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Kompliment Lenz (15.05.2008) •••••
Wie sich jeder vorstellen kann, haben unsere heutigen Tattoos einen geschichtlichen Ursprung. Viele Völker der Erde haben irgendwann mal die Liebe zur dauerhaften Körpergestaltung entdeckt und es ist sicher, dass Tätowierungen unabhängig voneinander in verschiedenen Ethnien entstanden. Schon vor 40.000 Jahren sollen die Ureinwohner Australiens ihre Körper bemalt und markiert haben. In ägyptischen Mumien nubischer Frauen finden sich Tätowierungen auf der gut konservierten Haut. Im Norden Chiles wurde schon vor 7.000 Jahren gestichelt. Die wilden Skythen trugen großflächige Tätowierungen und auch unser 5.000 Jahre alte Ötzi leistete sich einige aus Balken bestehende Zeichen. Klar ist, dass Tätowierungen rituelle Bedeutung hatten.

Der schöne Insulaner von Gianpaolo Barbieri
Wahrscheinlich die schönsten Tattoos gab und gibt es in Polynesien, auf diesen wunderbaren Inseln, die die Sehnsucht gebildeter Europäer nach Ursprünglichkeit schon immer beflügelt haben. Auch der Begriff „Tätowierung“ und mit ihm das eingedeutschte Wort „Tattoo“ hat seinen Ursprung im Tahiti-Wort „tatau“ und Tahiti gehört bekanntlich zu Französisch-Polynesien. Und dieses Wort hat sich vermutlich lautmalerisch aus dem Geräusch entwickelt, das beim Schlagen auf den in Polynesien traditionell benutzten Tätowierkamm oder Stichel entsteht.
Die Tahitianer erklären den Ursprung des Tatau denn auch durch eine Legende: Zwei Söhne des Gottes Ta’aron, Mata Mata Arahu (der mit Holzkohle zeichnet) und Tu Ra’I Po (der im dunklen Himmel wohnt), erfanden die Tätowierung, um die Tochter der ersten Menschen, Hina Ere Ere Manua, zu verführen. Das gelang auch, denn das Mädchen war so begeistert vom kunstvollen Ganzkörperschmuck der beiden, dass sie der strikten Überwachung durch ihre Mutter entfloh. Kinder, Kinder! Eine andere Quelle schildert die Verführung sogar noch drastischer. Da sollen die beiden Götterjünglinge ihre wunderschöne Götterschwester mit Tattoos an intimen Stellen des Körpers verzaubert haben. Inzest scheint es bei den Göttern ja nicht zu geben. Wie auch immer man es mit der Ganzkörpergestaltung als Hilfsmittel der Verführung hält, auch Mädchen ließen sich tätowieren, und zwar schon im zarten Alter zwischen acht und zehn Jahren. Ein schmuckes Hineingleiten in die Pubertät. Wie die in diesem Zusammenhang in der Literatur gefundene Bemerkung, dass ein nicht tätowiertes Mädchen für Männer tabu sein sollte, zu verstehen ist, weiß ich nicht genau. Ich hoffe, die Schamgrenze reichte bis ins Alter der Vollendung der Tattoos, also bis in die Volljährigkeit. Jünglinge wurden mit elf oder zwölf Jahren erstmals markiert. Vollendet wurde die Ganzkörperzeichnung bei ihnen im Allgemeinen kaum vor dem dreißigsten Lebensjahr. Heute sind auf Polynesien meist nur noch Männer tätowiert.
Der Vorgang selbst ist schmerzhaft, ist zu lesen. Die Geräte sind angeblich urtümlich, unverändert seit Hunderten von Jahren. Ein Stöckchen mit einer haarscharfen Spitze aus angeschliffenem Perlmutt, Vogelknochen, Tier- oder Menschenzahn dient als Stichel. Mit einem Hämmerchen wird der in Farbe getunkte Stichel unter die Haut getrieben. Die Farbe wird aus verbrannten und zermahlenen Nüssen gewonnen, die zu einer tiefschwarzen Paste angerührt werden. Unter der Haut färbt sich die Tinktur graublau, unauslöschlich für immer. Anderorts ist zu lesen, dass der Stichel eigentlich eher ein Kamm mit bis zu zwanzig Nadeln ist. Vermutlich gibt es eben mehrere Gerätschaften, je nach Muster.
Die Körpermuster bestehen aus kunstvollen Kompositionen abstrakter Motive wie Sterne, Kreise, Schleifen, Rhomben und stilisierten Bildern von Bäumen, Blumen, Waffen, Vögeln und anderem. Überliefert ist, dass die unterschiedlichen Zeichen ursprünglich einzelnen Gesellschaftsgruppen wie Priestern, Adeligen oder Kriegern vorbehalten waren. Heute ist es bei aller Romantisierung so – und da muss ich Sie leider ernüchtern – , dass die moderne Bildwelt Einzug auf Polynesien gehalten hat. Ich würde mich nicht wundern, das eine oder andere profane Figürchen auf polynesischer Haut zu finden. Es müssen ja keine Micky-Mäuse sein. Auch die Technik entspricht wohl meist eher modernen Tätowierstuben. Aber unter jungen Leuten gilt eine schön gelungene Tätowierung nach wie vor als zeitlos sexy.
Da mein Taschengeld bis jetzt noch nicht bis Tahiti gereicht hat, stammen die im Bildanhang zu findenden Motive vom Mailänder Modefotografen Gianpaolo Barbieri. Das erklärt die Tatsache, dass sie in einer an Polaroids erinnernden Gestaltung reproduziert sind. Kunst eben. Ich habe sie mit Einwilligung der Repräsentantin so belassen.

Karte des Südpazifiks mit Tahiti
Zu Schluss: Tahiti ist hier auf Google Maps nicht vorgesehen. Um den Platz zu posten, musste ich deshalb eine andere Adresse eingeben. Der Beitrag handelt von Tattoos, die man in Französisch-Polynesien findet, zum Beispiel auf Tahiti. Aber auch früher auf den Osterinseln und anderen.
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