Kompliment
Lenz (22.02.2008)
An der Flanke der St.-Johann-Baptist-Kirche zu Köln, hart an der Schnellstraße zur Severinsbrücke, steht der Heilige Severin und breitet schützend seine Arme über den Verkehr. Über die zig Tausend Personenkraftwagen, Busse und Lastwagen täglich. Über die zig Tonnen Kohlenmonoxide und Stickstoffdioxide, den Feinstaub jährlich. Der Heilige Severin hat aber keine chronische Bronchitis und auch kein Asthma, denn er ist aus Bronze. Er hat auch keine Lunge, vielleicht eine Seele. Eine Seele aus Bronze. Aber ganz schön staubig ist er, ja rußig. Vor allem am Kopf auf der Mitra, und dann auf seiner Schulter, auf dem Bischofsstab. Über seine türkis oxidierte Soutane bis zu dem Faltenwurf zu seinen Füssen findet sich das Schwarz. In Nischen der rauen Oberfläche. So also steht er stoisch und beobachtet den Verkehr. Immerfort.
Der eigentliche Heilige Severin, seine Gebeine, ruhen jedoch woanders. Natürlich in der St. Severin, und das ist kein Wunder. Im Reliquienschrein und dann auch noch in einem hölzernen Sarg. Der wurde unverschämterweise einmal geöffnet, in der Zeit von Erzbischof Hermann III. von Hochstaden. Unser Wichfried von Köln hat ihn damals umgebettet, den Heiligen Severin. „Umbetten“ nennt man das, wenn man die Ruhe stört. Neugierig, wie die Kölner sind, wurde er 1999 nochmals begutachtet und da hat man bei der Untersuchung einer Zahnwurzel festgestellt, dass er 55 Jahre alt wurde, der Heilige Severin. Der richtige. Der um 400, natürlich nach Christus, gewirkt haben muss.
Unser Heiliger Severin steht aber an der Schnellstraße bei Wind und Wetter und breitet seine Arme aus. Er kümmert sich nicht oder kaum um die Kinder des Kindergartens St. Johann-Baptist. Schon gar nicht um die eiligen Passanten; die junge Frau, die ihren Kinderwagen schiebt oder den gut gekleideten Mann, der ein Baguette in sich reinstopft. Auch nicht um den Hausmeister der katholischen Kirchgemeine St. Johann-Baptist, der den Boden fegt. Fein säuberlich. Der Heilige Severin widmet sich schon eher den rasch ziehenden Wolken, den wandernden Schatten auf dem Kies. Vielleicht noch den wenigen Vögel in den prächtig winterlichen Bäumen, die ganz und gar nicht wissen, was sie wollen. Es ist schon ein merkwürdiger Ort. Aber er steht da, der Heilige Severin, und kümmert sich um den Verkehr. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.
Stichworte
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