Kompliment
franzhavel (07.09.2007)
Prüfungsthemen lassen einen ja ein Leben lang nicht los. Und ich habe nie verstanden, warum die Frühromantiker in ihrer Gier nach Verschmelzung aller hohen Künste andererseits ausgerechnet für das schlichte Holzkasperletheater auf den Jahrmärkten schwärmten.
Nun habe ich es verstanden.
Wenn auf dem Kudamm ein Boulevardtheater seine Schließung mit dem Verweis auf drohendem Kulturverlust zu begegenen sucht oder der Hexenkessel den Shakespeare verballhornt, so will Kleinfamilie Tautorat und Friends nichts weiter als blanke Unterhaltung und zwar ohne jedes Feigenblatt.
Und diese "Ursprünglichkeit" verstehen sie perfekt zu inszenieren. Dabei geht es nicht so sehr um die Pointen (die sind selten wirklich überraschend), sondern um den Witz, der daraus entsteht, dass ausgerechnet Deppen sich hemmungslos zur Rampensau machen.
Und es geht um die Freude, die aus dem Wechsel nicht einfach nur von Kostümen, sondern von Charakteren entsteht - und darin sind die 5 Schauspieler wirklich vielen Boulevardtheatern mit Ihrem Drang nach Wiedererkennung bloßer Gesichter haushoch überlegen.
Die Themen sind immer aktuell - fast könnte man meinen, ursprünglich trat die Truppe als Improvisationstheater auf. Darauf deutet auch ihr souveränder Umgang mit Einwürfen aus dem Publikum hin.
Ziel des Spotts ist der Prenzlberger; das meint hier: der affektierte Lifestyle. Wobei natürlich der Spaß erst nach der Aufführung entsteht, wenn jemand versucht zu erläutern, warum der Prenzlberger nicht so sei, wie auf der Bühne gezeigt.
Und wenn im Tagesspiegel wieder jemand die Lüge als Kulturleistung feiert, da sie Intelligenz voraussetze und ich mich in einer solchen Sekunde an das Prime Time Theater erinnere, dann begreife ich zwangsläufig die Frühromantiker (auch wenn wir uns nicht an historischen Schwelle befinden, sondern auf einer schönen geraden Bowlingbahn).
Stichworte
theater, comedy, bauerntheater, boulevardtheater
Kommentare (1)
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