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Kompliment vilmoskörte (19.05.2008) 5

Ist es Ihnen auch schon passiert, dass Ihre Wahrnehmung eingeschränkt war? Die des Alltäglichen, meine ich, dessen, das wir tagein, tagaus sehen, an das wir gewöhnt sind, das wir nicht mehr beachten, dem wir keinen zweiten Blick schenken. So kommt es, dass man erst durch den Brief des Polizeipräsidenten wahrnimmt, dass an der Straße, die man jeden Tag zur Arbeit fährt, auf einmal Schilder aufgestellt wurden, die die Geschwindigkeit auf 30 km/h drosseln sollen, damit die Anwohner ruhiger schlafen können. Oder dass niemand merkt, dass der Kollege, der zwanzig Jahre einen Vollbart trug, sich rasiert hat.

So geht es auch mit den historischen S-Bahn-Zügen, die zu besonderen Anlässen schon mal ganz normal in den S-Bahn-Betrieb eingetaktet werden. Von außen sind sie eh rot-gelb, wie man es gewohnt ist, also steigt man nichtsahnend ein. Viele Berliner scheinen es gar nicht zu merken, dass die Wagen von innen ganz anders aussehen, vielleicht haben sie ja auch nicht gemerkt, dass seit zwanzig Jahren neue Modelle im Einsatz sind. Andere wiederum sehen es sofort: eigenartige Reklame von der Deutschen Reichsbahn, ein Streckennetz mit Westberlin und Hauptstadt der DDR, ganz andere Polster oder gar die Holzklasse. Und die Touristen wissen eh nicht so genau, was die S-Bahn Berlin GmbH hier so an Fahrzeugen im Einsatz hat.

Dem einen oder anderen dämmert es dann doch noch, die Scheiben sind unzerkratzt, die Polster nicht aufgeschlitzt, die Wände nicht beschmiert, keine leeren Bierflaschen rollen über den Boden, und in jedem Wagen steht ein Mensch mit einem grünen T-Shirt an der Tür, der auf dem Rücken das Signet »Historische S-Bahn e.V.« trägt. Diesem Verein haben wir es zu verdanken, dass etliche Fahrzeuge unterschiedlicher Baureihen gehegt und gepflegt werden, so dass sie fahrtüchtig bleiben. So wird die Geschichte der S-Bahn bewahrt und lebendig, nicht eingesperrt in ein Museum, sondern zum Anfassen und Mitfahren.

(17.5.2008)

Dem Meister des Umwegs, Labude, gewidmet.
 

Nachtrag 19.5.2008: Am 17. und 18.5.2008 lud der Verein zu den 4. Tagen der offenen Tore in die Triebwagenhalle Erkner ein. Dabei konnte man auch ein kurzes Stück mit einer historischen S-Bahn der Bauart Peenemünde (die einst auf Usedom fuhren) zurücklegen, das angehängte Video ist dabei entstanden.

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