, meine Wäsche sortiert und diskret die Spuren meiner wüsten Nächte beseitigt, und da will ich ihr auch nicht im Weg stehen resp. ihr, wie man im Ruhrgebiet sagt, „aus den Füßen sein“. Da sie vormittags kommt, böte sich an, wenn schon Luxus, dann richtig, auswärts zu frühstücken, etwa in einem „Frühstückscafé“. Sei’s Zufall, sei’s göttliche Vorsehung, residiert genau ein solches, weithin per Beschilderung als Frühstückscafé firmierendes Etablissement direkt am Rand des Geddos, visavis vom Großpuff , neben den Sex-Video-Kabinen-Stationen, dem „Erlebniskino“ und den billigen Stundenhotels für Binnenschiffer, also dort, wo ich eh jeden Tag vorbeikomme:

Aufmunternd und frühaufsteherisch prickelnd heißt es auch noch „Morning Star“ und versprüht damit nicht nur hippes amerikanisches Breakfast-Flair, sondern auch erfrischend knackige Natur-Morgenfrische. Sonst hieße es ja „Café Abendstern“ oder „Nighthawks at the Diner“. Im Grunde sollte es aber wohl eher „Café Pustekuchen“ heißen, denn, wann immer ich zwischen 9.00 Uhr morgens und 15.00 Uhr nachmittags davorstehe, hungrig auf weizenblonde Brötchen, brünett-heißen Kaffee oder blutjunge Tagespresse – ist der Laden dicht. Verrammelt. Tot. „Wir müssen draussen bleiben“ höhnt mich der Laden an. Nobody at home. Gäste nicht erwünscht. Jedenfalls nicht so früh.

Fahre ich nämlich dann abends an dem Frühstückscafé vorbei, sind die Rolläden oben, Neon-Verheißung lockt, und wie zum Hohn stehen die Flügel der Eingangstür weitgespreizt offen. Oh well, sage ich dann, weil, zu Mystifikationszwecken spreche ich manchmal mit mir englisch, vielleicht hat der doofe Puff einfach nur unkonventionelle Vorstellungen davon, wann Frühstückszeit ist! Indes, ich bin zwar kein Tageszeitspießer, ich brat mir schon mal nachts um halb drei ein krätuer-gepimptes Spiegelei oder esse eine Dose Ölsardinen zur Kuchenzeit, aber, hm, Frühstück ist bei mir dann doch mit einem gewissen Zeitfenster verbunden, welches der schläfrige „Morning Star“ eindeutig verfehlt. Zwar kenne ich aus meiner Rock’n’Roll-Zeit spätrömisch-dekadente Frühstücksgelage, die nahtlos in ein gelindes Sonntagsnachmittagsbesäufnis mit charmant unabhängigen Damen übergingen – aber ab 20.00 Uhr abends nannten wir das definitiv nicht mehr „Frühstück“, sondern allenfalls GV-Anbahnungs-Gebagger. Nach Sonnenuntergang bin ich nicht mehr auf Frühstück eingestellt, sondern reflektiere Erinnerungen an die schöne Beate, mit der ich, betrunken und daher versehentlich, mal im Bett gelandet war, obwohl wir „bloß gute Freunde“ waren, und das letzte, was ich erinnerte, bevor ich ins Koma fiel, waren die entzückenden Grübchen oberhalb ihrer Hüftbeuger-Muskeln, und ich würde das verdammt gern noch mal nüchtern sehen, wirklich, aber jetzt doch nicht Gurkenscheiben mit Rührei!

Okay, Klartext: Immer, wenn man es braucht, ist der/die/das „Morning Star“ zu; wenn man hingegen anderweitig engagiert ist, weil man, sagen wir mal, mit der Gattin zu IKEA fährt, des Abends, am Samstag, kurz vorm Wannenbad, ist es plötzlich auf. Ich fühl mich, was ich übrigens nicht so gut ausstehen kann, veralbert. Normalerweise finde ich es fad, Läden zu bewerten, in denen ich gar nicht war, aber in diesen Fall muss es sein: Man läßt mich ja nicht! Ein Club, der Leute wie mich offenbar nicht hereinlässt, weckt natürlich mein Interesse. Wahrscheinlich sitzen herinnen lauter Pop-Star, Promis und Glamour-Sternchen, die, wenn sie den unansehnlichen, dicken Kraska sich nähern sehen, angeekelt abwinken. Diskrete Türsteher besorgen das Grobe.

Auszeichnung für "Very Important Qyper", kurz "VIQs"

flifu "Dick"?? Auf deinem Foto wirkst du gar nicht so ;-)

6Kraska6 Ich hab ne Photoshop-Diät gemacht...

lu-cafe.de - Duisburg

Sonnenwall 6, 47051 Duisburg

13.03.2011

Trotzdem

Manchmal, angesichts gewisser Nachrichtenlagen, schäme ich mich für mein entbehrliches Verbrauchergeschwätz in paradise county. Ich meine, mein Gott! Libyen brennt, der Sudan hungert und in Japan droht der Katastrophen-Overkill – und was mache ich? Mich über die fehlende Aromatisierung eines Kaffees in einem x-beliebigen Frühstückscafé ereifern? Wirke ich nicht wie ein Idiot, ein ignoranter Stoffel? Doch, doch, unvermeidlich. Der Globus fliegt uns gerade um die Ohren, und ich habe nichts Besseres zu tun, als Ciabatta-Beläge zu bewerten! Bin ich noch zu retten? Wahrscheinlich nicht. Ich bin ein Décadent, ein überflüssiger Genussdandy, ein menschenverachtender Zyniker, ein Trivialitäten-Bestauner! Tut mir leid. Nach Menschheitstragödien heißt es immer: Das Leben geht weiter. Und wer ist schuld? Wir Banalitäten-Bastler.

Andererseits hab ich seit früher Kindheit das Gefühl, das Elend der Welt zwänge mich nicht automatisch dazu, alles, was mir widerfährt, gut zu finden, nur weil es allen anderen noch viel schlechter geht. Eine stehende, oft wiederholte Redensart meiner Mutti, wenn ich meine verkochte Spinat-Pampe mal wieder nicht essen wollte, lautete, dass hungernde Kinder in Indien froh wären, wenn sie meinen Spinat essen dürften. Für die Antwort, darüber wäre ich auch froh, bekam ich regelmäßig eine geschallert. Diese nicht restlos gewaltfreie Erziehung hat mich übrigens nicht zu einem besseren Menschen gemacht, ich bin bloß wehleidiger geworden.

Aber mal realistisch: Was genau soll ich machen, um mich nicht wie ein Depp zu fühlen? Ich bin weder Erdbebenhelfer noch TV-„Atom-Experte“, und was eine Kernschmelze ist, musste ich sogar erst googeln. Also geh ich bloß Kaffee trinken, zwänge mir appetitlos ein, zwei Ciabatta rein, puste fassungslos in meinen Milchkaffee und starre auf die Schlagzeilen der ausliegenden Tagespresse. Ich bin deprimiert, aber das ist normal, das kann ich nicht mal auf Erdbeben, Tsunamis und Nuklearkatastrophen schieben. Und auf das Café erst recht nicht, das ist ganz gut. Ich wäre selbst in Xanadu deprimiert oder unter resp. auf 72 Jungfrauen. Apropos: Überfordert bin ich auch. Die Gleichzeitigkeit des Unvergleichbaren macht mich krank. Zehntausende verrecken im Schlamm, Tausende werden vom eigenen Diktator bombardiert, am Nebentisch quatschen eine MILF und drei mittelhohe Töchter über Modekram und ich trink gemütlich Kaffee und überlege, ob ich noch so ein leckeres Ciabatta mit frischem Rührei bestellen soll. It’s a wonderful world. Jetzt bloß nicht larmoyant werden und in die Tasse weinen, denn der Kaffee ist eh schon nicht übermäßig stark. Das Leben geht weiter.

Deswegen ist jetzt auch aus der „Mokka-Bar“ das „Lu-cafe.de“ geworden; die Leitung ist nicht mehr polnisch, sondern italo. Meinetwegen gerne. Es gibt schmackhafte Ciabatta, mittags auch Pasta & Co. Die Karte klingt appetitlich. Die Kaffee-Spezialitäten können mit denen des „Fino“ am Salvatorweg nicht ganz mithalten, sind aber immerhin trinkbar und ziemlich preiswert. Bequeme Sitzgelegenheiten gibt es noch immer keine, aber was zählt das schon angesichts einer halben Million Obdachloser in Japan. Man mahnt sich zu Bescheidenheit. Den neuen Betreibern wünsch ich Glück und Erfolg. Cafés, in denen man ungestört vor sich hin deprimieren darf, kann es nie genug geben.

Oder fast ungestört. Beim Warten am Tresen sagt jemand hinter mir: „Hallo!“ – „Hallo!“ antworte ich reflexhaft. Darauf der Mann hinter mir hochnäselnd: „SIE habe ich nicht gemeint!“ – „Egal“, hör ich mich sagen, „...trotzdem!“ – Ich hoffe, ihm wird das zu denken geben. Den Tag mit einem „trotzdem“ im Frühstückscafé zu beginnen, schien mir im nachhinein eine gute Idee.

Auszeichnung für "Very Important Qyper", kurz "VIQs"

Handkäsfan Werter Herr Kraska, sie haben gewonnen. Es gibt keinen Song mit Bullfinch. Selbst der Basstölpel ist jan van Gent vorbehalten.

leider bin ich ab jetzt weg. Macht's gut und lebt wohl. hm, die Kommentare sind z.T. schon recht kinky

Cafe My Place - Duisburg

Sonnenwall 74, 47051 Duisburg

07.03.2011

Assimilation durch Schinkenscheibe

Der motzige Oberosmane, großtürkische Chauvinist und Antiintegrationseinpeitscher Erdoğan (budala) hats gerade mal wieder in Deutschland herumposaunt: Höchste Bedrohung der “Menschenrechte“ (insan hakları) wäre zu befürchten, wenn den Türken in Deutschland ihre „türkische Kultur“ (Türk kültürü) genommen werde. Na, wenn ich mir mein Geddo so angucke, scheint mir diese Gefahr nicht allzu groß. Vallah, Leute, Türkisch ist hier auf der Straße Verkehrssprache, aus den Mega-Boxen der Daimler dröhnt Arabesk-Gedudel, die Supermärkte sind türkisch und die Hodschas passen gut auf, dass ich auch ja in keinem verdammten Holzkohlengrill (Ocakbaşı) in meinem Viertel ein Bierchen (bira) oder gar Wein (şarap) zum Döner kriege.

Prinzipiell bin ich seit 25 Jahren ein Freund der türkischen Kultur. Bei Reisen kreuz und quer durchs Land, von der iranischen und syrischen Grenze bis zur in die Ägäis ragenden Westspitze habe ich die beeindruckende Geschlossenheit und Stabilität dieser Kultur bewundert. Zum Beispiel, was das Frühstück (Kahvaltı) angeht. Vielleicht hat sich das heute geändert, aber Ende der 80er gab es von Tatvan bis Izmir, von Ankara bis Urfa, von Gaziantep, Diyabakır über Kayseri bis Bursa exakt und präzise immer das gleiche: Schafskäse, Oliven, Tomaten. Egal, ob Sterne-Hotel, Eisenbahnererholungsheim oder miese Absteige: zum Frühstück unweigerlich (istisnasız) Schafskäse, Oliven, Tomaten (beyaz peynir, zeytin, domatezl). Unentrinnbar. Keine Ahnung, vielleicht ging das noch auf eine Verordnung von Mustafa Kemal „Atatürk“ zurück? Hat der Prophet schon so gefrühstückt? In den Hadhiten hab ich darüber nichts gefunden.

Gleichviel, die von Erdoğan perhorreszierte und begeiferte Assimilation greift bereits, wenn auch nicht im Geddo, wo es kuschelig großtürkisch zugeht, aber sofort dahinter. „Sofort dahinter“ ist, wenn man sich am Ausländer-Großbordell unter dem Verteilerkreuz hindurchdrückt und das elfstöckige, mehrheitlich leer stehende Bürohochhaus „Hansa Tor“ durchquert. Dann ist man im miesesten Teil der Duisburger Innenstadt. Skid Row, aber nicht mehr Geddo. Hier, rund ums „Bürgeramt“, ist soziale Hilfsbedürftigkeit nicht mehr ethnisch sortiert. Die Schnorrer kommen aus allen Weltgegenden, gern auch von hier. Und genau hier residiert auch das Frühstückscafé „My Place“. Es ist Hartz4-angepaßt frugal und preiswert, hier den Tag zu beginnen.

Es scheint ein genuin durchaus türkisches Unternehmen, was u. a. dadurch bewiesen wird, dass es hier jede Menge Böreks, Corbalar und Baklava gibt. Aber eben nicht nur „Schafskäse, Oliven, Tomaten“ zum Frühstück . Eingeschlichen hat sich ins großtürkisch-islamische Frühstück das deutsche blonde Brötchen, das hart gekochte Ei und, ja, Leute, soweit sind wir! eine Scheibe deutsch gekochter SCHWEINE-Schinken! Haram wie die Hölle, aber egal! Dazu gibt es eine große Tasse dünnen Kaffee. Den der Prophet – mit gewissem Recht – bestimmt verschmäht hätte.

M. a. W., auch als ungläubiger Deutscher kann man sich hier im IKEA-Ambiente befrühstücken lassen (4,40 Euro), ohne zum einzig wahren Glauben bekehrt zu werden. Die Klientel besteht mehrheitlich aus schulfernen jungen Türken, die untereinander (tut mir leid, Herr Erdoğan) deutsch sprechen, nicht ärgerlich sind, dass das Frühstückscafé über Zeitungen nicht verfügt, dafür aber auf Flachbild „RTL II“ bietet, wo gerade gezeigt wird, welche Probleme ein junges, großzügig tätowiertes Unterschicht-Pärchen dabei hat, eine neue Wohnung zu beziehen. Hier lernt man für Leben! ("Vallah, ey, voll krass Mann“, sagen die Schulschwänzer, und zeigen damit, dass sie der deutschen Sprache längst mächtig sind.)

Weiters Exempel der Assimilation: Man bemächtigt sich einer der doofsten deutschen Eigenschaften, der deutschen Leidenschaft fürs Denglishe. Das Frühstückscafé heißt eben nicht benim yerim, sondern, globalisiert: ... My place. Na, geht doch!

6Kraska6 Leider nicht. Nur eine nervige Frau...

La Petite France - Duisburg

Mülheimer Straße 213, 47058 Duisburg

20.02.2011

Französische Küche in Duisburg – ein Traum

Es muss daran gelegen haben, dass ich nicht rechtzeitig die Flucht ergriff, als es in meiner serbischen Stammkneipe plötzlich Slibovic-Runden hagelte, denn in der Nacht hetzten mich wilde, verwegene und verwirrend verwobene Träume. Ich hatte irgendwie im Lotto geerbt oder beim Preisboxen den ersten Platz ersungen, „schwimmte, schwamm und schwomm“ (Dendemann) jedenfalls plötzlich in Schwarz-Geld, das ganz schnell wegmusste. Hektisch eröffnete ich ein Eiscafé in der Antarktis, meldete umgehend Insolvenz an, die ich aber kriminell verschleppte, um einen Getränkemarkt in der menschenleeren Sahelzone aufzumachen. Der Traum brachte mich auf die schiefe Bahn: Ich unterschlug Flaschenpfand, wurde per Interpol gesucht und kratzte zum Schluß in meiner Verzweiflung all mein Restgeld zusammen – um ein französisches Restaurant in Duisburg zu installieren.

Man stelle sich vor: ein französisches Restaurant in der Hochburg kulturwüster Döner-Schmieden, Pizza-Panscher und Bratklops-Baracken! Auf was man im Traum alles kommt, dachte ich noch tags drauf mit schauderndem Kopfwackeln. Das wäre doch, als würfe man ganze Perlen-Colliers vor gewisse Nutztiere! – Ihr ahnt es, der Schock stand mir noch bevor: Dieses französische Restaurant existiert! Zwar gehört es nicht mir, sondern dem weltläufigen Meisterkoch Irwan Schuck, der aus Indonesien stammt, bei Alain Ducasse in Paris gekocht hat und in Duisburg (!) französische Hochküche mit marrokanischen Akzenten anbietet, was traumhaft genug ist.

Schuck hat den alten Italo-Schuppen „La Villa“, in der Nähe des Zoos, übernommen, samt Terasse und Wintergarten, und herinnen alles veredelt, schnieke und schnuckelig gemacht und ein kleines Stückchen Frankreich – „La Petite France“ gezaubert, das dem frankophilen Kulinariker ein bezaubertes Lächeln in die Wangen dübelt. Da ich aus dem Traum noch Geld übrig hatte, sind wir sofort hin. „Hab dich nicht so!“, herrschte ich die Gattin an, die angesichts der Preise – sie sind etwas höher, aber absolut angemessen – sich etwas zierte, „du bist eingeladen! Es ist Valentinstag, oder weil du meine Wäsche besorgst und auch, weil du noch immer meine Frau bist!“ Nach dem Amuse-geule (Terrine vom Iberico-Schwein) war ihr Widerstand aber auch schon gebrochen.

Die kleine, feine Karte ist von der Art, bei der man entweder ordert: „Bringen Sie mir bitte einmal von allem!“ – oder endlos grübelt, weil man sich nicht entscheiden kann und notgedrungen schon weitere Besuche terminiert. Die feine, leichte, duftige Gänse-Terrine mit Salat-Bouquet – ein Gedicht. Der Herr durfte nach 25 Jahren Abstinenz endlich einmal wieder (ökologisch korrekt amputierte) Froschschenkel in einer köstlichen süß-scharfen Kräutersauce schnabulieren, (also die Froschschenkel schwammen in der Sauce, der Herr nur in Glückseligkeit). Die Margues (marrokanische Lammbratwürste) auf Linsengemüse an Dijon-Senfsauce waren exotisch scharf, das Confit de canard auf Süßkartoffeln mit Kräuterschaum schmolz auf der Zunge zum, äh, Dahinschmelzen. Mehrfach noch kniff ich mich, aber es blieb Realität: französische Küche in Duisburg! Gern hätte ich noch das Rückenstück vom Iberico-Schwein probiert, das Schwarzfederhuhn, den Wolfsbarsch, das marrokanische Lamm-Tajin, aber da das alles kein Traum war, ging das nicht und muss bis zum nächsten Mal warten.

Wir wurden vom Chefarzt, quatsch, Chefkoch persönlich bedient, zurückhaltend, präzise und comme il faut. Dass über dem Abend ein Hauch Unwirklichkeit schwebte oder schwob, wird man verstehen: ein französisches Top-Restaurant in Duisburg! Das muss man erst einmal verarbeiten. Und dann aber gleich wieder hin, bevor man aufwacht!

Um es deutlich zu sagen: Gott, der sonst in Frankreich lebt, hat seinem Stiefkind Duisburg ein unverdientes Geschenk gemacht: „La Petite France“. Die Lebensqualität der Stadt wächst damit um ca. 25%. – Würdet ihr bitte jetzt alle mal in Massen dort einkehren, Leute, damit der Laden auch brummt? Wenn Sigmund Freund Recht hat mit der Spekulation, Träume seien verborgene Wunscherfüllungen, dann ist „La Petite France“ ein Traum. Und irgendwer hat doch immer Geburtstag, muss bei Laune gehalten, beeindruckt, erobert oder charmiert werden – mit einem Abend im „La Petite France“ könnt ihr nichts falsch machen! Eure Tischdame wird charmant erröten und hauchen:„Du kennst aber tolle Geheimtipps! Und das in ... Duisburg!“ Den weiteren Verlauf des Abends überlasse ich euren Träumen.

leider bin ich ab jetzt weg. Macht's gut und lebt wohl. Ja ja, ihr Gourmets, die Haeberlins haben es euch angetan.

jurgenehre Man hat den Eindruck, unserem lieben Meister Kraska gefällt es sehr gut dans la petite France?!

AliBaba Schnell-Restaurant - Duisburg

Wanheimerstaße 14a, 47053 Duisburg

16.02.2011

ALII BABA – OHNE SEINE 40 RÄUBER

Wer kennt Ali Baba und die vierzig Räuber? Ihr? Wirklich? – Wie heißen denn die vierzig Banditen? Na? Das weiß keiner, denn die sind anonym, schon seit immer. Obwohl sie Ali Baba erst seine Bedeutung geben! Was wäre irgend so ein hergelaufener Araber, hätte er nicht mindestens ein Netzwerk von vierzig doof gewaltbereiten Terroristen dabei? Nun? Nix. Eben. Eine Weisheit nahezu Brechtischer Tiefe: Die berühmten Terrorpäpste, Mafia-Bosse und Top-Agenten wären gar nichts ohne ihr namenloses Team!

Mal angenommen, die ersten zehn der vierzig Räuber hießen mit Namen: Gewürz, Kreativität, Pfiffigkeit, Originalität, liebevolle Zubereitung, individuelle Bedienung, Verbindlichkeit, persönlicher Service, Achtsamkeit und Interesse am Kunden – was, zugegeben, in der arabischen Welt sehr ungewöhnliche Namen darstellten –, dann wäre das „Ali Baba Schnell-Restaurant“ eine Unternehmung, bei der Ali Baba gänzlich ohne seine verschworenen Spießgesellen auszukommen versuchte. Geht natürlich voll schief.

Das in Frage stehende und in empirischen Augenschein zu nehmende Etablissement gehört zu einer Kategorie, von der ich nicht weiß, in welchen Städten oder Metropolen-Geddos es sie noch gibt: McDonaldisierte Groß-Ketten-Dönerbuden. Hygienisch, unpersönlich, fad. Uniformierte Gastro-Knechte wuseln hinterm Tresen; davor sitzt man auf qietschenden Kunstleder-Bänken und „genießt“, was Jungtürken unter zeitgeistgemäßem fast food verstehen. „Fast“ stimmt schon, über „food“ ließe sich streiten. Man fühlt sich so wohl wie in einer deutschen Autobahnraststätte der 60er Jahre, nur, dass hier fast ausschließlich türkisch gesprochen wird, und zwar die grauenhaftesten Dialekte, so dass ich kein Wort verstünde, flöchte man nicht zwischendurch Vokabeln wie „Kindergeld“, „Arbeitsamtta“ und „geh isch gewesen bei Arzt, gippmisch Krankenschein“ ein. Gemütlich und anheimelnd wie auf dem Mond (dunkle Seite). Natürlich wird auch hier die orientalische Ästhetik beißend-krank-kaltem Neonlichts zelebriert. Yasasin deutsche Gemütlichkeit! Man soll wenigstens sehen, was einem nicht schmeckt.

Bahnhofsathmo. Gespräche am Nebentisch inspirierend. „Alder“ , sagt ein offenbar ururgroßväterlicherseits aus Urfa stammender Türke der vierten oder fünften Einwanderergeneration zu seiner deutschen Freundin, „ch’e-isch Arbeit, zaalisch ’ch’Underhalt, aber die Alde, schwör, die Ch’urensohn, will immer mehr! Vallah, kannisch nich versteehn.“ Tja. Und das Essen ist auch unter aller Sau. Sesam öffnet sich hier nicht. Außerdem ist es zugig und kalt. Die vierig Räuber sind anderswo. Was sie zurückgelassen haben ist: „Ali Baba“„Schnellrestaurant“ – ohne Räuber..

Man zahlt beim ’Rausgehen, am Tresen. Sinnig, weil, man nimmt das Gefühl mit, hier zahlst Du nur, damit Du wieder wegdarfst. Das Wegdürfen war denn auch echt befriedigend. Den nötigen Raki gabs zuhause, weil, selbst in den „modernen“ Nahrungspuffs des Geddos gibt’s, so will es der Hodscha, keinen Alkohol. Typisch für solche Läden: Man ist zwar total „modern“, aber letztlich feige wie Sau.

Wer Hunger, gar Appetit hat, dann zu einem relativ hohen Preis ungesättigt, aber dennoch mit unangenehmem Völlegefühl belastet, niedergeschlagen, deprimiert und pessimistisch, voll düsterster kulturkritischer Ahnungen, den Abend mit Suizidgedanken beschließen möchte, dem empfehle ich, den Abend bei „Ali Baba“ zu eröffnen. Die vierzig Räuber sind unter Garantie nicht da. Und der Zauber des Orients, Freunde, ist leider eine Scheiß-Illusion. Es sei denn, auf „Phönix“ kommt noch ein exotisierender Reisebericht. Die üblichen Märchen aus Tausendundeiner Nacht...

Auszeichnung für "Very Important Qyper", kurz "VIQs"

Handkäsfan Sehr schöner Assimilationsbeweis. Während die Altvorderen, quasi "Ali-Opa" noch im typischen Umfeld vor sich dumpfteten. Mit einem Kaffeewärmer auf dem Kopf saßen sie in einem mit Leuchtstoffröhren, Lichtfarbe "estrakalt", Fußboden Beton natur, der Rest Resopal antik, ausgestatteten Raum. Gut, wenn ich vier Frauen zu Hause hätte wäre mir so ein Etablissement auch ein Quell der Freude. Aber der Anpassungprozess läuft bestens. Das von dir beschriebenen Crossover hätte wohl die Bezeichnung "Ami-Baba" wohl besser angestanden.
Ein zweites Sternchen könntest du aber schon vergeben. Schließlich spielen sie Dragan & Alder live!

scharffenberg Bei manchen Läden tut das SCHNELL gut.