Ja, manchmal bin auch ich dumm. Anstatt bei Qype vorzulesen oder mich daran zu erinnern, dass Stephan mal so von einem tollen Seehotel schwärmte, beharrte ich bockig darauf, dass ich natürlich alles selbst entdecken muss. Und suchte in Neukloster nach einem Platz zum Speisen, fand aber nur bedingt nettes und grub mich zum Glück durch die Landschaft - nette Wegweiser trugen dann den Namen "Seehotel" und das Wort "Kunstscheune" versprach schon, dass es hier endlich mal jemanden gibt, der in MV nicht nur den Fisch aus dem See holt und unkreativ auf den Grill legt, währden die Salzkartoffeln langweilig im Topf blubbern.
Schon bein der Anfahrt über die Feldwege war klar: Hier hat man so viel naturbelassen wie möglich und mit behutsamener Hand kreativ dazu ergänzt, was das Leben schön macht.
Der Speisesaal, bzw. das Restaurant hat einen Wintergarten und eine Terrasse, die wunderbar Blick auf den See, das schilfige Ufer und die herbstlichen Obstbäume bieten. Auf den Tischen die Früchte des Herbstes, auf dem Boden buntes Fallobst in saftigem Rot.
Und die Servicekraft ist dann auch noch so freundlich, dass man all die schlechten Erfahrung im Nordosten der Republik vergessen mag - hier lächerlt man ehrlich, hat Zeit und Ideen.
Die hat auch der Koch. Es ist immerhin die vermutlich 34. Fischplatte, die ich in einem Restaurant in Mecklenburg bestelle. Und es ist die erste, bei der mir das Herz aufgeht, weil man dem Fisch endlich mal ein bißchen Kreativität angedeihen lässt - das ewige ButtersauceKartoffelKrautSalatgetue am Brat- oder Grillfisch mit der sensationellen Kombination aus Pfeffer und Salz hing mir schon lange zum Halse heraus.
Hier, ja, hier, da wurde ich mal wieder versöhnt. Auch mit der Haute Cuisine, die auch sonst überall aus dem selben prestigeheischenden Lehrbuch zu arbeiten scheint und keine Lust auf eigene Experimente mehr hat. Nein, hier hat der Koch wirkliche Phantasie.
Die Fischvariationen waren frisch und mit erlesenen Zutaten bestückt - und sie schmeckten. Der Lachs war anscheinend mit in Zitrusöl mariniertem Speck durchzogen und sanft angedünstet worden - genial und fein. Der Zander war eher puristisch und maximal frisch. Die verschiedenen Wurzelgemüse waren raffiniert verschieden gewürzt und dann in eine hauchdünne Frühlingsrolle verpackt. Die violetten Kartoffeln (die früher mal aus dem Kongo kamen aber jetzt auch in Frankreich angebaut werden) machten einen hübschen Farbkontrast, das Kartoffelpüree mit frischen Kräutern balsamierte die Zunge regelrecht ein und man wünschte sich glatt eine doppelte Portion. Da war noch mehr gutes - kurz gesagt: Ein Essen hier lohnt immer, auch wenn die Preise nicht niedrig sind, aber für diese kreative Qualität würde ich sofort auf mehrere gutbürgerliche Mahlzeiten der gesamten Region verzichten, denn ähnliches habe ich im Umkreis von mindestens 100 Km von Neukloster nicht gefunden - hierfür maximale Punktzahl von einem verwöhnten Freßsack!
Ein Spaziergang am See und um die einzelnen Häuser des Hotels macht Lust auf mehr: Die Badescheune duftet holzig und fein, der See schwappt fröhlich über, die Liegestühle und Hängematten unter den Bäumen laden zum Nachmittagsschalf ein, die Kunstscheune hat leider zu aber wir kommen bestimmt wieder! Gern!
Telegramm:
Ambiente: 5 Sterne
Küche: 5 Sterne
Service: 5 Sterne
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