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Lenz

Lenz (29.06.2007) 5

1969 kamen neun großformatige Bilder Mark Rothkos in die Tate Gallery, die darauf den permanenten „Rothko Room“ installierte. Meines Wissens handelt es sich um Werke, die ursprünglich in den späten 1950er Jahren für das Restaurant „Four Seasons“ im Seagram Building auf der New Yorker Park Avenue konzipiert waren. Der Raum in der Tate ist wie geschaffen für die Werke des außergewöhnlichen Künstlers, liegt er doch in einer ruhigen Ecke der Modern Tate und es herrscht gedämpftes Licht. Vorzugsweise besuche ich diesen Raum zu Zeiten, an denen zu erwarten ist, dass man ungestört bleibt. Für Rothko braucht man Ruhe und Zeit. Viel Zeit.

Mark Rothko wurde am 25. September 1903 als Marcus Rothkowitz im russischen Dwinks als viertes Kind des jüdischen Apothekers Jacob und seiner Frau Anna Goldin Rothkowitz geboren. Antisemitische Pogrome im Zarenreich machten das Leben unerfreulich und die Familie entschloss sich 1912, in die USA auszuwandern. Nach einem nicht abgeschlossenen Studium an der Yale University zog Marcus Rothkowitz 1923 nach New York. Bis 1927 nahm er Schauspielunterricht und studierte auch Malerei bei Max Weber. 1929 begann er seine Lehrtätigkeit an der Center Academy of the Brooklyn Jewish Center. 1932 heiratete er Edith Sachar. 1938 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an und nannte sich nun Mark Rothko. Er war Gründungsmitglied der Artist Union in New York und später formierte er die unabhängige Künstlergruppe „The Ten“ mit. 1945 heiratete er erneut und hatte mit Mell Beistle die Tochter Kate und den Sohn Christopher.

Mark Rothko gehört mit seinem ab 1949 entstandenen Hauptwerk zu den bedeutendsten Repräsentanten des Abstrakten Expressionismus und der Farbfeldmalerei. Die Werke in der Tate Gallery gehören dazu. Es sind großformatige Ölgemälde, teilweise in Dimensionen bis zu 300 cm, die sich durch monochrome, übereinander geschichtete, verschwommene Farbflächen auszeichnen. Sie haben bezeichnende Namen, wie „Black on Maroon“ oder „Red on Maroon“, was Ihnen einen Hinweis auf die Wucht der Farbkraft geben sollte. Maroon ist eine göttliche Farbe, in der Mystik und auch sonst.

Rothko liebte Michelangelos Laurentianische Bibliothek in Florenz mit ihrer zurückhaltenden Lichtstimmung. So ist es in der Modern Tate, im Rothko-Raum. Rothko empfahl auch, seine grandiosen Gemälde aus zirka 45 cm Entfernung zu betrachten. Ich habe es schon das erste Mal instinktiv so gemacht, ich konnte nicht anders. Ich versuchte, der Struktur seiner kaum wahrnehmbaren Pinselstriche zu folgen, die Begrenzungen der Farbflächen zu orten, die Farbe in mich aufzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass beinahe jeder Mensch auf unserem Erdball von dieser tiefen Ehrfurcht ergriffen wird, die ich dabei empfand. Meist war es so, dass ich nach einer unendlichen Ewigkeit aus einem köstlichen Traum aufwache und feststelle, dass ich das Denken völlig eingestellt hatte. Rothko ist für mich die reinste Form der Meditation. Die Farbflächen sind dazu da, in ihnen zu versinken. Echt.

Schon 1947 formulierte Rothko: „Ein Bild lebt durch die Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst. Es stirbt, wenn diese Gemeinschaft fehlt. Deshalb ist es ein gewagtes und gefühlvolles Unterfangen, ein Bild in die Welt zu entsenden.“ Rothko kommentierte sein eigenes Werk nie und lehnte es nach 1950 kategorisch ab, interpretatorische Hinweise zu seiner Kunst zu geben. Rothko war religiös, auf irgendeine Art und Weise, er zehrte vom Alten und Neuen Testament, von Mythen und Archaismen. Er suchte die ewige Gültigkeit. Am 25. Februar 1970 wählte Mark Rothko den Freitod.

„Es wäre schön, wenn man überall im Lande Orte einrichten könnte, ähnlich kleinen Kapellen, in denen ein Reisender oder Wanderer eine Zeit lang über ein einziges, in einem kleinen Raum hängendes Bild meditieren könnte.“ (Mark Rothko, 1954)

Kleiner Hinweis: die Reproduktionen im Bildanhang geben einen nur sehr unzulänglichen Eindruck. Die Körperlichkeit der Farbflächen spürt man nur, wenn man direkt davor steht, in der Modern Tate.

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mostro (04.02.2007) 5

Das ehemals Tate Gallery genannte Museum am Ufer der Themse ist mittlerweile ein Bestandteil einer Museumskette (zu der auch die Tate Modern an der Bankside gehört) und wohl der schönste Museumsbau in London, würfelförmig in der Architektur des 19. Jahrhunderts, fein weiß, grazil und sehr ebenmäßig am Wasser - und dazu recht zentral: Viele Buslinien fahren hierher (überirdisch sieht man mehr: also Linie 2,3,87,88, etc.), schneller geht es mit der Victoria Line bis Pimlico. Wer es aber lustiger mag, kann ein museumseigenes Boot benutzen, das zwischen Tate Modern, London Eye und Tate Britain halbstündlich verkehrt.

Tate Britain widmet sich ausschließlich der britischen Malerei ab 1500. Und da wir einiges geboten: Die Galerie zeigt ausschließlich Spitzenwerke aller großen Namen, chronologisch in vielen kleineren Sälen angeordnet. Gainsborough, Constable, sehr viel schönes von Turner (Schwerpunkt!), Wilkie, die Präraffaeliten (ein weiterer Fokus), Blake, W. Roberts, Bevan, schließlich Hockney und F. Bacon und viele mehr werden aufgeboten - sicherlich eine der sehenswertesten Sammlungen überhaupt in Europa.

Besonders nett: Der Eintritt in die ständige Sammlung ist frei, die Briten tun was für die Bildung (der Touristen, die sind hier weit in der Überzahl).

Noch netter: Die Website von Tate ist das Beste, was ich weltweit bisher gesehen habe: Dreidimensionale Raumpläne, dahinter die zum jeweilige Saal gehörigen Kunstwerke, mit vielen Erläuterungen - nichts wird versteckt um Menschen zum Besuch zu verleiten. Und maximal überraschend: Im fremdsprachenfeindlichen England weist diese Site Informationen in mindestens 12 Sprachen vor, darunter arabisch, japanisch und polnisch (!!!!).

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