Friedhof und Dorfkirche Alt-Stralau, Friedrichshain, Berlin
- Kategorie:
- Friedhöfe Friedrichshain | Friedhöfe Berlin
- Adresse:
-
Tunnelstraße 5-11, 10245 Berlin
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3 Beiträge zu Friedhof und Dorfkirche Alt-Stralau auf Deutsch
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Man muß nicht tot sein um diesen Ort zu besuchen ;-) Vielen dank an der Friedhof Chef Ingo für seine Kompetenz und Erklärungen über die alte Kirche und der Umgebung halbe Insel Alt Stralau.
Ich habe einige durchgedrehte Geschichten aus/über Stralau geschrieben…..Habe mal neben der Kirche einige Jahre gewohnt/gelebt….und Sonntag werde ich auch als alter Anhänglichkeit zu in Stralau mit der Familie Bratwürstchen braten…..Ne schöne Geschichte von holminsel dazu habe ich gestern gehört….der war mal in der Kirche mit seiner Enkelin….die saß bei einem Kirchenkonzert mutterseelenalleine auf der ersten Bank. Ihm war es erst unerklärlich warum die da so alleine saß…..daneben lag auf der Kirchenbank ein großer fetter Hund der Pfarrerin. Amen!
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Chemie und Biologie macht’s möglich….
Ich hab dann doch irgendwo in Stralau eine Tür eingetreten und bin rein. K. Kurz meinte, “Das Dach ist schon ab - der Bagger macht nächste Woche den Rest des Chemieinstitutes weg”.
Damit die Kinder der Nachbarschaft nicht zufälligerweise ihr neugierigen Fingerchen in die noch vorhandene Phosphorsäure tunken, hatte man die Tür verschlossen. Eigentlich war ich auch nur neugierig und wollte von den alten Laborräumen ein paar Aufnahmen schießen, falls irgendwann mal jemand Aufnahmen von einem vergammelten Labor braucht. Ach so, ich handele manchmal mit komischen seltsamen Fotos…
Ich hab nun mein Stroboskopblitzer gleich im ersten Laborraum eingeschaltet, hab die Blitzlampen verteilt und habe lustlos den Auslöser gedrückt. Nach wenigen Minuten hatte ich den ersten Film mit sechsunddreißig Aufnahmen voll. Abgebaut das alles und im zweiten Raum wieder aufgebaut. Dann kam die Institutsbibliothek, wo die schöne Fachliteratur auf dem Boden verschimmelte, denn die Regale waren geklaut. Das ging so fünf mal, bis ich zu einer Türe komme, die noch verschlossen war. An der Tür hing ein vergilbter Zettel “REXAM - Enzyme” - 1995/2”. Ein Tritt vor die dürre Türe und sie wippte wie eine dürre Schranktüre auf. Rattendunkel war’s - ein seltsamer stickiger Geruch nach Hefe und Alkoholdunst lag mir sofort auf der Zunge und dann im Magen . Zwei Fenster waren mit schwarzer Folie beklebt. Die habe ich im Strahl meiner klitzekleinen Taschenlampe abgerissen.
KOMISCH - In blauen Thermosbehältern auf gekachelten braunen Labortischen blubberte leise und sacht eine braune undefinierbare Masse. Wenn es nicht so penetrant nach Hefe riechen würde, könnte man meinen, es wäre Scheiße, präziser Durchfallscheiße.
Ich war baff. Wieso blubbert es hier noch. Das chemische Lebensmitteinstitut ist seit vielen Jahren geschlossen. Ich beginne mich im Raum um zu sehen und entdecke außer diesen blauen Behältern, einige blauen Schnellheftern, nur noch einen runden Stahldrahtkorb mit vertrockneten halbverschimmelten Brotresten.
Ein blaues Schnellheft trägt die Aufschrift “SSB”. Als ich im Schnellheft herum blättere, werde ich stutzig. Unter der Überschrift SSB…steht mit fetten Lettern STRALAUER-SCHNELL-BIER Darunter und auf den folgenden Seiten gibt es ellenlange Versuchsprotokolle über die Herstellungsversuche eines Schnellbieres, welches aus einem Hefeenzym und Bakterien Bier edelster Sorte erzeugte. Alles mit dem blitzblauem Stempel ” STRENG GEHEIM!”
Über zwölf Jahre wurden, so das Protokoll von einem Diplomchemiker Dr. Phillip Reib die Versuchsreihen akribisch aufgelistet. Sinn der ganzen Prozeduren war ein sogenanntes Instantbier aus einer Zufallserfindung zu entwickeln. Aus getrocknetem Brot und simplen Leitungswasser wurde hier Bier gebraut.
Enzyme und irgendwelche Bakterien produzierten hier in Zeiten, wo es das Wort “Biotechnologie” noch nicht im Lexikon gab aus der braunen Pampe innerhalb weniger Minuten feinstes Pilsner. Das Hopfenaroma wurde locker nebst notwendigem Alkohol von einem Hefestamm aus dem Brot erzeugt. Für einen Liter Bier genügte ein Esslöffel braune Stammbierhefepampe. Der Alkohol, der ja in jedem ordentlichem Bier enthalten sein sollte, entwickelte sich aus den Brotresten in Sekundenrekordzeit. Um den Hefestamm bei Laune zu halten, genügten in der Woche ein halbes Roggenbrot und Leitungswasser.
Ich war total von den Socken. Auf was bin ich hier gestoßen? Eine Goldgrube? Ein Geheimnis? Ein Kuriosum?
Fragen über Fragen gingen in meinem Kopf herum und ohne viel nachzudenken schnappte ich mir das Schnellheft und einen blauen Behälter, um zu Hause erst einmal das Experiment auf Wahrhaftigkeit zu überprüfen. Ich wollte dieses geheimnisvolle Instantbier testen, ich wollte es versuchen.
Meine Frau war nicht zu Hause und so schnappte ich mir die größte Glasvase im Haushalt und füllte vier Liter Leitungswasser in die alte Bleiglasvase. So stand es in der Bedienungsanweisung im blauen Heft. Aus dem Thermosbehälter entnahm ich vier Esslöfel Bierpampe. Kaum war die Bierpampe im Wasser, so fing die Flüssigkeit in der Glasvase an zu brodeln. Die Stralauer Rennhefe begann Ihre Arbeit und nach wenigen Minuten hörte die Brodelei auf. Die Flüssigkeit wurde bierfarben goldklar. Nur oben auf der Flüssigkeit schwamm ein leichter hässlicher brauner Schaum. Als ich mir ein Bierglas vorsichtig abfüllte, entstand sogar eine vorschriftsmäßige Schaumkrone. Von den Wänden des Bierglases perlten kleine Gasblasen wie beim Sekt und nach zehn Minuten sah die Schaumkrone immer noch aus wie vom Bierhahn frisch abgefüllt.
Endlich fasste ich Mut und trank dieses komische Gesöff. Es schmeckte. Es schmeckte nach bestem herben Deutschem Bier. Ähnlich wie Jever oder Tuborg. Das Alkoholmessgerät, eine Glasspindel, welche ich auch aus dem Labor mitbrachte, pendelte sich bei 8% ein. Zufrieden stellte ich fest, ich hatte Starkbier. Starkbier aus Wasser, ein bissel vergammeltem Brot und ein wenig von dieser rätselhaften Bierpampe.
Nach zwei kompletten Liter intus brach ich meinen Versuch ab. Egal wie das alles ausgeht, ich musste sofort die anderen blauen Thermosbehälter noch retten. Ich setzte mich bewaffnet mit einigen großen Plastiktüten und wahrscheinlich Einsfünf Promille in mein Auto und fuhr die fünfhundert Meter in Schlangenlinien bis zum Labor. Ich kam gerade an, wie ein alter grüner VW-Bully wegfuhr. Im Bully saß ein alter Mann mit einem gelben Basecup. Auf dem Bully stand REIB - BIERLEITUNGSREINIGUNG.
Als ich im Labor stand war es leer. Die anderen Behälter und weitere Unterlagen waren verschwunden. Auf dem rotbraunen Labortisch lag ein Zettel auf dem mit Kugelschreiber wahrscheinlich eilig gekritzelt, aber deutlich zu lesen stand: ” Wer auch immer…..halte ja die Fresse!”
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Mein Bierwunder, meine Bierschwemme funktionierte präzise vier Wochen. Dann ging mein Hefestamm plötzlich unerwartet ein. Meine Bierproduktion funktionierte nicht mehr. Ich las nochmals und nochmals im blauen Heft nach, um die Misere zu ergründen. Dann entdeckte ich meinen gravierenden Fehler. In einem Satz gleich am Anfang stand unauffällig fast ganz blass mit Bleistift gekritzelt “Genosse Reib, bitte den Versuch dunkel halten….höchstens mattes Rotlicht!”
MeineREXAM- Bierhefe stand jetzt fein fast vier Wochen im Küchenfenster. Ich hatte sie mit Sonnenlicht abgemurkst. In den nächsten Tagen klapperte ich das Telefonbuch alle gleichen Namen ab, um meinen Biererfinder zu kontaktieren.
Ich kam zu spät. Reib war gestorben. Reib ist vor vier Tagen gestorben und ich komme gerade von der Beerdigung. Man sagt, er hat sich mit feinstem Bier tot gesoffen…...dabei wäre der seit Jahren fast nie aus dem Haus gegangen….höchstens zum Bäcker, um sich altbackenes Brot zu holen…....Auf seinem Grab lag ein großer dicker Kranz - gestiftet von einer großen Deutschen Brauerei. Den Namen sag ich nicht - ich will noch ein bissel leben.
Prost!
PS.
Ach so, ehe ich es vergesse, lieber Leser, lieber Zuhörer, schau´n sie mal auf verschiedene Bierbüchsen…....ob da das Wörtchen “REXAM” steht. (Berliner Pilsner?)
Und nochwas….im Mittelmeer dümpelt seit einigen Jahren eine zwanzig Meter Jacht mit zwei Leutchen aus Berlin. Die Jacht, der Geschwister Reib mit Berliner Stander heisst….dreimal dürfen sie raten “R E X A M I A”
© rhebs, 2002 So, ein Zauberkünstler sollte nie seine primmitiven Tricks verraten, um dem Publikum nicht die Illusionen zu rauben. Das ist einfach gemein und gehört sich nicht. Ich bin aber kein Zauberkünstler, sondern schreibe Geschichten (wie die obige) , die wie viele Geschichten schlicht und einfach erfunden sind. Aus den Fingern gezutscht…..Um schrecklichen Klagen der Deutschen Bierindustrie zu entgehen - gebe ich zu…die obige Geschichte ist gelogen, gesponnen - einfach wie viele Geschichten Fiktion…Literatur….Märchen. Nichtsdestotrotz glaube ich vom “Deutschen Reinheitsgebot” über die Bierherstellung soviel, wie schon vor vielen vielen Jahren meinem Opa, wenn er mir die Märchen der Gebrüder Grimm vorgelesen hat. (Mein Opa hat nie Bier getrunken!)
Entstanden ist das alles aus einer kleinen Reportage aus meinen “Stralauer Spaziergänge”
“Ergebnisse der Enzymforschung…
war mal…
Zu DDR Zeiten und bis Mitte der Neunziger Jahre gab es einmal ein Lebensmittelinstitut auf Stralau. Gleich hinter dem abgerissenen blauen Haus. Bei meinem Spaziergang am 3. Mai habe ich im ehemaligen Laborgebäude herumfotografiert. Jetzt steht schon der Bagger dort und in wenigen Tagen wird nichts mehr zu sehen sein. Nichts mehr zu sehen sein von tausenden Formularen, verschimmelten Fachbüchern und Karteikarten. Karteikarten, auf denen vermerkt war, wo und wann in der DDR wieviel Tonnen Hefe hergestellt wurde. Hoffentlich verletzt sich niemand bei den Abrissarbeiten. Ein paar Fässerchen mit Säuren und irgendwelchen undefinierbaren Chemikalien stehen noch herum. Manche Laborräume, welche ausgeplündert waren, sahen aus, als wären sie erst gestern erst verlassen. Die Frühstückskaffetasse mit zwei Stückchen Zucker wurde nicht mehr gefüllt. Der Laden machte aus welchen Gründen auch immer …..dicht.”
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Noch was von 1992 zu Stralau
“DER FRAUENUMTAUSCHLADEN”
oder…
Spaziergang mit harmonischem Ausgang
Um halbe Eins am 24.3.92 ruft Dietmar an. “Schau mal die Sonne scheint, wollen wir nicht mal paar Meter laufen. In der Hosentasche habe ich auch auf Diskette ein zwei Gedichte die bekomme ich nicht auf den Server -ich bin da so blöd.”
Ich bin seit zehn Minuten wach, sehe auch die Sonne, die durch die Berliner Mittagswolken scheint und sage “Ja!” “Um Einse bin ich da” sagt Dietmar.
Ira mault. “Wa, kannste nich mit mir was unternehmen. Muss denne det sein!”
Ich sag kein Wort, gehe zum Telefon, rufe Dietmar an und sage, “Macht es Dir was aus, wenn wir das morgen machen?” Dietmar sagt, das ihm das nichts aus macht.
“Los, zieh dich an, sag ich zu Ira, wir ziehen gleich los!” “Zieh du dich erst mal an” sagt Ira. Das mach ich dann auch und 10 Minuten später stehen wir in der Tunnelstraße, wo inzwischen eine sonntägliche Völkerwanderung eingesetzt hat.
Berliner, Berliner und nochmals Berliner. Per PKW, Rollerblades, Fahrad, mit Frau, ohne Frau, zwei Omas, drei Omas, Mutti mit ein Kind, Mutti mit zwei bis drei Kindern. Leute mit ner Katze auf dem Arm oder Dackel. Es ist weit bis hier raus und nichts für kurze Beine. Die Omas schnaufen schon.
Bekannte mit Fahrrad kommen uns entgegen. “Guckt mal, was wir unterwegs gefunden haben!” Im Fahradlenkradkorb liegt ein Glasaschenbecher, eine halbe Porzellanschüssel und ein Stück Teller mit edlem Rand.
“Lag neben dem Rummelsburger Gefängnis herum, da werden jetzt Straßen gebaut für das neue Wohngebiet Gerichtsgärten.” Toll denke ich….da standen früher Häuser, Villen, die im Krieg zerbommt wurden - vielleicht finde ich da im Schutt eine goldene Taschenuhr oder ein Brilliantring. Oder wenigstens einen Orden, das Grenzregiment 35 war da auch früher.
Wir brennen uns eine Zigarette an und ziehen los. Die Tunnelstraße runter, Altstralau an der Kirche und Schule vorbei wo die Ulmen noch kahl und nackig herumstehen. Es sind noch ein paar Tage bis zum Frühling. Doch die Sonne macht den Rücken schön warm, als wir beim seit einem Jahre stillgelegtem Wasserbauamt um die Ecke biegen.
Im Kindergarten spielen zwei halbwüchsige Mädchen Tischtennis. “Dürfen die denn das?”, fragt nervend Ira, “das Tor ist doch verschlossen - heute ist Sonntag!”
“Die machen das eben so”...sag ich und ziehe Ira weiter. Der Spielplatz daneben ist reinweg übervölkert und nochmal daneben scheißt ein kleiner Hund ins graugrüne Gras. Gut, das Ira das nicht gesehen hat, der Hund dürfte das auch nicht, neben dem Spielplatz in´s Gras scheißen.
Zwei Kids fotografieren die Oma oder die Mutter auf dem Balkon. Ach so, ich hab ja den Fotoapparat dabei und zerre ihn aus der Tasche und knipse durch eine Weide auf den Rummelsburger See, wo die Schwäne wie Wasserflugzeuge landen.
Weiter geht es den Rummelsburger See entlang. Es ist ein Betrieb wie auf dem Kuhdamm - nur mit mehr Fahrädern und Hunden - und lebensgefährlichlicher. Die Hunde sind größer, als am Kuhdamm. Das bunte Jugendschiff scheint um diese Mittagszeit geschlossen. Die Jugendschiffer speisen sicher noch. Die Paul und Paula Bank ist besetzt, das Paul und Paula Schild ist wieder mal geklaut.
Mein Gott, wir haben das Mittagessen vergessen. “Hast Du Hunger?” frage ich Ira, als wir in Höhe vom neuen Italiener am Rummelsburger See sind…”oder wenigstens auf ein Eis?” Ira will kein Eis, Ira hat kein Hunger, also hab ich solidarisch auch kein Hunger….ein italienisches Eis hätte ich sehr gerne gegessen. Vor uns läuft der schwarzpomadisierte italienische Koch mit seiner rothaarigen Freundin im Arm. Der ist sicher so und so satt, denke ich.
“Müssen wir denne unbedingt bis zum Knast laufen…..?” sagt Ira. Ich denke wir müssen, wegen der goldenen Uhr oder wegen dem Brilliantring - halte aber mit dem Thema die Klappe und sage “Nein!”
Wir biegen ab zur Rummelsburger Hauptstaße, wo ich nicht über die Straßenbahngleise laufen soll. Wir laufen ein paar hundert Meter im Schatten und biegen an der Straßenbahnhaltestelle ab, wo es zur Unterführung unter dem Rummelsburger S-Bahnhof geht.
Auf der anderen Seite der Unterführung stehen drei polierte runde Sitzsteine aus Granit. Ich will mich mal setzen. “Deine Hose wird dreckig”, sagt Ira und ich setze mich nicht. Schräg gegenüber steht ein ramponiertes leerstehendes dreietagiges Haus. “Das Haus würde eine schöne Kneipe” geben sagt Ira “Sogar mit Vorgarten für die Rosen”. “Ja”, sage ich, “wenn Du Zweihunderttausend Euro für das Grundstück hast und nochmal Fünfhunderttausend für den Bau”.
“Wenn die Schüler drei Eis koofen, würden sie ein Eis umsonst bekommen” sagt Ira. “Oder bei drei Stück Kuchen, ein Stück Kuchen umsonst mit Kuchenbons”
Ich rechne kurz nach und meine “das geht nicht….” “Geht doch sagt Ira. “Gut, Ok,” sage ich, “wenn Du die Investitionskosten im Lotto gewinnst, mach ich mit. Eis verkaufen”.
Nach einer halben Stunde sind wir an der Frankfurter Allee. Ira tun langsam die Füße weh. Ich lüge “mir auch”. “Los,” sag ich “wir laufen jetzt bis zum S-Bahnhof Frankfurter Allee und dann links in die Gürtelstraße.
In der Gürtelstraße kenne ich einen tollen Laden”. “Was denne für einen Laden?” fragt Ira.
“Einen Frauenumtauschladen” - sag ich. “Da tausch ich Dich jetzt gleich um”. Ira nickt andächtig. “Na da bin ich aber gespannt ob Du mich dort umgetauschst bekommst”. “Sicher” sage ich “sicher!”
Kurz vor der Berufsakademie stehen wir vor dem LFUL, dem Lichtenberger Frauenumtauschladen.
Es ist Sonntag, FUL hat zu. “Hast nochmal Glück gehabt!” sage ich zu Ira und schleppe Ira weiter zu einem Bäcker und wir laufen mit zwei Stückchen Rosinenrolle über das Ostkreuz nach Stralau zurück.
Am Ostkreuz ist gerade Fußball - wäre gerne ein paar Minuten länger stehengeblieben und denke noch einmal
kurz an den Frauenumtauschladen - der hat ja Montag wieder auf…
Als ich vor Jahren einmal mit einer jüdischen Freundin über einen christlichen Friedhof in Berlin-Mitte flanierte, fiel ihr auf, wie wenig alte Gräber es dort gab. Als ich ihr erklärte, dass hier die Gräber nach wenigen Jahrzehnten eingeebnet und die Grabsteine abgeräumt werden, sah sie mich mit aufgerissenen Augen an – schwankend zwischen Ungläubigkeit und Entsetzen. Hätte ich ihr gesagt, wir rösten die Augäpfel unserer Toten über dem Lagerfeuer wie Marshmallows und verzehren sie danach mit Schokoladensauce, hätte ihr Befremden nicht stärker sein können.
Diese Episode kam mir in den Sinn, als es mich nach Jahren wieder einmal auf dem Friedhof der Dorfkirche Alt-Stralau verschlug. Irgendetwas fehlte. Das Grab des alten Bäckermeisters war nicht zu finden. Nach langer Suche entdeckte ich den Grabstein in einem abgelegenen Winkel am Rande des Kirchhofs. Hier, gleich neben den Grün- und Plastikabfällen, sammelt man die alten Grabsteine. Wenn die nötige Anzahl erreicht ist, werden sie vermutlich abgeholt und zu Schotter zermahlen…
Die letzte Ruhe mit Wasserblick ist also gar nicht die letzte. Alles ist vergänglich.
Auf dem Friedhof feierte man übrigens auch Jahrhunderte lang am Bartolomäustag, dem 24. August, den Stralauer Fischzug zum Beginn der Fischereisaison. Da dieses Fest, alljährlich mit wüsten Saufgelagen, Schlägereien und unzüchtigen Szenen endete, wurde es 1873 verboten, ab 1880 dann wiederbelebt, aber in die Stralauer Gartenlokale verlegt.
Die Dorfkirche Alt-Stralau wurde 1464 eingeweiht und ist damit das älteste Gebäude Friedrichhains. Der Bau aus Feld- und Backsteinen hatte immer wieder unter Unwettern und Blitzeinschlägen – und 1945 unter Bombenangriffen - zu leiden. Sie wurde ein ums andere Mal aufgebaut, renoviert und erweitert. Bemerkenswert sind zwei mittelalterliche, farbige Glasfenster (um 1460: Geißelung Christi und Georg im Drachenkampf), ein romanischer Taufstein sowie der Schnitzaltar mit gemalten Seitenflügeln. In den Sommermonaten (Mai bis August) ist die Kirche jeden Sonntag von 11.00 bis 15.00 Uhr geöffnet, jeden ersten Sonntag im Monat um 10.00 Uhr gibt es einen evangelischen Gottesdienst und jeden vierten Sonntag im Monat um 17.00 Uhr ein Konzert.
Manfred Bofinger, Berliner Grafiker und Karikaturist hat hier seine „letzte“ Ruhe gefunden. Auf seinem Grabstein hockt eine Figur im Schneidersitz, die in ein dickes Buch vertieft ist.
Man sieht über die Gräber hinweg auf der anderen Seite der Spree die Insel der Jugend, das Gasthaus Zenner und den Treptower Hafen. Teilweise sind die Grabstellen so dicht am Wasser, dass sich die praktische Frage aufdrängt, ob sie beim Ausheben nicht sofort mit Wasser volllaufen müssten.
Wenn man – wie ich - an einem Wochentagnachmittag im Sommer kurz bevor der Regen kommt, auf einer Bank sitzend die Zeit vergisst und über Grabsteine hinweg aufs Wasser schaut, kann man hier in bittersüßer Traurigkeit schwelgen und seinen Gedanken nachhängen. Wie mag es der eingangs erwähnten Freundin ergangen sein? Vor 15 Jahren hat sie in Australien geheiratet, da erreichte mich noch eine Karte. Danach nichts mehr…Ob der Bäckermeister noch Nachkommen hat, wo mögen sie leben, wissen sie von dem Schicksal des Grabsteins ihres Ahns? Ist es ihnen egal?
Hier stört einen Niemand. Man ist ganz allein und das gerade mal eine knappe Viertelstunde entfernt von den Treptowers. Dieser Ort ist ein Muss für Melancholiker.
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