HG E Oskar Mahler (26.02.2007)
lala mamoona - Zeil 1a - ein Traum wird Realität
Rede für meinen kleinen Bruder Ghani Bibaoune
zur Eröffnung seines großen Traums
Märchen und Geschichten wohnt Zauber inne.
Wer liebt es nicht, wenn aus dem hässlichen Entlein ein Schwan wird, oder wenn sich eine orientalische Sklavin die erträumte Freiheit durch mehr als tausend nächtliche Erzählungen erobert?
Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist die Geschichte vom Klohäuschen in der Friedberger Anlage. Es wurde 1906 gebaut und hat zwei Weltkriege überstanden.
Bis in die siebziger Jahre wurde es rege besucht, dann wurde es zugesperrt, war über zwanzig Jahre ohne Funktion und ist verkommen.
Das Bauwerk aus der Kaiserzeit war ein Schandfleck in Frankfurt aber jetzt ist es aufgeblüht, das kleine architektonische Juwel.
Und so unglaublich es auch klingen mag, so ist es doch wahr, dass diese Metamorphose etwas mit einer marokkanischen Sklavin zu tun hat, die sich durch den Zauber der Genawa Musik die Freiheit erobert hat.
Es war einmal, vor langer, langer Zeit eine Sklavin namens Mamoona.
Sie lebte und diente als Köchin ihrem Sultan in Ouled Berhil, einem kleinen Ort tief im Süden Marokkos. Dieser Ort ist so klein, dass man ihn auf kaum einer Landkarte findet.
Wenn man allerdings Bücher aufschlägt, die über die Geschichte von Gärten erzählen, wird man dem Namen dieses Ortes mit Sicherheit begegnen. Denn dort, so sagt man, ist die Heimat aller Gärten und wahrscheinlich stammt das erste irdische Abbild des Paradieses, der Garten der Hesperiden genau aus jener Gegend.
Mamoona war, wie sollte es anders gewesen sein, eine Frau voller Liebreiz und eine begnadete Musikerin.
Genawa Musik ist kein Klang, dem man in Stille lauscht, es ist eine aufregende, rhythmisch-komplizierte Musik mit für europäische Ohren fremden Betonungen.
Zur Genawa Musik wird getanzt, lebendig und voller Freude.
Es ist eine Musik, die Realität und Traum verbindet,
eine Musik bei der man in Trance abtauchen und wieder in Realität auftauchen kann.
Jedenfalls, wenn Mamoona ihr Tagwerk erledigt hatte, nahm sie die Töpfe aus der Küche des Sultans und traf sich mit anderen Sklaven des Palastes. Die Böden der Töpfe dienten als Trommeln.
Der kleine Hof, in dem die Sklaven ihre musikalischen, nächtlichen Feste feierten, war nahe genug am Schlafgemach des Sultans, so dass die Klänge der illustren Musik bis zu ihm vordrangen.
Für den Sultan war die Genawa Musik das süßeste Schlafmittel und so transportierte ihn die Lebendigkeit der Mamoona in seine schönsten Träume.
Eines Nachts, es ist nicht überliefert warum, schwiegen die Sklaven und tanzten nicht, und der arme Sultan saß aufgewühlt in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Er lies die Musiker suchen, aber niemand konnte sie finden.
Der Sultan quälte sich in seinen Kissen, wälzte sich von einer Seite auf die andere und schwor, wenn seine Köchin nur wieder zurückkäme und ihn jeden Abend mit ihrer Musik beglückte, so dass er schlafen und sich seinen Träumen hingeben könne, würde er sie reichlich belohnen und ihr die Freiheit und ein Haus schenken. Und so geschah es:
Mamoona wurde aus den Küchendiensten entlassen und als Palast Musikerin verdingt. Obendrein wurden ihrem Namen die zwei Silben „lala“ vorangestellt.
Das Wort „lala“ spielt nicht auf ihre Musikalität an, „lala“ ist ein Adelstitel. Es bedeutet so etwas wie „Freifrau von“ oder „Lady“.
Das Haus, in dem sie ihr weiteres Leben verbrachte, steht heute noch in Ouled Berhil. Das Haus trägt ihren Namen und es gehört den Einwohnern des Ortes. Es ist ein öffentliches Haus, hier würde man sagen, ein Dorfgemeinschaftshaus. Es steht zur Verfügung für Hochzeiten und andere große Anlässe.
Jedes Jahr findet dort ein eigentümliches, dreitägiges Fest statt.
Drei Monate wird für dieses Fest gesammelt und dann wird drei Tage gefeiert.
Die Genawa Musik wird geehrt, weil sie Sklaverei in Freiheit verwandeln kann.
Dieses Haus wird in der sechsten Generation von der Familie von Ghani Bibaoune betreut. Ghani, das ist der Mann, der das Klohäuschen wiederentdeckt hat, sagen wir, der marokkanische Prinz, der aus dem hässlichen, weil verkommen Bau ein Juwel hat werden lassen, so wie aus dem Entlein ein Schwan geworden ist.
Ob er ein Prinz ist, verrät er nicht, aber die lachenden, tiefdunklen Augen, dieses agilen jungen Mannes verraten sofort, dass er um die Magie von Erzählungen weiß und dass er etwas davon versteht, wie man Dinge wandelt. Im Angedenken an die Mamoona hat er dieses Gebäude der Öffentlichkeit zurückgegeben und hier soll gefeiert, gegessen und getanzt werden, hier geht es auch um Poesie und Geschichten und vor allem um die Kunst, aus Träumen Realität werden zu lassen.
Und so wie die Sklavin geadelt wurde, adelt Ghani dieses Häuschen, indem er ihre Geschichte weiterträgt und diesen Treffpunkt nach ihr benennt
und dadurch den Zauber der lala Mamoona weiter wirken lässt.
Oskar Mahler
Stadtteilbildhauer des
Frankfurter Bahnhofsviertels
Stichworte
lala, zeil, anlage, friedberger, genawa, mamoona
Kommentare (2)
Bedenklicher Inhalt?