Ich bin Labude aus Berlin. Ich bin Qyper seit dem 01.02.2008
"Hab' ich doch gleich gesagt."
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Profil von Labude
L'Europeen - Beaune
34 Rue Carnot, 21200 Beaune
17.04.2013
Da ich hier seit vielen Jahren keinen richtig schönen Verriss mehr geschrieben habe, und mir das irgendwie fehlt, möchte ich heute über die Schönheit schreiben.
Der Philosoph Baumgarten meinte, die Schönheit sei das Vollkommene, während das Unvollkommene die Hässlichkeit sei. Das ist natürlich großer Unsinn und wahrscheinlich kennt außerhalb philosophischer Gesprächskreise heute kein Schwein mehr Alexander Gottlieb Baumgarten, weil er eben Unsinn über die Schönheit geschrieben hat. Nehmen wir mal Cindy Crawford, das Supermodel; die Älteren unter uns werden sich erinnern. Schön? Sicher. Aber Vollkommenheit? Natürlich nicht! Diesen Leberfleck an der Lippe ist objektiv nicht schön. 8 von 10 Dermatologen würden ihn entfernen. Sie würden damit vielleicht Vollkommenheit schaffen - und die Schönheit zerstören. Vielleicht schließen sich Schönheit und Vollkommenheit sogar aus. Weil die Schönheit den Makel braucht, um sich daran zu reiben. Sonst ist sie nur Harmonie, Symmetrie und Langeweile. Ich vertrete diese Meinung schon lange. Und seit letztem Wochenende sehe ich sie endgültig bestätigt.
Es besteht überhaupt nicht der geringste Zweifel, dass dieses Wochenende in der Bourgogne „schön“, also gewissermaßen galaktisch perfekt war. Also, so richtig oberschön, wahnsinnig schön, oder was so so schreiben könnte, um deutlich zu machen ... gut gut. ich höre ja schon auf. Vielleicht ein paar Stichworte, um das ein bisschen nachvollziehbarer zu machen: Frühling, Weiden, Wein, romantisches Hotel in alter Mühle, köstliches Essen, lauter nette Menschen, pittoreske Schlösser, niedliche Charcuterie und die tollste Begleitung, die ich mir vorstellen kann. So diese Sorte schön.
Ja, und dann kommt die Brasserie l‘Européen in Beaune. Was draußen auf den hübschen Tafeln vor den hübschen Tischen in der Sonne steht, klingt prima: Mittagsmenü mit regionalem Tagesgericht und Vorspeisen nach Wahl für 12 €. Ich wette, diese Schilder werden nur am Wochenende rausgestellt, denn dann gilt dieses Angebot nicht. Das steht auf der Speisekarte, die man bekommt, wenn man den Aperitif bestellt hat. Stattdessen gibt es dann Menüs, die zwar schlechter aber dafür teurer sind. Als Hauptgang kann man beispielsweise eine Pizza bestellen, was bekanntlich eine typische Spezialität des Burgund ist. Ich mag das ja ganz gerne, wenn ich mich ein bisschen geneppt fühle. Und hier fühlte ich mich wirklich erstklassig geneppt. Jedenfalls weiß ich jetzt, warum es in diesem Kleinod französischer Gastronomie kein WLAN gibt. Die haben schlicht Angst, dass man die 75 schlechten Bewertungen bei TripAdvisor liest und das Lokal fluchtartig verlässt.
Dass das Mittagessen dann doch noch ein kulinarisches Erlebnis geworden ist, liegt an der einen Hauptspeise. Andouillettes. Merken Sie sich das Wort: An-dou-illettes. Ich kannte es auch nicht. Ich habe den Kellner gefragt. Er sagte: „eine regionale Spezialität vom Schwein“. Ich hätte nachfragen sollen. Denn die Antwort ist prinzipiell richtig aber auch irgendwie - unvollständig. Ein Stück Dickdarm vom Schwein, gefüllt mit anderen Stücken des Dickdarms des Schweins, Pansenstücken, Magenstücken. Alles schön große Stücke und wenn man es aufschneidet sieht es aus wie die Stelle in so einem Horrorfilm, wo die ganzen Aliens aus dem Bauch des Opfers quellen. Wie „aromatisch“ die Andouillettes sind, das habe ich recherchiert, hängt davon ab, wie gründlich der Darm vor der Zubereitung gereinigt wird. Wir hatten eine sehr aromatische Variante.
„Schön“ wird man dies alles, wenn man es einmal ganz isoliert betrachtet, nicht finden. Aber es ist der Leberfleck neben Cindy Crawfords Lippe, der den Rest des Wochenendes erst in seiner ganzen Schönheit strahlen lässt. In diesem Sinne kann ich das Lokal wirklich sehr empfehlen.
Frankenfurter Ich musste schon zweimal hingucken. Der gute, alte Labude… Nee…. Doch !
Wie lange ist das her, dass Du Dich hier rumgetrieben hast ? 15 Jahre, 25 Jahre ?
Egal. Toll, mal wieder einen ordentlichen Verriss zu lesen.
Jetzt bitte das Ganze nochmal auf französisch. Sonst ist der Spaß nur halb so groß und Le Patron versteht das nicht.
17 April 2013
zuja Ich stimme meinem Vorredner zu ! Egal, toll, neeee doch .. auf jeden Fall verrückt. Inhaltlich stimme ich auch Dir natürlich zu. Das hat die Wissenschaft längst rausgefunden- Symmetrie ist nicht gleich Schöhnheit.
26 April 2013
Restaurant Gendarmenmarkt im Hilton Berlin - Mitte
Mohrenstrraße 30, (Gendarmenmarkt), 10117 Berlin
11.02.2009
Der Potsdamer Platz war früher einmal die verkehrsreichste Kreuzung der Stadt, Europas, der Welt, vermutlich des Universums. Das habe ich irgendwo gelesen, kann es aber nicht beweisen und ich bitte die Beckmesser unter meinen Lesern jetzt nicht damit zu kommen, dass „früher“ eine ziemlich vage Zeitangabe sei oder dass zumindest dannoderdann der Times Square oder der Piccadilly Circus noch verkehrsreicher gewesen sind. Es kommt nämlich im weiteren Verlauf dieses Berichts nicht mehr darauf an.
Heute ist der Potsdamer Platz jedenfalls nicht mehr die verkehrsreichste Kreuzung des Universums, sondern die Ausstellung der absurdesten Geschäftsideen nördlich der Alpen. Wahrscheinlich auch südlich davon, aber das kann ich nicht beurteilen. Ich habe vor einiger Zeit schon einmal von der Geschäftsidee berichtet, sich am Potsdamer Platz als Hitlerimitator mit Touristen fotografieren zu lassen. Zugegeben: nicht nur skurril, sondern auch riskant. Weitere eigenwillige Start-Ups in der Umgebung? Vermietung potemkinscher Dörfer. Da die Hälfte der Häuser an Leipziger und Potsdamer Platz noch nicht steht, stellt man stattdessen Hausimitationen auf und vermietet darauf großflächige Werbeposter. Neulich sah ich einen Fahrradvermieter, der Fahrzeuge anbot, bei denen sich 6 Fahrer im Kreis gegenüber sitzen. Sie sehen, was skurrile Geschäftsideen anbelangt, bin ich schon recht abgebrüht und wenn ich die Kamera zücke um ein Foto zu machen, dann muss es schon eine verdammt skurrile Geschäftsidee sein, die es zu bestaunen gibt.
Einen alten Reisepass von mir habe ich damals lochen lassen, damit ich ihn behalten kann. Ich liebe diesen Pass und schaue ihn mir gern gelegentlich an. Es sind wirklich tolle Stempel drin. Marokko zum Beispiel. Einreise auf dem Landweg über Ceuta. Mann, was für Erinnerungen an den Zöllner, der einem genau erklärt hat, welchen Betrag er als Bestechungsgeld erwarte. Israel. Was für eine Prozedur bei der Ausreise! Und dann die Stempel, denen sogar das Land abhanden gekommen ist. Jugoslawien! Der Ort, an dem ich damals war, liegt heute in Kroatien, mein Gastgeber war ein Serbe und auf dem Weg kreuzt man den EU-Staat Slowenien. Damals lag im Hafen ein Kriegsschiff der Jugoslawischen Marine und Istrien wies eine hohe Dichte an Tito-Denkmälern auf. Der Stempel hat dies alles überdauert. Und dann die DDR. Studienreise einmal, Tagesausflug nach Ost-Berlin ein anderes Mal. Die Stempel waren regenbogenfarben. Ich habe einen drin, Frühjahr 1990. Da musste man um einen Stempel betteln, weil kein Grenzorgan mehr ernsthaft kontrollierte. Nach dem Stempel musste erst gesucht werden. Wahrscheinlich habe ich einen der letzten Einreisestempel der DDR in diesem Pass.
Nun. Um genau zu sein, einen der letzten autorisierten Einreisestempel der DDR. Denn jetzt, kann man sich am Potsdamer Platz einen funkelniegelnagelneuen Einreisestempel der DDR in den Pass drücken lassen. Bei dem uniformierten Organ der Grenztruppen. Vielleicht sogar mit Regenbogenfarbenstempelkissen? Ich finde das faszinierend und ausbaufähig. Man könnte eine ganze Riege solcher Stempel beschaffen: Tschechoslowakei, Sowjetunion, Nordkorea. Oups, das gibt’s ja noch.
Am Ende ergäbe sich eine beeindruckende Rundreise durch abhanden gekommene Ostblockstaaten. Ich finde, eine solche Reise sollte in einem der alten Interhotels in Berlin enden. Im „park inn“ vielleicht, dem früheren Forum-Hotel, das seinen Namen wahrscheinlich hat, weil es über ein Parkhaus verfügt. Der nächste Park dürfte nämlich etwa 20 km entfernt liegen. Nein, das Hilton-Hotel am Gendarmenmarkt wäre klasse. Nicht, weil es ein besonders gutes Hotel wäre - es ist unter den 5-Sterne-Häusern Berlins sicher kein Highlight – sondern weil es so herrlich für die verschwundenen Regimes steht. Als es – in den späten 80er Jahren begonnen – fertig war, gab es die DDR schon nicht mehr.
Ganz und gar in der Gegenwart befindet sich das Restaurant „Gendarmenmarkt“ im Hilton. Es ist gewissermaßen die öffentliche Kantine des Hotels. Ein Selbstbedienungsrestaurant. Die meisten Tagesgerichte kosten 6.30 € und das ist angesichts ordentlicher Kantinenqualität und stattlicher Portionen in dieser Lage ein ausgesprochen faires Angebot. Man kriget Braten mit Kartoffeln, Gulasch mit Klößen oder Matjes Hausfrauenart. Immer mittags, immer ordentlich. Heute war es sensationell. Da durfte sich die Jugendnationalmannschaft – ich vermute der Köche - mit ihren Künsten präsentieren. Als Vorspeise gab es Jakobsmuschel auf asiatisch mariniertem Sellerie und Mousse vom Wildlachs für 2,50 €. Als Hauptspeise Lammfilet auf Erbspüree, eine mit Aprikose und Kartoffel gefüllten Frittura und als kleines Zitat ein Tomatenalginat nach Adrian Ferran auf weißer Wurzel, das herrlich im Mund zerplatzte. Dazu ein paar mit Schnittlauch verknotete Stäbchen gedünsteten Kürbisses. Für 6,50 €. Das könnten die öfter machen.
zuja In der Molekularküche ist das vielleicht so - da platzen Zitate als Alginatkügelchen, man isst Champus und trinkt Rinderfilet.
Nein, Labude - das Wortspiel ist super (ich könnt jetzt schreiben, dass ich die Vorlage aber toll fand.).
Der ganze Bericht liest sich sehr, sehr amüsant. Sollte ich mal nach Nordkorea rein- und wieder rauskommen, bring ich dir nen offiziellen Stempel mit. Versprochen!
12 Februar 2009
weinrot Das hätte ich mal vorher wissen müssen. Für 6,50 € würde ich mir gern auch mal irgendwas dubios Leckeres im Mund zerplatzen lassen…
12 Februar 2009
Kino Babylon - Mitte
Rosa-Luxemburg-Straße 30, 10178 Berlin
03.02.2009
Ich wollte heute einen Termin mit meiner Autowerkstatt machen. Keine Chance. Verloren. Basta. Niente. Alle, vom Verkäufer über den Werkstattmeister bis zum Azubi, haben Probefahrten. „Es ist verrückt“ sagt mein Verkäufer. „Die rennen uns die Bude ein. Ist fast wie nach 1990. Naja, nicht ganz, aber fast. Die treten sich hier auf die Füße. Können wir später telefonieren?“
Nun ist also das Konjunkturpaket dafür verantwortlich, dass ich keinen Werkstatttermin bekomme. Und während ich noch darüber grüble, ob das viele Geld, was da jetzt übers Land gestreut wird, eigentlich in Autos gut angelegt ist, fällt mir ein, dass in Berlin gerade ein paralleles Konjunkturpaket stattfindet: Autos anzünden. Wenn Sie Ihren teuren Mercedes oder BMW versicherungswirksam loswerden wollen, brauchen Sie jetzt nicht mehr nach Polen fahren und ihn in schummrigen Seitenstraßen abstellen. Sie müssen einfach in Kreuzberg, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg abends weggehen und den Wagen auf die Straße stellen: Voilà: ein lustiges kleines Feuerchen wird die Straßen der Hauptstadt erhellen und tags drauf werden sich BZ und Co. über die lasche Polizei aufregen.
Ich begrüße das mit dem Auto abfackeln sehr. Nicht so sehr, weil ich Gewalt gegen neue, flotte und hübsche Autos begrüßen würde. Dafür finde ich mein eigenes Auto zu neu, zu flott und zu hübsch. Vielmehr wegen der ungeheuren Zielgenauigkeit, mit der Aufmerksamkeit auf die deutsche Automobilwirtschaft gelenkt wird. Sehen Sie: was kaufen die Leute bei der offiziellen Abwrackprämie? Fiat! Renault! Dacia! Kia! Das ganze schöne Geld versickert also irgendwo im Ausland. Das ist doch volkswirtschaftlich ein riesiger Humbug. Wieviel sinnvoller ist da die über die über die Versicherungswirtschaft vermittelte „Abfackelprämie“! Jeder in der Boxhagener Straße verbrannte Porsche Cayenne führt unmittelbar zur Anschaffung eines neuen Porsche Cayenne. Umlagefinanziert durch die Versicherungen. Ist das nicht großartig? Die Brandstifter gehören nicht verfolgt, ihnen müsste die John-Maynard-Keynes-Verdienstmedallie verliehen werden. Aber vielleicht passiert auch gerade das in aller Stille und die Polizei sieht von Verfolgung ab, weil das Autoverbrennen einfach so unglaublich konjunkturförderlich ist.
Relativ sicher ist es, teure Autos vor dem Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der SED, äh, PDS, äh, Linkspartei abzustellen. Kein anständiger Autonomer würde es dort anzünden. Es könnte ja das Auto von Oskar oder Gregor sein. Wenn ich mal einen Porsche habe, dann stelle ich ihn dort vor dem Eingang ab, lege mir einen Zettel mit Linkspartei-Aufkleber ins Fenster und schreibe „Gleich wieder da, G.“ drauf. Und freue mich diebisch, welche Gerüchte am nächsten Tag kursieren. Und dann gehe ich ins Kino, weil gleich nebenan, vis-a-vis zur Volksbühne das herrliche, traditionsreiche Programmkino „Babylon“ ist.
Und gleich muss ich mich korrigieren. Das Babylon ist nämlich viel mehr als ein Kino. Es ist eine Architekturausstellung, weil es ein besonders klares Beispiel der neuen Sachlichkeit von Poelzig (Haus des Rundfunks, Berlin, Verwaltungsgebäude der I.G. Farben, Frankfurt) ist. Es ist gleichzeitig ein Musterbeispiel für gelungenen Denkmalschutz, denn man kann verschiedene „Stadien“ des Kinos erleben: das Foyer so, wie es ursprünglich errichtet wurde, der große Saal, so wie die junge DDR es hübsch fand. Und es ist ein Veranstaltungsraum für alles Mögliche. Ich war zuletzt beim neuen Programm von Fil („Der Feuchtgebieter“) dort. Oh. Ja. Und natürlich ist es ein Programmkino, wo man vom Astrid-Lindgren-Klassiker bis zum Kaurismäki mit Untertiteln Bezauberndes bis Abgefahrenes sehen kann. Das absolute Highlight aber sind die Stummfilmkonzerte. Mit der echten Kinoorgel, mit Klavier oder sogar mit Chor. Demnächst gibt’s wieder Nosferatu…
Ach, vielleicht noch eine kleine Bitte an die Autoanzünder: solltet Ihr eure Tätigkeit demnächst auch auf italienische Autos erstrecken, wäre ich für einen Hinweis in der Kommentarspalte dankbar. Ich würde dann vielleicht mit der U-Bahn kommen. Station Rosa-Luxemburg-Platz.
Farnaz Ich finde ja, diese wertvollen Informationen betreffend der Standorte, die für Kfz eine besondere Gefahrenzone in der Hauptstadt darstellen, sollte in jeder Navi-Software für den gemeinen, unwissenden Aussendienstler, der sich unbedarft in Berlin herumtreibt, eingepflegt werden. Labude, mit dem kleinen Nebenverdienst kannst Du mehrmals wöchentlich Zigarettenanzünder abbrechen oder Dir mal ein etwas grösseres Auto kaufen?????
6 Februar 2009
Flohmarkt am Mauerpark - Gesundbrunnen
Bernauer straße 63-64, 13355 Berlin
02.02.2009
Ich liebe diese Stadt. Und ich liebe dieses Wetter. Die Luft schmeckt sauber. Es schneit so ein ganz klitzekleines bisschen. Gerade genug, um ein Hauch Puderzucker über alles zu legen. Es ist kalt. Aber nicht zu kalt. Genau richtig, um gerne draußen zu sein und sich doch auch darauf zu freuen, wieder zuhause zu sein, einen Tee zu trinken und darüber nachzudenken, wie eigentlich ein perfekter Sonntag allein aussieht.
Ein perfekter Sonntag allein ist natürlich, um es mal für die Bildungsbürger unter meinen Lesern auszudrücken, eine contradictio in re. Ein Sonntag ist entweder perfekt. Dann findet er zu zweit statt. Er beginnt er in einem zerwühlten Bett und beinhaltet, wie bereits Lou Reed richtig bemerkt hat, einen Zoobesuch (ersatzweise Kunstausstellung, Waldspaziergang, usw.). Oder er ist allein und mithin nicht perfekt. Okay. Wie also sieht dann ein Sonntag allein aus, der möglichst nah am Zustand der Perfektion ist? Ich weiß es nicht. Vorschläge bitte in der Kommentarspalte. Heute war allerdings schon mal ziemlich gut. Laufen im Schlosspark. Das Schloss Charlottenburg sieht heute toll aus. Ein sagenhaft nettes Lächeln in der Bäckerei. Ein leckeres Frühstück mit frisch gepresstem Orangensaft und Zeitung. Was noch? Eine Entdeckung wäre jetzt toll.
Meine Entdeckung heute heißt Longstaff, Rob Longstaff.
Er ist Australier. Singer-Songwriter. Blues-Gitarrist. Irgendwo zwischen Jack Johnson, Damien Rice und Scott Matthews. Humorvoll (Lillopop Lips) oder anrührend (Take Time To Pat A Dog, We Use To Call Each Other Baby). Hm. Eigentlich besser als Scott Matthews. Wer so was mag, sollte unbedingt mal auf seiner Myspace-Seite reinhören. So. Und wo entdeckt man so was? Bei Amazon? Im Radio? Maria am Ostbahnhof?
Nein. Auf dem Flohmarkt am Mauerpark, Prenzlauer Berg. Dieser Flohmarkt ist noch ein echtes Gerümpelbiotop. Man kann tatsächlich stundenlang herumspazieren und nichts finden, was man haben möchte. Es gibt Müll, Gerümpel, Gasmasken, kaputte Vasen, kaputte Lampen, kaputte Bilder, Abfall, Schrott, nasse Möbel mit Stockflecken und Schallplatten mit Märchenhörspielen. Naja, und dann gibt es Klamotten aus der Altkleidersammlung oder von unabhängigen Designern. Jedenfalls, wenn man selbst bedruckte T-Shirts mit Ampelmännchen so nennen möchte. Ich habe heute einen kaputten Bilderrahmen gesucht und es gab hunderte in verschiedenen Stufen des Verfalls. Ein bisschen kaputte Bilderrahmen mit Landschaftsansichten, ziemlich kaputte Bilderrahmen mit halbnackten Zigeunerinnen oder verdammt kaputte Bilderrahmen mit Foto von Onkel Erwin. Der kaputte Bilderrahmen, den ich gesucht habe, war allerdings nicht dabei.
Ich glaube, es ist völlig unsinnig, mit der Absicht herzukommen, etwas zu kaufen. Dafür ist er ungeeignet. Falls Sie von hinter den sieben Bergen kommen, merken Sie sich einfach folgendes: auf diesem Flohmarkt gibt es nichts, einfach gar nichts, was man kaufen könnte. Falls man doch etwas kauft, dann nicht, weil man es gebrauchen könnte, sondern weil man ein Andenken von diesem herrlichen Biotop haben möchte. Ich empfehle also, die angestoßene Vase für 2 € zu kaufen (heruntergehandelt auf 1,50 €) und den 70er-Jahre-Kronleuchter für aberwitzige 80 € liegen zu lassen. Genießen Sie stattdessen alles das, was man hier beobachten kann: Studentinnen in Grunge-Optik, Dreadlocks, Hunde mit Strickpullover, Touristen, die das alles bestaunen und heute zum Beispiel Rob Longstaff.
Es stand mit seiner Gitarre und einem kleinen Verstärker vorm am Seiteneingang. Genauer gesagt im Open-Air-Cafe „Mauersegler“ vorne rechts, vom Eingang aus gesehen. Cappuccino 1,70 im Pappbecher. Neben ihm ein Korb mit seinen selbst gebrannten CD’s in selbst gebastelter Hülle. Und vor ihm begeisterte Zuhörer, die sich – wie ich – kaum vorstellen können, dass das jetzt echt ist. Wirklich, zum Kaufen ziemlich ungeeignet, der Flohmarkt, aber bisher habe ich noch jedes Mal irgendetwas Tolles entdeckt.
Und was sagte Longstaff, nachdem er eine Saite zerrissen hat und ein paar Leute eine CD gekauft haben?
„I love this city. And I love this weather.“
PS.: Ich habe gehört, dass man durchaus Sachen finden kann, die einen Kauf lohnen. Früh morgens. Das kann ich nicht beurteilen.
Dominique Ich beteilige mich gern an der Ideensammlung für den perfekten Sonntag allein:
Der Himmel: blau. Die Sonne: scheint. Ich wache früh und ausgeschlafen auf. Laptop ins Bett, Zeit zum Schreiben. Vielleicht für den Blog, vielleicht für Qype, vielleicht für das Buch, das ich immer schreiben wollte. Wenn der Magen knurrt, tapse ich mit nackten Füßen durch die Wohnung zum Bad und dusche eine halbe Stunde. Dann gehe ich zum auswärtigen Frühstück in eine hübsche Lokalität mit guten Kaffee und warmen Brötchen. Ich fasse den Enschluss, noch heute in den Flieger zu steigen. Ich fahre nach Tegel, laufe auf dem Flughafen zwischen den Anzeigetafeln und den Menschen mit den Koffern umher - ich ohne Koffer - und überlege, was ich buchen soll. In der ersten Etage hole ich mir noch einen Kaffee, fange ein Gespräch mit einer fremden Person an und esse einen Schokoladen-Cookie. Dann entscheide ich mich kurzerhand um und steige wieder in die S-Bahn. Ich fahre ohne Plan und ohne Zeitgefühl durch die Stadt und lande auf dem Flohmarkt am Mauerpark. Ich ziehe ein Horoskop bei Konni und stehe, während ich noch über das Sprüchlein nachdenke, vor Mareks Sauna. Kurzer Plausch, vier Saunagänge. Danach gönne ich mir eine Massage und krieche tiefenentspannt zurück in die Wohnung. Dort rufe ich den ersten Menschen an, der mir einfällt. Dann krabbele ich mit einem übergroßen Obstsalat und einer heißen Schokolade und einem Glas Rosé ins Bett. Mit dem Buch in der Hand schlafe ich ein. Mein Traum: heiter.
Ich wünsche einen schönen Sonntag!
7 Februar 2009
Vinifera Weinhandlung - Charlottenburg
Klausenerplatz 6, gegenüber Schloß Charlottenburg, 14059 Berlin
28.10.2008
(aktualisiert am 03.12.2008)
Unterstellen wir mal, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Und unterstellen wir weiter, dass man, gleich nach dem Ableben, sieht, was die Angehörigen so machen. Was macht der Lebenspartner, das Kind oder wer sonst der nächste Angehörige ist, wenn es am Todestag Abend wird, die Freunde weg sind, keiner mehr auf die Schulter klopft und der Hinterbliebene nachdenkt, wie jetzt alles weitergeht.
Unterstellen wir mal, dass wir ihm oder ihr dann über die Schulter sehen können, so ein bisschen wie bei „Ghost“, nur dass wir als Geist nicht so dämlich aussehen wie Patrick Swayze und keine Geigen spielen. Wir gucken also als Geist so über die Schulter und meinen, hängende Schultern und trocken geweinte Augen zu erahnen. Wir meinen, ein leise unterdrücktes Schluchzen zu hören. Ein kaum wahrnehmbares Kopfschütteln. Und dann setzt er oder sie sich an den Computer, öffnet den Browser und gibt bei Google die Suchworte „billig beerdigen“ ein. Ich glaube, das wäre der Moment, wo man das Konzept „Leben nach dem Tod“ gründlich verflucht und lieber einfach tot wäre. Sie halten das für eine ziemlich abgefahrene Phantasie? Die Wahrheit ist abgefahrener als die Phantasie.
Für die Suche „billig unter die Erde“ ist eine Anzeige für den Billigbestatter ® gebucht. Bei dem Billigbestatter ® gibt es also jemand, der davon ausgeht, dass da jemand sitzt, der bei Google „billig unter die Erde“ eingibt, und den möchte er gerne als Kunde haben. Ich finde das beeindruckend. Irgendwie verdient so viel unverstellte Ehrlichkeit, so ein entwaffnendes Bekenntnis zur neuen Sparsamkeit Respekt.
Wie ich darauf gekommen bin? Nun, die Charlottenburger Filiale des Billigbestatters ® liegt quasi direkt neben meiner Wäscherei, wo man das Hemd für 1 € gewaschen und gebügelt bekommt. Und da denkt man schon mal darüber nach, was eigentlich billig ist. Der Billigbestatter ® erklärt den Unterschied zwischen preiswert und billig so: Wenn etwas preiswert ist, ist es seinen Preis wert. Bei einem niedrigen Preis muss also auch niedrige Qualität vorliegen. Wenn etwas billig ist, ist der Preis im Verhältnis zur Qualität eigentlich zu niedrig und damit also billig. Aha.
Gut. Dann empfehle ich jetzt einen Laden, wo man billigen Wein kaufen kann. Vinifera am Klausenerplatz, gegenüber vom Schloss Charlottenburg. Es ist quasi so: beim Discounter gibt es preiswerten Wein. Der kostet 1,99 € und schmeckt scheiße. Er ist also gewissermaßen seinen Preis wert. So einen Wein kriegen Sie bei Vinifera nicht. Das Angebot geht bei knapp 5 € los und die wenigsten Weine kosten mehr als 10 €. Es gibt günstige Hausweine in der Literflasche. Um 6 bis 7 € gibt es eine breite Auswahl. Und damit man bei alledem die Übersicht nicht verliert, hilft der Besitzer, Herr Jeschke, mit Liebe, Leidenschaft und Kenntnis. Es macht riesig Spaß mit ihm darüber fachzusimpeln, welcher Wein zu welchem Essen passt. Ich war noch nie enttäuscht. Ich liebe das.
Mein Favorit: 2007er Valdelainos. Ein frischer, fruchtiger weißer Spanier mit Fruchtaromen von Ananas und Grapefruit, die Dieter Bohlen wahrscheinlich als „hammergeil“ bezeichnen würde. Und mit 5,60 € total billig.
6Kraska6 Ich freu mich schon aufs “do-it-yourself”-Bestattungsset von TCM (Tschibo)!
Herzerwärmender Beitrag wieder…
5 Dezember 2008
Lakritze Oder auf den Sarg zum Selberzusammenstecken aus Schweden. Mit gezeichneter Anleitung.
Die haben übrigens auch billige Weinregale, oder nein, das heißt ja: preiswert. Also Flaschen lieber gleich leeren.
19 Januar 2009
Der Tagesspiegel - Kreuzberg
Askanischer Platz 3, Kreuzberg, 10963 Berlin
20.11.2008
Man kann ganz Berlin verstehen, wenn man seine Taxifahrer versteht. Der Berliner Taxisfahrer ist gewissermaßen das pars pro toto dieser Stadt. Am Berliner Taxifahrer kann man die Essenz des Berliners erkennen und in der Vielfalt der Berliner Taxifahrertypen kann man die ganze Vielfalt dieser Stadt wiederfinden.
Sie verstehen nicht, was ich mit der Essenz des Berliners meine?
Heute morgen. Knesebeckstraße, hinterm Savignyplatz. Ich liefere die Kinder in der Schule ab, wofür ich natürlich – wie alle anderen - in der zweiten Reihe halte. Das Taxi hinter mir hupt, weil er den Gegenverkehr kurz durchlassen muss. In jeder anderen Stadt würde man das als eine Frechheit empfinden. Denn, niemand hat so ein unglaubliches, intuitives Talent, an den unmöglichsten Stellen zu halten wie Taxifahrer. Die Verkehrsbehinderungseffizienz von Taxifahrern ist schlicht unschlagbar. Es gibt irgendeine Regel unter Taxifahrern, dass man dort halten muss, wo gleichzeitig ein Müllauto steht, die Bäume zurückgeschnitten werden und die Straße wegen einer Gasrohrundichtigkeit aufgerissen ist (das ist in Berlin übrigens ein ziemlich normales Setting). Und jetzt stellen Sie sich vor, sie würden hupen, weil der Taxifahrer just an dieser Stelle anhält, um eine Oma mit Rollator und Krankenbeförderungsschein rauszulassen. Nein, stellen Sie es sich nicht vor. Stellen Sie sich lieber ein paar Szenen aus „Natural Born Killers“ oder „Die 120 Tage von Sodom“ vor.
Solche Situationen sind es, die den Berlinern den Ruf eintragen, rüde und rüpelhaft zu sein. Und sie zeigen gleichzeitig die ganze Ungerechtigkeit dieser Einschätzung. Es ist nämlich nur fair, die Oma mit dem Rollator vor ihrer Haustür abzusetzen und für die Müllabfuhr und den Baumschnitt kann weder sie noch der Taxifahrer etwas. Wer jetzt ein Spektakel veranstaltet, weil er zwei Minuten warten muss, ist entweder ein Idiot oder einfach zu spät losgefahren. Wer kein Spektakel macht, sondern einfach wartet und entspannt den Herren Wieprecht und Skuppin auf Radio Eins lauscht, wird sogar erleben, wie sich die Oma mit einem kleinen Lächeln für das Warten bedankt, während der Taxifahrer den Rollator aus dem Kofferraum holt. So wird aus der kleinen Belästigung eine fast poetische, anrührende Großstadtszene.
In Berlin gibt es knapp 7.000 Taxis und etwa genauso viele Tageszeitungen. Jede dieser Zeitungen passt zu einem Typus Taxifahrer. Wenn man das verstanden hat, hat man die ganze Stadt verstanden. Lassen wir einmal die große Gruppe der Taxifahrer außer Betracht, die Hürriyet oder Dziennik lesen, gibt es folgende Typen:
Der liberale Altphilologe aus Schöneberg mit Freiburger Migrationshintergrund, der am Wochenende auf dem Winterfeldplatz einkauft. Ich bin neulich mit so einem und zwei ausländischen Geschäftspartnern gefahren. Als ich merkte, dass er unserer englischsprachigen Konversation mit Leichtigkeit folgte, stiegen wir auf Französisch um. Er grinste und sagte in tadellosem Französisch, dass auf der Straße des 17. Juni Stau sei und er daher über die Budapester fahren würde. Ich bin sicher, dieser Taxifahrer liest Tagesspiegel.
Das Berliner Original mit Schiebermütze (Kantstraße). Wenn ihnen diese Reinkarnation Harald Juhnkes leibhaftig begegnet, freuen Sie sich. Sie haben ein aussterbendes Stück echtes Westberlin entdeckt. Genießen Sie den Redeschwall, mit dem er sie überschüttet. Er wüsste, in welchen Rotlichtclub in Grunewald sich früher Senatoren fahren ließen, aber er hätte keine Ahnung, welche Location in Mitte gerade angesagt ist. Es gibt nicht mehr viele dieser Originale. Er liest die B.Z. – BILD wäre unter seinem Niveau und die Morgenpost, ebenfalls aus dem Hause Axel Springer und im Überregionalen praktisch die WELT, ist ihm zu „dicke“. Sein ebenfalls sehenswertes östliches Äquivalent wartet in Lichtenberg oder Köpenick, fuhr früher ein Lada-Taxi, weiß noch, wo die Kreuzung Leninalle/Dimitroffstraße ist und würde niemals B.Z. oder Bild lesen. Er schimpft manchmal noch auf die neuen Zeiten und liest den „Kurier“. Ihm wäre die „Berliner Zeitung“ zu dicke. Die wird im Osten auch von ein paar Taxifahrern gelesen, das wäre dann aber eher das Äquivalent zu dem Schöneberger Tagesspiegel-Leser. Manche Taxifahrer im Osten lesen auch „ND“, also „Neues Deutschland“. Fragt man diese Taxifahrer, was er früher gemacht hat, antwortet er „Irjendwat inne Verwaltung“. Manchmal klingt das auch ein bisschen sächselnd und wir nicken wissend.
Manchmal erwischen Sie – vielleicht am Schlesischen Bahnhof – einen Taxifahrer mit Lederjacke und Ohrring, der Radio Multikulti hört und für ein selbstverwaltetes Taxikollektiv fährt. Er ist eine herrlich sympathische Nebenfigur aus „Herr Lehmann“ und liest sicher die taz.
Dem Taxifahrer heute Morgen in der Knesebeckstraße habe ich übrigens fröhlich zurückgehupt. Er wird sich, leise grummelnd, gesagt haben: „Hat er auch wieder recht“ und die Sache hat sich erledigt. Vielleicht hat er auch „Idiot“ gesagt. Aber er wird es nicht so gemeint haben.
Lakritze Eine Verkehrsbehinderungseffizienz, die die 120 Tage von Sodom heraufbeschwört? Und das gleich siebentausendfältig? Meine Achtung vor Berlin steigt beträchtlich.
19 Januar 2009
Ruprecht Frieling Ausgezeichnete kleine Soziologie der Berliner Droschkenkutscher. Chapeau!
25 November 2009
Der Himmel über Berlin - Moabit
Virtueller Platz, Über die Gezeiten der Menschlichen Unrast, Berlin
04.11.2008
Lieber Otto,
danke für deinen Brief, den ich eben erst erhalten habe. Hätte ich ihn vorgestern gelesen, du erinnerst dich, als ich in den Park Babelsberg wollte, um dort die Einsamkeit zu genießen und meine Dämonen zu besichtigen, hätte ich dir vielleicht einfach zugestimmt. Außer mit den Karrieristen vielleicht, da hätte ich dir vielleicht ein bisschen widersprochen, weil ich, wie du weißt, ja selber einer davon bin. Heute aber, lieber Otto will ich dir von Herzen widersprechen.
Heute will ich dir antworten, wie schön dieser Himmel über Berlin ist. Das mag dir, gerade heute, paradox erscheinen, geradezu widersinnig, abwegig. Denn, aber das weißt du ja, lieber Otto, heute kann man den Himmel über Berlin gar nicht sehen. Heute ist ganz Berlin in einen bleichen, wattigen Nebel eingehüllt. Das fing gestern abend schon an. Weißt du, Otto, im Nebel ist Berlin bei Nacht einfach wunderschön. Der ganze Himmel ist orange weichgezeichnet. Wenn ein Lichtbildner so eine Atmosphäre in einem Film hinkriegen würde, er hätte den Oskar verdient. Obwohl, ich weiß ja gar nicht, ob es einen Oskar für Lichtbildnerei gibt. Ist ja auch egal. Gestern abend jedenfalls, das war bezaubernd. Ist es nicht seltsam, dass ausgerechnet orange leuchtender Nebel in Charlottenburg einem plötzlich einen warmen, glücklichen Schauer über den Rücken streichen lassen kann. Irre, nicht?
Heute morgen, lieber Otto, da war ich vor der Arbeit noch bei meinem Bäcker an der Ecke. Ich hab mir einen Cappuccino und eine von diesen süß-schweren Quarktaschen gekauft und mich dann raus in den Nebel gesetzt. Weißt du was, Otto? Die Leute in dem Laden und draußen am Nachbartisch waren alle wunderbar gelaunt! Es gab nur ein kleines bisschen Wind und mein Zigarettenrauch hat total hübsche Muster in der Luft gemacht. Klar, im Tagessspiegel gabs auch Prozesse gegen Neonazis, Vergewaltiger und Brückenmörder. Aber das war alles irgendwie unheimlich weit weg. Das Lachen am Nachbartisch aber und diese herrlich skurrile Wolke meines Rauchs, die einfach da stehengeblieben ist, wo ich sie hingeblasen habe, das war unheimlich nah. So nah, wie der Himmel über Berlin in diesem Moment.
Ganz liebe Grüße,
Dein Labude
Labude Ein Äffchen, kaum hats angefangen
Zu niesen, so ganz unbefangen
Wird - wer hätte das gedacht -
von Otto einfach ausgelacht
Kaum hat das Äffchen das entdeckt
Hats Otto auch schon angesteckt
Und die Moral von der Geschicht?
Wenn Äffchen niesen, lache nicht
6 November 2008
Park Babelsberg - Potsdam
Park Babelsberg, 14482 Potsdam
02.11.2008
An manchen Tagen ist der Herbst herbstlicher als sonst. Du könntest gar nicht sagen, was es ist. Die Bäume sind nicht mehr so bunt, wie sie es noch vor zwei Wochen waren. Die Herbststürme sind durchgezogen und die Windräder im Havelland drehen sich lethargisch vor den Wolken, die wie an den Himmel genagelt aussehen. Gänse ziehen in einem riesigen „V“ über dir entlang. Ein Teil des „V“ bricht ab, fliegt als Ausrufezeichen weiter. Berlin sieht eigenartig vertraut, hell und ordentlich aus. Es passt nicht.
An manchen Tagen wünscht man sich, er finge nicht an und höre nicht auf. Keine Aufgaben, keine Herausforderungen. Einfach da sein und doch nicht da. Man sollte die Steuerunterlagen sortieren, überfällige Briefe schreiben, die Schublade oben links aufräumen. Aber es geht nicht.
An diesen Tagen, sollte man, wenn man vernünftig wäre, sich etwas Gutes tun. Am Schloss Charlottenburg joggen gehen, einen Smoothie mixen, mit Grapefruit und Kiwi vielleicht. Man sollte vielleicht mal wieder ins Solarium gehen. Oder ein duftendes Bad nehmen. Aber da liegen die Badekugeln, die du an anderen Tagen, mit anderen Hoffnungen und Erwartungen gekauft hast.
Im Kühlschrank liegen noch gute Sachen. Die Frühlingszwiebeln sind ordentlich in feuchtes Tuch eingeschlagen oder daher noch frisch. Mit dem Käse und dem Schinken könnte man daraus ein schönes Omelette machen. Vielleicht hätte ich die Grützwurst mitnehmen sollen, die mit Zwiebeln und Äpfeln wie ein schöner Herbsttag schmeckt. Einer, der schon eine Ahnung von Weihnachten in sich trägt. Aber du verdrängst den Gedanken und kaufst eine Pizza beim Türken.
Ich werde nachher in den Park Babelsberg fahren. Es der schönste Ort auf der Welt für solche Tage. Das neogotische Schloss mit seinen Dämonen, Kreuzen und aufstrebenden Bögen. Die alten Bäume, die Seen, die hinter der Wegbiegung auftauchen. Versteckte Brunnen, der letzte Geruch von Pilzen. Es werden kaum Menschen dort sein, wenn es fast dunkel wird. Und dann ist es vielleicht gut.
Lakritze Auch bei winterlicher Lektüre: sehr eindrücklich. Ich mag den Herbst, und sogar diese Tage -- jetzt hätte ich gern einen davon, und einen passenden Park.
19 Januar 2009
Galeries Lafayette - Mitte
Friedrichstraße 76-78, 10117 Berlin
27.10.2008
Der Papst meinte neulich: «Wir sehen jetzt durch den Zusammenbruch der großen Banken, dass Geld einfach verschwindet, dass es nichts bedeutet» und wenn es eines Beweises bedurft hat, dass der Papst zurecht kein Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage der Bundesrepublik ist, dann ist er damit erbracht. Geld ist nämlich niemals weg. Geld ist nur woanders. Wenn bei der KfW beispielsweise jemand 300 Mio. an eine zahlungsunfähige Bank überweist, ist das Geld nicht weg, sondern wird an die Gläubiger verteilt. Weil das aber Gläubiger sind und keine Gläubigen, übersteigt es die Vorstellungskraft und das Urteilsvermögen des Papstes. Aber das mit der eingeschränkten Vorstellungskraft und Urteilsfähigkeit des Papstes kennen wir ja aus anderen Zusammenhängen. Das mit der Verhütung und der Sünde zum Beispiel.
Wenn wir also konstatieren, dass der Papst nicht unfehlbar und Geld niemals weg, sondern nur bei jemand anderem ist, bleibt, ist die Erkenntnis, dass sinnvollere und weniger sinnvolle Wege gibt, einen Haufen Geld zu diesem anderen zu schaffen. Man könnte es an Lehman Brothers überweisen oder bei einem Hütchenspieler verzocken. Das wäre ziemlich blöd aber weiter unschädlich. Oder man könnte es der Katholischen Kirche, dem republikanischen Wahlkampfkomitee oder dem Jihad Islamia spenden. Das wäre ziemlich blöd und außerdem ziemlich schädlich. Will man hingegen eine Menge Geld sinnvoll, schnell und unschädlich vom eigenen Konto auf das eines Anderen schaffen, sind die Wahlmöglichkeiten beschränkt. Ich habe für mich selbst eine ziemlich probate Methode entwickelt: die Lebensmittelabteilung der Galeries Lafayette.
Man könnte dort innerhalb einer halben Stunde einen Jahrgangschampagner Dom Perignon, ein Dutzend Austern, eine kleine Käseauswahl, etwas getrüffelte Gänseleberpastete und einen ordentlichen Bordeaux gegen einen Harz-IV-Regelsatz eintauschen. OK, die Gänseleberpastete müssten wir weglassen, weil die (wenn auch unanständig lecker) natürlich nicht unschädlich, sondern total ökologisch unkorrekt ist. Zwei Filets vom Loup de Mer würden es ja auch tun. Ich finde, das ist ein verdammt effektiver und dabei auch noch ziemlich lustvoller Weg der Geldverschiebung. Stellen Sie sich mal vor, sie hätten das gleiche Geld in die Kollekte gegeben und dann anschließend etwas über Überbevölkerung und Aids in der Dritten Welt gelesen. Mann, würden Sie sich ärgern!
Weil ich so wahnsinnig effektiv dann auch wieder nicht bin, lasse ich den Champagner stehen. Ist eh nicht gut für den Magen. Aber an dem Comté Extra Reserve, dem Crottin de Chavignol (den es nirgendwo besser – und teurer gibt) oder einem Chabichou fermier, alles in perfekter Reife, kann ich einfach nicht vorbeigehen. Ich behaupte, es gibt in Deutschland keine bessere Auswahl von französischen Käsen. Es gibt hunderte Sorten und man darf sie alle probieren, wenn man nett fragt. Die Mitarbeiter an der Käsetheke haben Ahnung und geben, wenn man Neues ausprobieren will – und das will man fast immer, gute Empfehlungen. Sie behalten die Geduld auch dann, wenn mit einer langen Schlange im Rücken „von diesem auch noch ein klltzekleines Stück“ will. Wenn man sich eine kleine Auswahl für einen Abend zu zweit zusammenstellt und noch eines der herrlichen Baguette und einen freundlichen Roten von der Loire mitnimmt, kommt man auf 25 bis 30 €. Das ist zwar nicht billig, aber immer noch sehr lustvoll. Hätte man für den gleichen Betrag schlechten Wein und schlechten Käse gekauft, hätte man zwar viel mehr zu tragen, aber das Geld wäre tatsächlich irgendwie – verschwunden.
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Ach ja, insgesamt gibt es 5 Etagen, auf denen es vom Parfüm bis zum Mieder alles Mögliche gibt, wovon ich keine Ahnung habe. Der große Glastrichter in der Mitte ist eine Touristenattraktion, von der offenbar die Legende besteht, es bringe Glück, wenn man Geld hineinwirft. Das ist ein bisschen das Friedrichstraßen-Äquivalent zum Applaus bei der Landung des Ferienfliegers.
hotzenplotz Ich möchte in diesem Zusammenhang daran erinnern und finde das unter obengenannten Gesichtspunkten auch höchst passend:
Wir sind Papst.
27 Oktober 2008
Wildhandel Klaus Nitschke - Wrangelsburg
Gladrow, 17495 Wrangelsburg
10.10.2008
Frauen machen sich, vermute ich, allerhand Vorstellungen darüber, was Männer tun, wenn sie nebeneinander am Pissoir stehen. Ich hab da ja so einiges gehört. Zum Beispiel, dass Männer mal einen verstohlenen Blick nach links oder rechts schweifen lassen, um festzustellen, ob man, so im direkten Vergleich, angemessen ausgestattet ist. Ich kann Sie, liebe Leserin, beruhigen. Oder muss sie enttäuschen; je nach dem. Männer gucken nicht. Sie pinkeln einfach. Normalerweise reden sie nicht einmal. Sie stehen schweigend nebeneinander, betrachten die kleine Fliege, die am Grunde des Pissoirs aufgemalt ist und pinkeln. Alles andere ist Vorurteil und Phantasie.
Genauer gesagt: War alles Vorurteil und Phantasie.
Ich war die letzten Tage auf der Exporeal. Das ist eine Immobilienmesse. Da laufen etwa zwei Millionen Männer mit dunklen Anzügen und Schlipsen rum. Makler, Projektentwickler, Banker, Politiker, Architekten, Anwälte. Wenn die Meute bei schönem Wetter im courtyard hängt, sieht es aus, wie der Gartenempfang nach der Beerdigung eines Ministerpräsidenten. Schwarz und dunkelgrau in gepflegtem Grün. Gedämpfte Diskussionen über ausbleibende Hypothekendarlehen und verschobene Projekte.
Drinnen, auf den Toiletten herrscht Andrang. Ungeduldige Warteschlangen; fliegende Wechsel an den aufgemalten Fliegen. Und zum ersten Mal höre ich Pissoirunterhaltungen.
„Haben Sie den Moskaustand gesehen?“
„Nicht schlecht. Meine Herren! Aber waren Sie schon bei Budapest? Mörderdinger!“
„Die mit dem Rückenausschnitt bis zum Hintern? Waffenscheinpflichtig!“
„Unglaublich“
„Da könnte man schon mal.“
„Naja, mal sehen, was heute noch mit der Assistentin aus der PE geht. Wir haben VIP-Karten fürs P1.“
„Da wünsch ich gutes Gelingen. Ich hab gehört, man sollte sich unbedingt Kiew ansehen.“
Abschütteln. Reißverschluss zu. Darsteller nach rechts ab.
Ich möchte die sensibleren unter meinen Lesern nicht verletzen, aber ich gebe hier ziemlich wortgetreu ein Gespräch wieder, das ich selbst gehört habe. Wirklich. Ich mag Blondinenwitze und halte mich keineswegs für einen Moralapostel. Aber das war selbst für mich beeindruckend. Ich habe mich dann innerlich ein bisschen über all dies empört. Und als ich damit fertig war, bin ich in die Halle B 3 gegangen und habe ich mir die empörenden Sehenswürdigkeiten von Budapest, Riga und Kiew angesehen. Besonders empörend war der Stand eines ukrainischen Developers, der nur ein einziges, schon recht angeschrammeltes Modell eines Büro- und Einkaufszentrums präsentierte. Aber zehn Models, von denen kein einziges angeschrammelt wirkte. Ich bin meinen journalistischen Pflichten nachgekommen und habe das dokumentiert. Es würde mich wundern, wenn an den drei Messetagen ein einziger der Standbesucher das Modell näher betrachtet hätte und ich hege insgeheim den Verdacht, dass es sich in Wirklichkeit gar nicht um ein Immobilienunternehmen, sondern um einen Mädchenhandel handelt.
Warum ich das alles berichte? Weil es in unmittelbarem Zusammenhang mit einer anderen Einrichtung steht, die ich kurz vorher besucht habe. Dem Wildhandel Klaus Nitschke in 17495 Gladrow. Herr Nitschke präsentierte uns nämlich einen ganz anderen Umgang mit Frauen. Mit Frau Nitschke, um exakt zu sein.
Man darf sich den Wildhandel von Herrn Nitschke nicht als ein ausgeleuchtetes Ladengeschäft in einer hübsch hergerichteten Kleinstadt vorstellen. Es ist ein Hinweisschild am Straßenrand. Wenn man ihm folgt, fährt man durch den Wald, bis man unweigerlich das Gefühl hat, sich verfahren zu haben. Dann noch ein Stück weiter und dann rechts. So gelangt man an eine Hütte mit bellendem Dackel und in dieser Hütte steht eine Tiefkühltruhe. Und in dieser Tiefkühltruhe liegen Pakete mit Wildschweingulasch, Rehrücken und Hirschfilet. Das hoffen wir jedenfalls. Wer sich hierher verläuft, könnte nämlich auch auf die Idee kommen, dass sich vielleicht auch Bestandteile eines verirrten Pilzsammlers darunter befinden. Wir verwerfen diesen Gedanken, sehen uns noch an, wie im Nebenraum der Hütte gerade ein Wildschwein zerlegt wird. Und versprechen, am nächsten Tag wieder zu kommen, um dann frischen Rehkitzrücken mitzunehmen. Das alles ist schrecklich nett, urtümlich und sympathisch. Fast freut man sich mit den erlegten Tieren, dass sie von diesem netten Händler zerlegt werden. Dass im Zerlegeraum noch Rehbeine und Eingeweide herumliegen, macht es nur noch authentischer. Hier besteht kein Zweifel, dass man frisches Fleisch isst. Uns so schmeckt es dann am Abend auch. Himmlisch.
Und was hat das alles mit Frau Nitschke und der Frauenrolle auf der Exporeal zu tun?
Als es ans Bezahlen geht, ruft Herr Nitschke seine Frau mit einem herzhaften Pfiff auf den Fingern („sonst hört man es hier im Wald nicht“). Und irgendwie wirkt auch das ehrlich und nett. Wildhandel halt, kein Mädchenhandel. Auch wenn es Frau Nitschke rein äußerlich sicher nicht mit den Models aus Kiew aufnehmen konnte (sie wird mir dies, falls sie es lesen sollte, nicht übel nehmen. Die Latte lag einfach ziemlich hoch).
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Fleisch kostet zwischen 5 und 15 € je Kilo und ist eingefroren. Frisch gibt es nur, was nebenan gerade zerlegt wird.
Herrn Nitschke findet man an der Landstraße zwischen Wolgast und Greifswald. Einfach auf das Hinweisschild „Wildhandel“ achten.
Die Sehenswürdigkeiten von dem Ukrainischen Stand habe ich nach dem Fotografieren gefragt:
„Where do you come from?“
Sie antworteten: „From Munich“
Nichts ist, wie es scheint.
BerndB Nah an der Wahrheit herumgemogelt und treffend beschrieben. Amüsante Lektüre, quasi empörend.
20 Oktober 2008
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