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Moabiter Maulbeerkultur von Liesl
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Moabiter Maulbeerkultur

Moabit, Berlin

4 1 Beitrag

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Thusneldaallee 1, Hinter der Heilandskirche, 10555 Berlin

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1 Beitrag zum Platz "Moabiter Maulbeerkultur" auf Deutsch

Benutzerfoto: Liesl
Liesl
Berlin
50 Beiträge
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4 Sterne für Moabiter Maulbeerkultur
Beitrag zu Moabiter Maulbeerkultur vom 20 April 2008

Herr Oesterreich büßt. Mit Lust. Auf die Frage, ob er der Pfarrer sei, antwortet er verschmitzt: "Ich? Nein. Ich gehöre weder zur Gemeinde noch überhaupt der Kirche an. Dafür arbeite ich jetzt die Kirchensteuern ab, die ich nicht bezahlt habe." Er tut das hinter der Heilandskirche auf einem kleinen Stück eingezäunter Wildnis, die stellenweise schon ausgeprägte Gartenqualitäten zeigt. Wobei, die Wildnis will er gar nicht wirklich bekämpfen, eher das eine oder andere Highlight setzen.

Herr Oesterreich kämpft. Zum Beispiel mit kleinen blauen Pillen (von OBI) gegen die Ratten und Tauben, die den Kleinen Tiergarten bevölkern und die von anderen Parknutzern mehr oder weniger liebevoll gepäppelt werden. Oder mit Hasendraht und essiggetränkten Lappen gegen das Moabiter Wildkaninchen, das unerbittlich die jungen Flieder- und Apfelbeerentriebe (was immer Apfelbeeren sein mögen) abknabbert.

Warum Herr Oesterreich das alles tut? Wegen des Maulbeerbaums. Der ist nach einer kleinen Eiszeit und zwei Weltkriegen so gut wie ausgestorben, nachdem er einst wesentlich zur Moabiter Identität beigetragen hatte. Irgendwann kurz nach 1700 hatte Friedrich Wilhelm der I., König in Preußen, die Réfugiés der französischen Kolonie zur Seidenraupenzucht angestachelt und ihnen eine Anschubfinanzierung gewährt. "Hier sollen sie Maulber Beume Plantzen", schrieb er ihnen in den dorotheenstädtischen Lageplan, doch schon zehn Jahre später war einigermaßen deutlich, dass es sich um eine Fehlinvestition handeln würde. Keine Rede von einer blühenden Moabiter Seidenproduktion.

Herr Oesterreich findet, die Hugenotten hätten sich eher dumm angestellt. Seine Maulbeerbäume gedeihen jedenfalls gut. Zwei sind schon relativ groß, und die Sträucher für die Maulbeerhecke sind dabei anzuwachsen. Nur bei der Ernte sind inzwischen die Vögel schneller als jedes menschliche Bemühen, nachdem sie im ersten Jahr offenbar noch nicht entdeckt hatten, welche Leckereien ihnen mit den farbintensiven Beeren entgingen.

Herr Oesterreich pflegt Kontakt mit dem Maulbeerexperten von der Pfaueninsel, der unzählige Sorten kultiviert und erforscht. Sie tauschen auch schon mal das eine oder andere Pflänzchen aus. Als so ein Gegengeschenk kam zum Beispiel ein französischer Papyrusmaulbeer in den Heilandskirchgarten und wurde – mit kleinen papierenen Trikoloren besteckt und unter Absingen der Marseillaise – in aller Würde eingepflanzt.

"Ich missioniere", sagt Herr Oesterreich. Sankt Johannis hat er schon mit einem Setzling beglückt, als nächstes hat er die Elisabethkirche im Visier, und wenn die evangelischen abgehandelt sind, kommen auch die katholischen Kirchen dran – wie das Dominikanerkloster um die Ecke.

Die Rückkehr des Maulbeerbaums nach Moabit hat alle Chancen der Welt. Viel Erfolg, Herr Oesterreich!

Kommentieren 28 Kommentare zu diesem Beitrag Alle anzeigen

  • hotzenplotz, 20 April 2008:

    Bei der festlichen Einpflanzung wäre ich gern dabeigewesen.
    Die Marseillaise liegt mir.

  • Liesl, 20 April 2008:

    So martialisch? Das hätte ich dir nur im Stadion zugetraut.

  • hotzenplotz, 20 April 2008:

    Mit dem Pastis in der Hand auf der Wiese in Moabit zum Wohle der Seidenraupe kriegerische Lieder singen. Doch, das wäre was.
    Mit oder ohne sich blöde anstellende Hugenotten.

  • Wolfram, 20 April 2008:

    Danke für diesen wunderbaren Artikel, eine Bereicherung für Qype und die Moabit-Liste.

  • Lakritze, 20 April 2008:

    Schöööön. :) Ich freue mich schon auf die Moabiter Maulbeermarmelade, die dermaleinst in den Feinkostläden zu haben sein wird.

  • vilmoskörte, 20 April 2008:

    Die Vögel werden’s wohl verhindern….

  • CatCat, 20 April 2008:

    Wun-der-schön!
    Ja! Herrn Oesterreich ein gutes Gelingen!
    Eine Frage noch: Will Herr Oesterreich denn auch bei Erfolg in die Seidenraupenproduktion einsteigen?

  • Liesl, 20 April 2008:

    Nein CatCat, das weist er weit von sich. Vielleicht befürchtet er, dass die Vögel auch Gefallen an den Räupchen finden könnten. Oder er hat erkannt, dass Erfolg manchmal auch mit Beschränkung zu tun hat.

  • Kixka Nebraska, 20 April 2008:

    Ist Herr Oesterreich dann so eine Art Guerilla-Gärtner mit offizieller Duldung ?

  • Liesl, 20 April 2008:

    Ich vermute, seine Anfänge liegen irgendwo da. Jetzt macht er ganz unverkennbar mit dem Pfarrer gemeinsame Sache. Das geht soweit, dass er das Recht erwirkt hat, sein Gartenreich mit Zäunen zu befestigen.

  • eichhorn, 20 April 2008:

    Ja, Vogel in Moabit sein, das ist doch was.

  • Liesl, 20 April 2008:

    ;)

  • vilmoskörte, 21 April 2008:

    Essen Eichhörnchen keine Maulbeeren?

  • Lakritze, 21 April 2008:

    Davon kriegen sie doch schwarze Zähne, vilmos. :)

  • Liesl, 21 April 2008:

    Für die Seidenraupenzucht nimmt man ja die weiße Maulbeere (dabei fressen die Raupen eh nur die Blätter). Allerdings sollen selbst die weißen Bäume auch schwarze Früchte hervorbringen können.
    Weshalb ist eigentlich die ganze Welt so uneindeutig?

  • eichhorn, 21 April 2008:

    Wieder was gelernt. Ich dachte Hörnchen essen nur Nüsse? Fürs -horn kann ich nur sagen: hat es noch nie probiert. Muss mal am Mittwoch nach oder vor dem Markt gucken gehen.

  • Lenz, 21 April 2008:

    Es lohnt doch immer, auf Liesls Beitrag zu warten. Diesmal wäre er mir beinahe entwischt. Grandios.

  • Badbury, 1 Mai 2008:

    Anstatt die Kaninchen zu verjagen, sollte er sie als Flakhelfer für den Kampf gegen die Vögels einstellen. “Hah, Schnäbel weg von meinen Maulbeeren, blaue Bohnen könnt ihr haben! Da und da!”

  • Badbury, 4 Mai 2008:

    Moabiter Allerlei, auf keiner Speisekarte von sich auch nur halbwegs ernst nehmenden Restaurants zu missen. Dazu äußerst empehlenswert der Richensarote der Winzerei in Bad Lieslbrunn. gern auch im offenen Ausschank.

  • Liesl, 4 Mai 2008:

    Ein bisschen was vom geschlachteten Schaf dazu und einen Ökokrepps vom Markt nebenan. Und das Ganze auf einem Moabiter Kissen sitzend in heiterer Runde eingenommen.

  • Badbury, 4 Mai 2008:

    Was bitte, um alles in der Welt, ist Ökokrepps? Das selbe das die Englischsprechenden “Crap” nennen?

  • Badbury, 4 Mai 2008:

    Oder zur Not eine Mohnmühle oder Entenpresse nehmen.

  • Liesl, 4 Mai 2008:

    Nanana, Badbury!
    Krepps ist eine Reminiszenz an vergnügliche Stunden in einer legendären Qype-Gruppe: Crêpes Berlin .

    Richensa, damit eine Schnippelbohnenmaschine es mit Badburys blauen aufnimmt, müsste sie rot sein. Und dem Alu trau ich auch nicht über den Weg.

  • Badbury, 4 Mai 2008:

    Selbst nicht im Lafayette? Dann werde ich mir das nächste Mal den Spaß machen, dort hinein zu gehen und mit französischem Akzent herum zu poltern: “Was für ein Sch…geschäft denken Sie hier zu haben, keine Mohnmühlen und keine Entenpressen, sacre fucking bleu!”

  • Liesl, 4 Mai 2008:

    Dann pass mal auf, Buchstäblich könnte die sicher gut brauchen. Für ihre Fitzebohnen, mit den blauen kommt sie vermutlich auch freihändig klar.

  • Badbury, 5 Mai 2008:

    Komisch, ich habe einen Aalschneider der Bohnen-Werke.

  • Liesl, 5 Mai 2008:

    Aufschneider!
    Wo bleibt das Foto?

  • Badbury, 5 Mai 2008:

    Nein, nicht Aufschneider, AALschneider.

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