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Lenz

Kompliment Lenz (15.02.2008) 5

„Die naturkundlichen Sammlungen des Londoner Museums für Naturgeschichte gelten als das Mekka der Naturforscher. 70 Millionen Exponate wurden hier in über 400 Jahren versammelt. 65 Süßwasserfische stammen von Mary Kingsley. Das Museum stattet die junge Frau 1894 für ihre zweite große Expedition nach Westafrika mit einem kleinen Etat aus“, stand irgendwo zu lesen. Das ist sehr lange her. Dann hat im Monat März 2007 die Universitätsbibliothek zu Frankfurt ein neues Werk erworben: „Kingsley, Mary Henrietta : The Congo and the Cameroons“. Es wird nun auch bei uns Zeit für eine große Frau, über die viel zu selten geredet wird. Nicht nur wegen ihrer Exponate aus dem Süßwasser.

Mary Henrietta Kingsley wurde am 13. Oktober 1862 als Tochter des Arztes und Reiseschriftstellers George Henry Kingsley im Londoner Stadtbezirk Islington geboren. Ihre Mutter Mary Bailey-Kingsley war pflegebedürftig und so kümmerte Mary, die jüngere, sich um ihre Mutter. Mit Schule war also nichts, damals in Härtefällen üblich. Aber George Henry Kingsley unterrichtete sein Kind, wenn er ab und zu von seinen langen Reisen zurückkehrte. Doch da war ja die große Bibliothek ihres Vaters, die geheimnisvolle, unbeschreiblich interessante, fantastische. Mary verschwand in diesem Reich so oft sie konnte, entwickelte sich aber zu einer zwar etwas introvertierten, aber ansonsten normalen jungen Dame des noblen Londons. Im Februar 1892 starben ihr Vater und kurz darauf ihre Mutter. Mary war Dreißig, hatte ein bescheidenes Vermögen von 500 Pfund Sterling, aber keine Aufgabe mehr. Aber da war noch das unvollendete Buch ihres Vaters über religiöse Fetische in Afrika. Reichlich krude und was tun?

Im August 1893 startete Mary Kingsley mit einem Frachtschiff gen Afrika, nicht ohne vorher ihr Testament zu machen. Über Freetown in Sierra Leone Richtung Angola und dem Kongo. In einem langen schwarzen Rock, eng geschnürtem Mieder, hohem Kragen und Pelzkappe. Auch einer Fotoausrüstung, einem Buch über Fischkunde, Gläser für diese und einer zerfledderten Ausgabe des römischen Dichters Horaz. Wow. Schlussendlich strandete sie im heutigen Nigeria, aus dem sie 1894 ins beschauliche London zurückkehrte. Da war sie aber nicht mehr die Mary Kingsley von damals. Sie war nun mutig, unerschrocken, kannte viele Gebräuche der Eingeborenen und konnte sogar Kanu fahren. Und sie war dem afrikanischen Kontinent und den dort lebenden Mensche verfallen. Nur eines legte sie nicht ab, ihren Rock. Und ihre Sehnsucht nach dem Unbekannten.

Noch im selben Jahr trommelte sie für eine zweite Expedition, sammelte Geld, unter anderem vom oben erwähnten Naturhistorischen Museum in London, und bereitete sich gründlich für ihre Reise vor. Chauvinisten rieten ihr erst zu einer Alternativreise nach Schottland, und als das nichts fruchtete, zu ordentlich Chinintabletten. Am 23. Dezember 1894 stach sie mit der ehrwürdigen Batanga von Liverpool aus in See. Über Old Calabar und Gabun erreichte sie Französisch Kongo. Dort machte sie sich mit einem Dampfboot und später mit einem Kanu dem mächtigen Fluss Ogowe hinauf auf die Reise. Untätig blieb die Lady während der Bootsfahrt nicht, hatte sie doch ihre Gläser für Exponate dabei, die man heute im Natural History Museum bewundern kann. Das sollte allerdings nur das harmlose Vorspiel für etwas Größeres sein, auch wenn sie bereits da von Europäern nie gekanntes Neuland betrat. Sie hatte von den sagenumwobenen Fang gehört. Die Fang gehören zu einer Volksgruppe, die heute noch auf den Staatsgebieten von Äquatorialguinea existent sind. Nur damals waren ihre Stämme vorwiegend kannibalisch. Selbst Missionare getrauten sich nicht in ihre schmucken Dörfer. Mary tat es, mit ihrem Eifer, ihrer Unerschrockenheit und ausschließlich einigen wenigen afrikanischen Führern. Das war exakt am 22. Juli 1895.

Die Fang waren gerade auf Affenjagd, zumindest der Stamm der erstmalig mit Mary Bekanntschaft machen sollte. Es wird berichtet, dass Mary diesem Stamm der Fang zupasse gekommen sein soll, als Lockmittel für die Beutetiere. Auch die hatten noch nie ein weißes viktorianisches Fräulein in Tweed gesehen. Was ist weiter zu erzählen? Es lief fantastisch, Mary zeigte im Umgang mit den Fremden ein ausgesprochen geschicktes Talent. Sie schien einen Siebten Sinn für prekäre Situationen zu haben. Mary setzte auch eine Waffe ein, den Handel. So soll sie angeblich einmal einen ihrer Führer, der für den Kochtopf bestimmt war, freigekauft haben. Ganz unzüchtig mit ihrer Bluse. Ihre spätere Anmerkung, dass die Fang wohl erkannten, dass sie zu den seltenen Exemplaren von Mensch gehörte, mit denen man besser trinkt als streitet, ist zwar sehr britisch aber doch fatalistisch. Wer hat schon gerne einen Kannibalen als Saufkumpan? Gefährlich war es allemal. Auch später, auf ihren unendlichen Fußmärschen durch Sümpfe, in denen sich Blutegel, Flusspferde, Krokodile und andere Ungeheuer tummelten.

Nun bleibt natürlich die Frage, was die Fang zu dieser schwerverdaulichen Kost aus Menschenfleisch geführt hat. Es war natürlich der Glaube an die Einverleibung von Jugend und Stärke durch den Verzehr von vorzüglichem Herz, Hirn und anderen Organen. Es war der Jugend- und Machtwahn. Und außerdem war es der Bestandteil einer Kultur, die damals weite Verbreitung fand. Nicht nur in Afrika. Schaurig. Mary kehrte auf jeden Fall unversehrt zurück, wurde berühmt und kritisiert, veröffentlichte Bücher und hielt Vorträge. Und in London soll sie ihr Appartement immer auf tropische Hitzegrade geheizt haben. Es scheint richtig zu sein, Mary Kingsley in einem Atemzug mit Livingstone, Stanley, Scott und Hillary zu nennen. Ohne Zweifel. Am 3. Juni im glorreichen Jahr 1900 verstarb Mary Kingsley in Simons Town in Südafrika, zumindest auf ihrem geliebten Kontinent. Sie hatte sich als Krankenschwester im Burenkrieg an Typhus infiziert und ihr Leben ging mit nur 37 Jahren zu Ende. Sie wurde bei Kapstadt mit allen militärischen Ehren bestattet. Als erste Frau, der das britische Empire eine solche Auszeichnung zubilligte.

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