2
Beitrag zu Hamlet vom 12 August 2012
Wegen der netten Kellnerin hätte ich mir gewünscht, hier eine gute
Kritik schreiben zu können. Und auch weil es einfach ein ruhiges
sonntägliches Frühstück mit zwei Freunden werden sollte. Ich kam etwas
zu spät, nachdem schon der Groupon- oder DailyDeal-Gutschein abgegeben
wurde - seine Einlösung stellte offenbar kein Problem dar. Allerdings
wusste ich, dass die Reservierung mit dem Gutschein etwas langfristiger
geplant werden musste. Ein Klavierspieler war da und spielte angenehme
Alltime classics, der Kaffee war okay, ABER dann kam die
Frühstücksplatte. Erstmal ist das eine feine Idee, denn man erspart sich
das Büfett, wo alle gierig in den Salaten und Aufschnitten rumwühlen
und dann die Hälfte auf den Tellern bleibt, und hat stattdessen eine
schöne Auswahl an Wurst, Schinken, Käse, Marmelade, Honig, zwei Eiern,
etwas Hühnchensalat (mit gebratener Ananas und Pilzen - originell!) und
einem Schälchen Joghurt mit Obst. Alles war verziert mit Salatblättern,
Erdbeeren und Melonen. Dazu natürlich Brötchen und Brot - wirklich okay.
Aber schon mein erster Bissen in ein eine mit Roastbeef belegte
Brötchenhälfte war seltsam und der zweite wieder und ich guckte mein Gegenüber an und der kaute auch zweifelnd und dann sprach ich es aus: Ich wittere Morgenduft
- das Essen schmeckt nach Parfüm! Wir konnten es erst nicht glauben,
aber tatsächlich probierten wir dann zu dritt verschiedenen Bestandteile
aus verschiedenen Ecken des Tellers und das meiste schmeckte intensiv
und anhaltend nach einer Art Deo - es war echt widerlich! Natürlich
haben wir darüber beratschlagt, was wir jetzt machen und dann mit der
gebotenen Höflichkeit und der vom Berliner Service uns anerzogenen
Devotheit die nette Kellnerin informiert. Tja, und die hatte nun leider
niemals eine Schulung für den Umgang mit Reklamationen erhalten, sondern
glaubte uns rundweg gar nicht und bestritt, dass so etwas sein könnte.
Aber warum sollten wir einen gemütlichen Sonntagvormittag damit
versauen, aus der Luft gegriffene Vorwürfe zu erfinden? Wir ließen uns
vertrösten, aber das essen wollte nicht mehr schmecken. Natürlich macht
man sich Gedanken, wie so ein hartnäckig im Mund bleibender Deo-Geruch
auf das Essen kommt. Die harmlosere Vorstellung war, dass der Koch oder
sonstwer in der Küche so etwas versehentlich auf die bereit stehenden
Platten gesprüht hat oder eine automatische Raumduftanlage in der Nähe
stand. Die weniger appetitliche Vorstellung drängte sich auf, als wir
feststellten, dass die Melonenscheiben am stärksten betroffen waren und
das Parfüm-Aroma auf die benachbarten Speisen abgaben: Möglicherweise
hatte die Kaltmamsel vor dem Melonenschälen das Deo angewendet und die
Hände nicht ordentlich gewaschen. Bäh! okay, wir wissen nicht, wie es
zur Kontamination gekommen ist und ich meine: In der Gastronomie kann -
wie überall - jederzeit ein blödes Missgeschick passieren und ich würde
daraus auf keinen Fall auf die gesamte Hygienelage im Hamlet
rückschließen wollen und den Schluss auch keinem Leser nahelegen. Unser
Appetit war einfach weg und so sprachen wir die Kellnerin nochmal, noch
eindringlicher an, selbst etwas zu probieren oder daran zu riechen: "Etwas ist faul im Staate Dänemark!"
Sie nahm zeternd die Platte, brachte sie in die Küche und kam kurz
darauf mit ihr und der Botschaft zurück: Der Koch kann nichts
feststellen. Ich frage Sie, den Leser: Ist das nicht doof gelaufen?! Ich
halte das Verhalten der (wie gesagt netten) Kellnerin für extrem
unprofessionell und mies. Durch die Blume gab sie mir zu verstehen, sie
könne da auch nichts machen, wenn der Koch so entscheidet. Offenbar ist
die Geschäftsführung hier nicht auf Kundenbindung aus und gibt diese
Devise auch an die Kellner aus. Aber ganz ehrlich: Wenn ein Gast einen
Mangel reklamiert - und deutlich kein Querulant, Dauernörgler oder
Wahnsinniger ist - dann sollte man doch einfach versuchen, ihm
irgendeinen Ersatz zu verschaffen und ihm so das Gefühl zu geben, dass
er dem Wirt wichtig ist. Wir wollten ja gar keine neue Platte, sondern
ein paar neue (nicht parfümierte) Scheiben Aufschnitt! So standen wir da
wieLügner oder wie verhinderte Zechpreller. Es war alles krass
unangenehm und wie sich jeder vorstellen kann, werden weder ich, noch
meine beiden Begleiter jemals wieder einen Fuß ins Hamlet setzen und die
Unglaublichkeit dieser ganzen grauenhaften Episode wird jetzt natürlich
im Freundeskreis intensiv besprochen und verarbeitet. Schade für uns
alle. Nur eins hoffe ich: Dass der kritikresistente Koch diesen Hinweis
liest und dafür sorgt, dass nie wieder Deo auf seinen Frühstücksplatten
landet. Und der Rest ist Schweigen...
Kommentieren Kommentiere diesen Beitrag zu Hamlet