06.07.2007
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Mitten auf der von einem Zaun umgebenen Wiese, das Gehege im Hirschpark, thronte ein alter, grauer Ganter und war sich absolut im Klaren darüber, dass er, nur er der König der Tiere war, nun zumindest der König der Tiere in diesem Gehege, nun eigentlich nur der König des Federviehs. Selbst da täuschte er sich, denn es stolzierten die wunderbar anzusehenden Pfaue über das gräserne Areal und diese bunt beschweiften und sich blau schimmernd brüstenden Stutzer wollten ihn und seinesgleichen einfach nicht als gefiederte Brüder und Schwestern anerkennen. Und sie wiederum waren ihm zuwider. Also war er immerhin der König der unteren Chargen des Federvogelvolkes im Hirschpark und selbst das hätte der Hahn nicht hören dürfen.
Er war unsagbar fett und große Büschel grauer Federn schleiften ihm alsweilen auf dem Boden. Sein Schmerbauch sah aus wie ein gut gefüllter Sack Winterkartoffeln. Er hatte das eine Auge verloren, ich glaube, es war das rechte. Mit diesem ihm verbleibenden Auge sah er mürrisch durch die Gegend, so als ob er an allem und jedem etwas zu tadeln hätte und sehr oft schwoll ihm auch die foie gras, will sagen, die Gänseleber an.
Er sah allerdings, hauptsächlich vom Weiten her, weise und gelassen aus wie Konfuzius, wenn Konfuzius wie ein fetter Ganter ausgesehen hätte. Ihm untergeben war ein kleines Rudel dreier Gänse, zwei davon waren blütenweiß wie Schnee, der auf das Dach eines Hauses gefallen ist, und dort sehr lange Zeit in gleißender Pracht herumlümmeln konnte, weil keiner auf ihm hätte herumtrampeln können. Ausgenommen den Schornsteinfeger natürlich, und dann wäre es ihm aber an den Kragen gegangen.
Nun, der Ganter thronte mit Vorliebe in der Mitte der Wiese, wie bereits angeführt, und behielt alle Geschehnisse im linken Auge. Die drei Gänseuntertanen waren wie Höflinge um ihn verteilt und verwandten den ganzen Tag darauf, bei ihm nicht in Ungnade zu fallen. Der Ganter wandte sein gekonnt majestätisch blickendes Auge bald hierhin, bald dorthin. Die anderen Gänse taten es ihm nach. Oft hatte er etwas auszusetzen, wenn zum Beispiel ein Pfau vergaß, die distance zu bewahren und an des Ganters Hofstaat zu dicht und vor allem zu stolz vorüberstelzte, worauf die Gänse übereifrig zu kreischen begannen. Ein Rehkitz, das in unmittelbarer Nähe herumtollte, kitzelte seinen Griesgram genauso sehr, wie die Hunde, die an dem Zaun, der Grenze seines Königreiches, herumschnüffelten und gar bellten.
Seine Untergebenen, und einer tat sich hier besonders hervor, rannten dann kreischend und krakeelend gegen den Störenfried an. Wie gesagt, einer war sehr dienstbeflissentlich und sah dabei aus wie ein tollwütiger Rottweiler, der dabei war, seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, nämlich irgendwen zu zerfleischen. Dabei musste sich der alte, fette Ganter keinerlei Worte oder Befehle bedienen, stumm blickte er aufgebracht den Verletzenden seiner königlichen Ruhe, Ordnung und Rechte an und die Gänse rannten auf jene arme Kreatur zu, wie es untere Dienstränge in der Mafia tun, um sich zu profilieren und ihrem Paten liebesdienlich zu sein. Der Mafiaboss brauchte nur jemand mit seinem vernichtenden Blick anstarren und seine Gorillas gingen los, um eben jenen die Knochen zu brechen, mit Maschinengewehrsalven zu perforieren oder ihm Betonschuhe anzupassen und mit ihm eine lustige Flusspartie zu veranstalten.
Nun, der Ganter thronte also ganz wie ein Al Capone in seinem Chicago, als ich des Weges kam. Sofort rannte der weiße Ganter, der die Drecksarbeiten für ihn verrichtete, auf mich zu. Ich war dem Umstand dankbar, dass mich ein hoher Zaun von ihm trennte und dass diese Vögel des Fliegens nicht mächtig sind, da er aussah wie ein toro in der Stierkampfarena, dem die Sicherungen weggebrannt sind und der vergessen hat, das Stierkampf nur Spiel und Spass ist. Er kam jenseits des Zaunes zum Stillstand, reckte seinen Hals, fletschte seine Zähne, kreischte wie ein Dampfkessel kurz vorm Platzen und wollte mich mit seinem, des Hasses vollen Blick versteinern. Ich redete ihm gut zu und er beruhigte sich in der Tat ein wenig und hielt nur den Kopf noch schräg wie eine Katze, kurz vor einem vernichtenden Angriff im Morgengrauen.
Weil sein sonst so tödlicher Samurai nicht die Wirkung zeigte, die er von ihm gewohnt war, ließ sich Konfuzius höchstpersönlich dazu herab, an den Zaun und an das ausstehende Gemetzel heranzuschwabbeln. Die Aura seiner nahenden grauen Eminenz stachelte den weißen Ganter am Zaun wieder dazu auf, mir mit seinem Kampfgeschrei die Trommelfelle den Bach herunterschwimmen zu lassen. Die beiden bis dahin unbeteiligten Gänse kamen ebenso heran und stichelten den Todesritter auch noch weiter auf, dass er mir den Garaus machen würde. Sie waren wie die Schlachtenbummler bei einem Weltmeisterschaftsendspiel zweier verfeindeter und fanatisch religiöser Nationen.
Der fette graue Ganter kam nun heran und beäugte mich mit einem mir das Blute zu Sorbet gefrierenden Blick. Doch auch Ratlosigkeit konnte ich als Unterton im Weisse seines Auges erkennen. Wie war diesem Feind beizukommen? Offensichtlich war er ob dieser scheinbar nicht lösbaren Frage umso wütender und übertrug diese Stimmung ohne etwas sagen zu müssen auf seine Soldateska. Besser, ich ginge weiter.
Ich entfernte mich schnellen Fußes und hörte die Gänse hinter mir schreien und in Siegesgesänge verfallen, in denen sie mich offensichtlich der Feigheit verspotteten. Ich ging fürbass auf dem Wege, der mich in weitem Bogen vom Gehege hinfort führte. Mein Herzrhythmus schlug bald einen langsameren Takt an, ich glaube es war ein Adagio. Das Blut rannte mir nicht mehr durch die Adern wie ein Eilbrief durch die Rohrpost und so wandelte ich gemäßigten Schrittes auf dem Wege, der mich nun wieder im überspannten Bogen an das Gehege heranführte.
Also stand ich plötzlich auf der anderen Seite, war also hinter den feindlichen Linien und sah die Gänsestreitmacht mit ihrem fetten Teufelsgeneral weit entfernt am jenseitigen Zaun siegestrunken und zufrieden herumkollern. Nun, die Schlacht hatten sie gewonnen, aber den Krieg? Natürlich konnte ich es nicht lassen, sie zu necken. Ich pfiff und schnell vollführten sie eine Truppenbewegung der allerhöchsten tschuikowschen Kunst. Sie rannten auf mich wie keltische Krieger auf eine Römische Legion zu. Der Oberberserker warf sich regelrecht auf den Zaun, baute sich vor mir in oben beschriebenen Gehabe auf und rasselte mit den Säbeln. Sein fetter ataman brauchte etwas länger, während er wohl über die Einführung und Mobilisierung einer Artillerie sinnierte. Er kam bald jedoch heran und das ganze ohrenbetäubende Schauspiel ging von neuem los. Doch diesmal wich ich nicht aus.
Endlich besann sich der fette graue Feldherr und hielt eine Ansprache an seine Schergen: „Männer, wir müssen uns zwar geschlagen geben, doch jede Niederlage ist auch ein Sieg an Erfahrung. Ihr habt euch heute wacker geschlagen. Ihr habt diesem Unbefiederten gezeigt, dass mit uns nicht zu spaßen ist und dass er besser unser Hoheitsgebiet anerkennt und unsere Grenzen tunlichst nicht überschreitet. Gut gemacht! Nun sammelt die Toten auf, pflegt die Versehrten, schreibt Briefe an die Hinterbliebenen. Ihr habt Fronturlaub bis zum Waffenappell heute um punkt 11 Uhr Zuluzeit. Und Männer, was diesen Unbeschnäbelten angeht, er soll nicht in unsere Militärgeschichte eingehen. Dies war kein Agincourt, dies war kein Waterloo! Tun wir einfach so, als hätte diese ganze Operation nicht stattgefunden.
... nun siehe sich einer diesen Pfau an. Männer, Fronturlaub ist verschoben, auf ihn mit Gebrüll!“
Stichworte
park, nienstedten, hirsche, gänse
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