Kompliment
Angelika Fleckenstein (01.04.2007) •••••5
Pferde und ich. Ich und Pferde. Wir haben eine ganz besondere Beziehung zueinander. Sie sind meine besten Freunde. Sie faszinieren mich, sie sind intelligent, sehr feinfühlig, intuitiv und - wir verstehen einander.
Gute Gründe, die mich immer wieder in ihre Nähe ziehen... Zum Beispiel zum Pferderennen!
Heute besuchte ich den „Aufgalopp“ der Saison 2007 auf der Weidenpescher Galopprennbahn an der Scheibenstraße. Um 14:00 Uhr wird das 1. von 9 Rennen gestartet und es wimmelt schon vor Menschen. Nicht alle sind Pferdekundige, nicht alle wetten auf die Pferde beim Rennen, es geht auch um sehen und gesehen werden. Ich hatte gehofft, den einen oder anderen ausladend kreierten Hut zu sehen, ein aufregend schönes Kostüm, das einen schön gebauten Körper verhüllt... Fehlanzeige! Der Galopprennsport ist ein bisschen volksnaher geworden beziehungsweise man muss sich schon ganz besondere Schmankerl unter den Rennen im Turf aussuchen, wenn man die eleganten Damen und Herren erleben möchte. Es gibt auch so genug interessante Menschen zu schauen...;-)
Aber dafür bin ich ja nicht hergekommen. Ich will Pferde sehen!!! Große, feingliedrig-sehnige Geschöpfe mit den edlen kleinen Köpfen, die Vollblüter auszeichnen, mit schlanken, gewölbt zur Schau getragenden Hälsen, auf denen seidig das Fell in der Sonne glänzt! Ich will sie tänzeln sehen mit behendem Schritt, federnd als wögen sie nichts. Ich will in ihre glänzenden, großen, wachsamen Augen schauen, in denen Unternehmungslust und Kampfgeist blitzen. Und: ich will sie rennen sehen! Kraftvoll, mit raumgreifenden Galoppsprüngen über das Grün der Bahn dem Ziel entgegen mit unbedingtem Siegeswillen! Was kann schöner sein, als ein frei dahin galoppierendes Pferd? Atemberaubend schön!
Ich bahne mir den Weg durch die Menschenmenge, nachdem ich ein Tribünenticket für 8 Euro erworben habe, denn ich will die Rennbahn überschauen können, wenn ich das Rennen verfolge. Die Stehplatzwiese ist nahezu vollständig mit Menschen bevölkert. Manche stehen, manche liegen in der Sonne auf dem Rasen, haben Kind und Kegel mitgebracht und einen gut gefüllten Picknickkorb. Stehplatzkarten kosten 5 Euro und berechtigen zur Nutzung der Tribüne 2, die – für den Fall, dass es regnet – völlig überdacht ist. Die Logen vor mir (Preis 12 Euro) sind fast leer. Doch das ändert sich im Laufe der folgenden Stunde. Die Damen und Herren in gepflegtem Outfit erscheinen später, etwa kurz vor dem Hauptrennen, und nehmen Platz mit einem Glas Prosecco, Bier und einem kleinen Imbiss.
Links von der Haupttribüne befindet sich das „Hippodrom“, ein Restaurant der gehobenen Klasse mit ausgezeichneter Küche (und ebensolchen Preisen). Das Hippodrom verfügt über eine völlig von Glas überdachte Terrasse. Die Besucher dort erscheinen entsprechend nobler als die übrigen.
Meine Aufmerksamkeit gilt der üblichen, Volkswanderung, die zwischen den Rennen stattfindet. War die Tribüne wie die Rasenfläche soeben noch von Menschen überfüllt, setzt sich der Menschenstrom gleich nach Ende des einen Rennens in Bewegung Richtung Führring. Da muss ich natürlich auch hin.
Im Führring präsentieren die Pfleger die Pferde für das nächste Rennen. Überall wird heftig gefachsimpelt und ich weiß gar nicht, wohin ich zuerst hören soll. ...„One Night Girl“ ist angeblich nicht fit. Hat sie nicht eine Weile gestanden? Keine Ahnung. Aber der „Aviso“ ist ein heißer Favorit! Ein Schlenderhaner! Ja, wäre dem Stall zu gönnen, dass er mal wieder einen richtigen Kracher auf die Bahn bringt... Ich werde auch schon ganz kribbelig.
Endlich kommen die Pferde in den Führring und mir geht ein Schauder nach dem nächsten über den Rücken. Welch edle Schöpfungen bewegen sich da im Frühlingssommerlicht!!!
Und sie spüren genau, worum es geht! Gleich dürfen wir loslegen, zeigen was wir können! Wir werden euch erleben lassen, wieviel Kraft und Eleganz, Geschmeidigkeit und Siegeswille in uns steckt. Sie beäugen die Gäste, die teilweise konzentriert in ihren Heften blättern, um Form und Erfolgsbilanz der Rennpferde zu studieren, denn schließlich wollen sie ein bisschen wetten, hoffen, zittern und vielleicht... gewinnen? Könnte doch sein?
Und sie beäugen einander. Na, du kleines kurzgeratenes Vollblut? Du wirst schon sehen, wie schick meine Hinterhand sich aus deinem Blickfeld verkrümelt, dir die Dreckbrocken um deine kleinen hübschen Öhrchen fliegen! Warte nur, wir sehen auf der Bahn.
Dann, das fünfte Rennen steht bevor und ich beobachte die Pferde im Führring. Wieder die gleichen Diskussionen, lautes Gemurmel und Fachsimpelei. „Weststern“, das große schwarzbraune Pferd mit der Nummer 5 tänzelt an mir vorbei. Für den Bruchteil einer Sekunde, die mir ewig erscheint, blicken wir einander in die Augen. Göttlicher Augenblick! Dieses Pferd wird siegen, schießt es mir durch den Kopf und ich bin versucht, zum Wettschalter zu flitzen, um „Weststern“ auf Sieg zu wetten. Aber ich bin einfach nur verzaubert von diesem einen Augenblick, der mich klar spüren lässt: er WIRD gewinnen.
Die Jockeys kommen, sitzen auf. Die Pferde wissen, dass es jeden Moment auf die Bahn rausgeht. Sie werden unruhiger, spielen aufgeregt mit den Ohren, beugen ihre schlanken Hälse, stehen am Gebiss der Renntrense und tänzeln und springen unter ihren winzig erscheinenden Reitern hin und her, so dass die Pfleger sie kaum noch an der Leine halten können. „Weststern“ trabt an der Leine mit dem Jockey im Sattel an mir vorbei, schenkt mir noch einen Blick und verlässt dann den Führring.
Jetzt heißt es, flotten Schrittes zur Bahn vorlaufen, sonst sind die besten Plätze gleich am Geläuf belegt und ich kann keine Fotos machen, „Weststern“ nicht anfeuern....
Das Rennen geht über 1.600 m, eine mittlere Distanz, rasend schnell vorbei, kaum dass die Pferde die Startboxen verlassen haben. Alle haben ihre Box betreten und schon fliegen die Türen mit lautem Gerassel auf. Pferde und Reiter, die gerade noch einen Lidschlag lang konzentriert ruhig auf den Start warteten, preschen jetzt vorwärt. Die adrenalinstrotzenden Muskeln der Pferde spannen sich und schießen die etwa 600 kg schweren Körper aus dem Stand nach vorn. Im atemberaubenden Galopp legen sie hundertmeterweise die Strecke zurück. Als sie auf den Zielbogen einschwenken, erkenne ich den Nasenschutz von „Weststern“ und den schönen Stern zwischen seinen Augen. Gewaltig schiebt er sich voran und schlägt die Konkurrenz souverän!
Ein Jubelschrei löst sich und ein Freudenschauder düst mir durch den ganzen Körper! Mein Herz schlägt, als hätte ich das Rennen gelaufen und die Freude erfüllt mein ganzes Herz.
Unmittelbar nach dem Rennen setzen sich wieder alle in Bewegung. Volkwandertag auf der Rennbahn Weidenpesch. Ab zum Führring. An den Wettschalter. Auf die Bahn. Gucken. Hoffen. Daumendrücken. Jubeln oder Fluchen. Und am Abend mit einem verschmitzten „na, man kann ja nich immer Glück haben“ den Heimweg antreten.
Der Besuch der Rennbahn ist immer ein Erlebnis. Ob man nun wie ich völlig pferdeverrückt ist oder nicht. Familienpicknick bei strahlendem Sonnenschein, Kaffeetrinken auf der Hippodrom-Terrasse, ein zünftiges Bier im Biergarten oder einfach nur dem Renngeschehen folgen. Für jeden was dabei! Und zu moderaten Eintrittspreisen, wie ich meine.
Tipp: an manchen Tagen herrscht völlig freier Eintritt; das wird vorher über die Presse, durch Plakate an Litfaßsäulen und im Internet angekündigt.
Bilderhinweis: Das dunkelbraune Pferd mit dem Stern auf der Stirn und dem Jockey in grünen Stallfarben - das ist "Weststern"!!!
Stichworte
pferde, familie, menschen, rasen, wetten, vollblut, geläuf, aufregung, nervenkitzel, fachsimpelei
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