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Kompliment
Niclas Grabowski (13.05.2008)
Normale Menschen haben ihr spirituelles Erweckungserlebnis üblicherweise beim Besuch eines buddistischen Tempels. Da stehen sie dann völlig verzaubert von den unbekannten Gerüchen, den Gesängen, der fremdartigen Architektur und den Gläubigen in Trance und verstehen dabei kein einziges Wort. Und dennoch: Man fühlt sich tief bewegt, fragt sich, wozu das eigene Leben denn so gut ist und will plötzlich alles anders machen. Zu Hause werden dann Bücher gelesen, und man versucht, den Kick aus der Fremde verzweifelt zu reproduzieren.
Ich dagegen hatte mein Erlebnis bei einem Gottesdienst in einer russich-orthodoxen Kathedrale in St. Petersburg. Ein wunderschönes Gotteshaus, bereits von außen, gebaut in einem kleinen Park, der auf drei Seiten von Wasser umgeben ist. Das Gebäude selbst wirkt unverkennbar russisch, es nimmt die Formsprache älterer, oft hölzerner orthodoxer Kirchen auf. Innen findet man dann einen Bilderrausch vor. Ikonen und Bilder von Heiligen, Altäre, goldene Wandverkleidungen. Man weiß nicht, wohin man die Augen wenden soll, so viel Spannendes scheint es hier zu geben.
Hier wurden wohl auch zu Zeiten der Sowjets Messen gelesen, besser gesungen. Und so lässt man sich hier auch nicht durch die vielen Touristen beirren, die sich hier zu fast allen Zeiten befinden. Man ahnt, dass auch das mit dem Tourismus eine Erscheinung ist, die wie so vieles die Zeiten nicht überdauern mag. Die Zeiten überdauern, das wird aber sicher das Ritual des Gottesdienstes mit seinen Gesängen und dem intensiven Geruch nach Weihrauch. Hier sind die Gläubigen und die Priester noch voll bei der Sache. Jeder im Raum macht den Eindruck, wirklich mit dem Herzen dabei zu sein. Dabei fällt auf, dass hier auch viele junge Menschen beten, meistens allerdings auch recht einfach angezogen sind. Ein soziales Gegenbild zum schönen Schein des Newskij Prospect. Und dennoch fühlt man sich hier selbst als Tourist nicht unwillkommen. Selbst wenn man eigentlich bei der Besichtigung des Gottesdienst stört.
Vielleicht liegt der besondere Reiz des orthodoxen Gottesdiensts darin, dass hier ein Geheimnis bewahrt wird. Denn im Gegensatz zum Westen dürfen hier die Gläubigen nicht alles mitverfolgen. Der eigentliche Altarraum kann nur durch eine kleine Öffnung eingesehen werden. So bleiben viele der heiligen Handlungen für die Gläubigen ein Mysterium. Und ist das nicht genau das, was das Wort Glaube impliziert? Nämlich die Bereitschaft, zu Glauben ohne zu sehen? So kann man hier, in der Kathedrale von St. Nikolaus mehr sehen als nur Architektur und Kunstgeschichte. Mit etwas Glück und Einfühlungsvermögen versteht man nach dem Besuch hier die Menschen besser.
Bin ich jetzt konvertiert? Gott bewahre!
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