Beiträge von Lenz
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Lenz
am 3 März 2012

Die klar definierte Grenze am Hochrhein: Schön
Als „Grüne Grenze“ wird der Verlauf internationaler Landesgrenzen zwischen den Grenzübergangsstellen bezeichnet. Auch die Mitgliedsstaaten des Schengener Abkommens in der EU haben untereinander eine Grüne Grenze. Somit nicht nur ungehinderten Grenzübertritt der Menschen in grüner Natur, sondern auch mehr Freizügigkeit an den Zollstationen. Die Schweiz, die nicht zur EU gehört, gewährt durch ein Abkommen ebenfalls diese Erleichterungen. Was heißt das? Es finden an den Grenzwachtstellen keine Personenkontrollen mehr statt. Wohl aber eine stichprobenartige Warenkontrolle. Das ist bekannt und klingt etwas spröde und grau. Gleich wird es aber bunter. Hier geht es um Einkaufstourismus, Schmuggel, anderen Kriminaltourismus und um den erfreulicheren normalen Tourismus. In dieser Reihenfolge. Ich erzähle an dieser Stelle von der Grenze des Schweizer Kantons Schaffhausen zu Deutschland, die ich durch Wanderungen gut kenne. Die Grenze ist hier nicht – wie weiter östlich durch den Bodensee und Rhein und weiter westlich ebenfalls durch den Rhein – übersichtlich, sondern das Schweizer Gebiet reicht ziemlich ausgefranst nördlich nach Deutschland hinein.

Die nur sporadisch kontrollierte Brücke bei Diessenhofen: Klasse
Der Einkaufstourismus: Da höre ich den Schweizer Einzelhandel in grenznahen Gebieten laut stöhnen. Nicht aus Lust, sondern aus Ärger. Vor allem freitags und samstags wälzen sich dicke Autoschlangen durch die Zollstationen Thayngen und Neuhausen ins billige Euroland und kommen vollgepackt mit Unmengen an feinstem Filet, Salatgurken, Klamotten und Elektronikartikel zurück. Und weiterem. 2010 wurden nur hier in der Region insgesamt rund 92 000 Abfertigungen vorgenommen. 2011 waren es schon 134 169. Also eine Zunahme um 45 Prozent. Die Gebühreneinnahmen zu Gunsten der Schweizer Staatskasse durch die tüchtigen Grenzwächter stiegen sogar um 50 Prozent auf 9,64 Millionen Franken. Dabei sind natürlich nur Einkäufe über der Freigrenze von 300 Franken pro Kopf erfasst. Dieser Anstieg in der Region Schaffhausen liegt deutlich über dem Rest der Schweiz und erfreut den hiesigen Einzelhandel keinesfalls.

Wenn es Nacht wird blüht nicht nur der Schmuggel: Uaaaaah
Der Kriminaltourismus: Geschmuggelt wird vermutlich was das Zeug hält. Wer an Zollstationen nicht auffliegt oder einen Feldweg über die Grüne Grenze wählt, hat aber die Chance, im grenznahen Hinterland einem mobilen Grenzwachkommando aufzufallen. Nur zwei Beispiele, die besonders exotisch anmuten. Beim schönen Örtchen Rafz wurden im letzten Jahr zwei Portugiesen aufgebracht, die 90,5 Kilo Fleisch und 101 Liter Wein aus Deutschland im kleinen PKW importierten. Illegal natürlich. Nur fürs private Barbecue scheint das nicht gewesen zu sein. Obwohl, bei diesem lebenslustigen Volk aus dem Süden weiß man das nie. Noch interessanter ist der Fall eines Reisenden, der im IC Singen-Schaffhausen-Zürich kontrolliert wurde. Im Rucksack hatte er eine lebend junge Anaconda nebst zwei Tigerpythons. Das erinnert daran, dass offensichtlich mit seltenen und zum Teil unter Artenschutz gestellten Tieren ordentlich Geld zu machen ist. Löchrig ist die Grenze zur Schweiz auch für die Einfuhr von illegalen Drogen. 19,2 Kilo Kokain und 1,5 Kilo Heroin wurden hier im Kanton Schaffhausen im letzten Jahr sichergestellt. Auch 201 Kilo K.-o.-Tropfen. 80.000 Portionen. Designerdrogen. Das scheint mir wirklich nur die Spitze des Dunkeleisbergs zu sein. Schaffhauser können aber froh sein, dass die Droge Chrystal noch nicht den Weg über die Grenze findet. In Bayern ist dieser illegale Import aus Tschechien bereits häufig zu finden. Über dieses unselige Methamphetamin hatte ich schon im März 2007 berichtet.

Vor allem in Waldstücken ist man unbehelligt: Wie praktisch
Der normale Tourismus: Im Schaffhauser Klettgau entsteht gerade ein ungewöhnlicher Naturpark, der viele Schweizer Gemeinden, aber auch deutsche Gebiete umfasst. Diese ungewöhnlichen Anstrengungen führen zu einer Aufwertung der an sich schon schönen Landschaft. Die Natur ist per se kaum zerschnitten. Es gibt kaum große Straßen, die den Wildwechsel hindern. Dafür zauberhafte Dörfchen und natürlich eine hervorragende Gastronomie. Aber auch am Hochrhein zwischen Stein am Rhein und Eglisau ist die Grüne Grenze ein Segen. Ein Paradies für Wanderer, Radfahrer und Bootsfahrer. Wohl dem, der die Vorteile deutscher und Schweizer Gebiete ungehindert auf einer einzigen Tour erleben kann.

Der Feldweg über die Grüne Grenze: Auch für normale Touristen

Alle 9 Kommentare anzeigen
bb-dd Sehr interessanter Bericht und schön bebildert-danke, Lenz!
8 März 2012
Lenz Danke dir bb-dd. Wie immer.
Limoncina, was für grausige Vorstellung. Bezahlen für nix oder für unübersichtliche Strassenführung. Aber die Schweizer sind Damen gegenüber wohl kulant. :o
8 März 2012