Kompliment
Lenz (05.03.2008)
Geschwätzig wie wir sind denken wir kaum oder selten daran, wie wir so geworden sind wie wir sind. Die Rede ist hier von der Menschwerdung oder vom „großen Sprung nach vorn“. Seltsames Thema? Schon, aber ein romantischer Blick tief in unsere Herkunftsgeschichte kann nicht schaden.
Stellen wir uns einfach eine Szenerie an einer Raststätte in der Nähe von Kibish im wunderbaren Äthiopien vor. So vor zirka 195.000 Jahren. Wir beobachten zwei Geschöpfe der Gattung moderner Mensch. Omo 2 ist schlecht drauf. Er möchte seinen Happen delikat gegrillt haben, aber das Feuerchen ist ausgegangen. Außerdem ist er nicht gerade der Geschickteste. Omo 1 weiß wie man anfeuert, möchte aber nicht andauernd der Blödmann sein. Feuer machen kann jeder, seitdem vor 1,4 bis 1,8 Millionen Jahren bei Swartkrans in Südafrika gebraten wurde. Vom Frühmenschen Homo ergaster. Nur Omo 2 kann es anscheinend nicht. Und der ist immerhin ein Homo sapiens.
Am liebsten würde Omo 1 auf die Schlagmethode hinweisen, auf das Schlagen eines feinen Stückes Pyrit gegen ein Stück Silex oder Flint. Da würde der Funke schon funken. Oder gerne würde er die Reibungsmethode vorschlagen, das Rubbeln von geeigneten Hölzern gegeneinander bis es glimmt. Omo 2 ist dämlich oder faul oder beides. Da hilft nur das richtige Wort. Genau, und das ist das Problem. Die beiden können nicht sprechen. Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können. Es gibt zwar eine oberflächliche Kommunikation zwischen den beiden. Wie bei anderen Säugetieren, den Schimpansen, Gorillas oder Rhesusäffchen. Aber aneinandergereihte Begriffe sind Omo 1 und Omo 2 fremd. Und komplexe Probleme mittels verschachtelter Sätze darstellen geht schon gar nicht. Die Rekursion fehlt. Schade, denn Omo 1 und Omo 2 haben ein komlexes Problem.
Wahrscheinlich fehlen das Zungenbein, die entsprechende Muskulatur und der große Schlund, die die anatomische Voraussetzung für ungehindertes Sprechen gewährleisten. Aber vor allem das richtige FoxP2. Da haben wirs. Da ich Ihnen einen romantischen Blick versprochen hatte, nehmen wir aber für Omo 1 und Omo 2 an, dass für ein Heureka-Erlebnis plötzlich alles da war. „Herrgottsack, rubble ein wenig. Dann wird das Fleisch schön durch!“ Der große Sprung ist geschafft und in Zukunft werden ihre Kinder klasse unterrichtet werden. Bis zum jüngsten Knirps. Dank Sprache. Kooperatives Teilen von Information nennt man das. Oder wie kriege ich mein Steak mittels Feuer durchgebraten.
Nun fehlt zur Abrundung der Geschichte noch die Aufklärung zum fabelhaften FoxP2. Das Max Planck Institute for Molecular Genetics sagt dazu: „Bereits 2002 hatte eine Arbeitsgruppe um Svante Päaboo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die DNA-Sequenz des intakten FOXP2 Gens beim Menschen verglichen mit der Sequenz von Menschenaffen sowie Mäusen. Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass das menschliche FOXP2 Gen eine ganz spezifische Sequenzvariation aufweist, die sie bei den anderen Spezies nicht nachweisen konnten. Diese geringfügige Änderung könnte im Zuge der Evolution eine ganze Kette von weiteren Änderungen nach sich gezogen haben; denn das FOXP2-Gen stellt die Bauanleitung für einen Transkriptionsfaktor bereit - ein Protein, das die Aktivität zahlreicher anderer Gene steuert. Die Leipziger fanden Hinweise dafür, dass die menschliche Form von FOXP2 für seinen Träger vorteilhaft gewesen sein muss und daher vermutlich maßgeblich mit der Entwicklung der menschlichen Sprache verknüpft ist.“
Ganz im Sinne einer Stärkung der deutschen Wissenschaft sei hier explizit Svante Päaboo erwähnt. Man hätte auch auf Cecilia S. Lai vom Wellcome Trust Centre for Human Genetics in Oxford hinweisen können. Das Team um Cecilia hatte schon 2001 festgestellt, wie sehr ein auf dem Chromosom 7 lokalisierter falscher Erbfaktor beim Sprechen stören kann. Die Differenzierung zu unseren nächsten Artgenossen am FoxP2 ist übrigens gering. Zum Schimpansen sind es nur zwei andersartige Aminosäuren. Zur Maus drei. Trotzdem ist es schön sich vorzustellen, wie die Kinder und Kindeskinder und Kindeskinderkinder von Omo 1 und Omo 2 das Sprechen lernten, die Schrift erfanden und Disneyland erschufen. Es ist doch großartig Mensch zu sein.
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