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Sancho

Kompliment Sancho (11.12.2007) 4

Kommt man ins Universitätsklinikum, so ist es meist was Ernstes. Hierher wird man verwiesen, wenn der Haus- oder Facharzt nicht mehr weiter kann, sei es weil medizinische Geräte notwendig sind, sei es, weil Spezialisten gefragt sind. Das Universitätsklinikum in Frankfurt ist das zweitgrößte Krankenhaus in Hessen; nur das vereinigte Klinikum Gießen/Marburg ist größer. Hier arbeiten fast 4000 Menschen auf 460.000 Quadratmetern, die Auflistung der Fachgebiete liest sich wie ein medizinisches Fachbuch.

Schön ist das Gelände nicht, gerade das Haus 23, das Hauptgebäude, erbaut im Jahr 1972, versprüht den Charme eines Sozialbrennpunktes im ehemaligen Zonenrandgebiet. Wer aber hierher kommt, der will keine Ferien verbringen, sondern hat ein anderes Anliegen, er wird vielleicht im Notarztwagen gefahren, seine Herzfunktion durch moderne Apparaturen überwacht. Die Einfahrt ist eine praktisch gestaltete, aber noch weniger einladende Zone; dort befindet sich eine Klingel, die Rettungssanitäter, die den neu ankommenden Patienten begleiten, müssen sich erst mal orientieren und durchfragen, Papiere werden hin- und hergereicht, unterschrieben, abgestempelt. Neben dem Rettungswagen parkt ein Leichenwagen und erinnert so den Patienten leise, aber eindringlich an die Vergänglichkeit des Irdischen.

Im Erdgeschoss befinden sich diverse Warteräume, und der neue Patient wird eingehend untersucht. Er darf mindestens 10 Blutproben abgeben, was ihn durchaus ärgert, schließlich kommt er nicht unvorbereitet hierher. Er hat aufgrund von Terminschwierigkeiten, die die Uniklinik zu vertreten hat, 10 Tage lang in einem anderen Krankenhaus verbringen müssen. Dort waren die Ärzte nicht untätig und haben alle möglichen Analysen durchgeführt, so daß er der bestdurchgecheckte Patient ist - vergebens. Die Uniklinik verläßt sich nicht auf Fremdergebnisse und besteht darauf, ihre eigenen Analysen durchzuführen. Doppelt hält besser, und der Patient muß im wahrsten Sinne bluten.

Ist diese Hürde genommen, so kommt der Patient "auf Station". Hier befinden sich die Zimmer, in denen die Patienten betreut werden, und deren Ausstattung variiert je nach Fachgebiet bzw. nach Krankheitsfall. Das Haus 23 hat je einen Aufzug an beiden Enden und in der Mitte, ist dadurch in zwei Flügeln geteilt, die wenig bis gar nicht miteinander zu tun haben. Jede Station hat ihr eigenes Aufnahmezimmer und ihre eigene Teeküche, einen kleinen Aufenthaltsraum und wichtige Regeln, wann es z.B. Frühstück gibt (Selbstversorgung aus der Teeküche bis 9:00, oder: wird ans Bett gebracht, bitte ja nicht anrühren!) Das Essen ist für Krankenhauskost gar nicht mal so übel, ich habe schon wesentlich Schlechteres gegessen. Lediglich der Kaffee könnte mal überdacht werden, aber das ist für die Kardiologieabteilung vielleicht nicht der wichtigste Punkt.

Die Zimmer sind nach modernstem Standard eingerichtet. Die Betten lassen sich mit allen möglichen Freiheitsgraden verstellen (Kopfteil, Beine, Rumpf, rechts, links, hoch, runter, alles voneinander unabhängig), der Patient bekommt seine Fernbedienung in die Hand gedrückt und diese erläutert. Der Rufknopf für die Krankenschwester ist da auch darauf, für alle Fälle. Im Bedarfsfall kann der Patient an Biometrie-Überwachungsgeräten angeschlossen werden, die per W-LAN in eine zentrale Stelle übertragen; werden bestimmte Schwellwerte über- oder unterschritten, schlägt die Biometrie Alarm. Das funktioniert auch hervorragend.

Die Beratung hinterläßt einen gemischten Eindruck. Die Voruntersuchungen mit den Assistenzärzten und das Gespräch mit der Anästhesistin verlaufen vorbildlich; hier nimmt man sich Zeit, hier werden die möglichen Risiken detailliert aufgeschrieben. Am Ende des Gesprächs steht die Einverständniserklärung des Patienten, bei dem man unterschreibt, daß man sich über die Risiken bewußt ist, die von Blutungen über Schlaganfall bis hin zum Tod gehen können. Immerhin wird man darüber aufgeklärt. Die Hauptsache selbst, das Gespräch mit dem Professor, der die Herzklappenoperation durchführen wird, ist kürzer. Man trifft sich am Vorabend in der Teeküche, und natürlich hat der Patient tausend Fragen; sie sollen in das Büro des Professors gehen, aber der Patient bleibt lieber in der Teeküche, die Atmosphäre ist dort ungezwungener.

Es gebe zwei Alternativen, eine defekte Aortenklappe auszutauschen; eigentlich drei, aber die eine sei indiskutabel, weil sie in 15 Jahren zu einer weiteren Operation führen würde, und die Lebenserwartung des 40jährigen Patienten sei doch hoffentlich höher. Man könne eine künstliche Herzklappe implantieren, was den Vorteil einer hohen Lebensdauer hätte, aber den Nachteil, daß der Patient dann lebenslang Medikamente gegen Blutgerinnung einnehmen müßte. Die andere Möglichkeit sei eine Ross-Operation: dabei wird die eigene, gesunde Pulmonalklappe an die Stelle der Aortenklappe gesetzt und eine biologische Klappe an ihre Stelle. Der Vorteil sei, daß der Patient hinterher keine Medikamente brauche; der Nachteil: eine komplizierte Operation. Man solle entscheiden.

Natürlich kann der Patient, ein medizinischer Laie, keine selbstverantwortliche Entscheidung treffen. Er läßt sich beraten und trifft zusammen mit seiner Ehefrau die Entscheidung für die zweite Option. Damit wird er einer von 43 Patienten, die in Deutschland 2005 mit dieser Methode operiert werden. Eine richtige Entscheidung? Ja und nein. Die Operation ist erfolgreich verlaufen, der Patient hat sich erholt und ist fit und sportlich geworden, aber Ironie des Schicksals: er mußte aus ganz anderen Gründen die zu vermeidenden Medikamente nehmen, vermutlich lebenslang.

Die OP selbst ist leider ohne Bericht. Der Patient bekommt erst mal eine Tablette, die ihn recht fidel macht und ziemlich träge; er wird vom Fahrdienst in den Keller gebracht, wo die OP-Räume sind, und trifft die ihm bekannte Anästhesistin. Sie legt ihm eine Kanüle an, es gibt ein paar einleitende Gespräche, und sie sagt dann: wir legen dann los. Der Patient soll zählen, aber er kann sich nicht erinnern, weiter als bis drei gekommen zu sein. Der Rest ist dunkel.

Nach der OP kommt der Patient in die Intensivstation. Die Beschreibung darüber ist vielleicht ein bißchen einseitig - das Dach ist hell beleuchtet, die Deckenlampe macht seltsame Schatten. Überall piept es. Kalt ist es, und gleichzeitig warm. Das Personal ist sehr freundlich, die lesen einem alle Wünsche von den Augen (sprechen kann man ja nicht). Durst, einen fürchterlichen Durst hat man, aber den kriegt man leider nicht gestillt, bloß eine Art Spray, mit dem man sich den Mund feucht sprühen darf. Alles in allem: die Intensivstation bekommt einen einzigen Qype-Punkt, hier will der Patient nur weg. Die Zeit vergeht nur leider sehr langsam; an der Uhr, die irgendwo zu sehen ist, kann der Patient das mit Erstaunen erkennen: das, was er für gut und gerne eine Stunde gehalten hätte, sind gerade mal zwei Minuten. Und der Durst kommt wieder. Irgendwann bekommt der Patient von einer freundlichen Krankenschwester ein Telefon in die Hand gedrückt und darf mit seiner Frau telefonieren, um zu sagen, daß es ihm gut geht.

Aber schon am ersten Tag darf der Patient die Intensivstation verlassen und kommt in sein geliebtes Haus 23, in den 7. Stock. Es ist Silvester, und wenn er sich nur hinsetzen könnte, hätte er den besten Blick auf das Frankfurter Feuerwerk. Kann er aber nicht. Zudem liegt er mit Blick auf die rückwärtige Seite, also sozusagen über den Stadtwald. Er wird sich also mit dem begnügen müssen, was über dem Fensterrand zu sehen ist. 1 Qype-Punkt!
Der Zustand des Patienten bessert sich zusehends. Nach dem zweiten Tag fängt er bereits an, Sport zu treiben (er geht die zehn Meter Flur bis zur Stationstür - langsam, am Gelände gelehnt, und immer wieder Pausen einlegend), und die Krankenschwestern sind richtig nett und ausgelassen ("Guten Morgen, der Herr! Haben Sie Schmerzen?" "Nein." "Aber gleich!" - sagt sie, und zuckt die Spritze).

Es gibt dann Möglichkeiten, die Gegend zu erkunden, z.B. als der Fahrdienst zu lange braucht, um den Patienten vom Röntgen wieder auf die Station zu bringen. Der Patient muß dringend aufs Klo, und er kann nicht ewig auf seinem Rollstuhl sitzen bleiben, also macht er sich langsam auf die Suche nach einer Toilette. Als er eine gefunden hat, sieht er nicht ein, den ganzen Weg zurück zum Rollstuhl zu gehen, er findet auch so zurück zur Station. Später sieht er den Fahrdienst-Mann mit hochrotem Kopf und einem leeren Rollstuhl auf der Station eintrudeln.

Die Kommunikation mit der Außenwelt ist ein großes Problem. Handys sind offiziell verboten, wenngleich der eine oder andere Patient beim Telefonieren gesehen wird. Auf dem Zimmer gibt es Telefone, die mit einer Prepaid-Karte der Klinik betrieben werden; das ist nicht so gut, weil man erstens des öfteren umzieht und zweitens die Minutenpreise jeden Mobilfunkbetreiber blaß aussehen lassen. Unten an der Eingangshalle gibt es ein öffentliches Telefon und, Wunder der Technik, ein münzbetriebenes Internet-Terminal. Zwar sind auch hier die Preise mehr als unverschämt, die Tastatur ein Graus und die Oberfläche von der Telekom kastriert, aber was nimmt man nicht alles in Kauf, um den Kontakt mit der Außenwelt wenigstens halbwegs aufrecht zu gestalten!

Am 7. Tag nach der Operation verläßt jeder Patient das Haus. Das ist die Regel, und so ergeht es auch unserem Patienten. Zuvor hat er sich zum ersten Mal duschen können, keine Ganzkörperdusche, das nicht, aber gut eingepackt mit einer Mülltüte und ein paar geschickt gewickelten Handtüchern hat er es geschafft, sich sogar die Haare zu waschen. Dies allerdings nicht zu gründlich, weil er die Arme wegen der Schmerzen nicht soweit hochziehen kann. Er hat sich auch rasiert, und dabei hat er sich überlegt, daß er gern ein Zeichen setzen würde, etwas Neues, etwas, woran man sofort an diese Zeit zurückdenkt.
"Mama, der Papa läßt sich ein Bärtchen stehen!", heißt es kurz darauf.

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Kompliment Thomas Wanhoff (18.04.2007) 4

War dort im Haus 23 in der Kardiologie und habe mich bestens aufgehoben gefühlt. Freundliches Personal, gutes Essen und reichhwlatige Auswahl, Handybenutzung ist erlaubt, die Ärzte nehmen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten viel Zeit. Alles ist sauber und man hat das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Manchmal wüscnhe ich mir in allen Krankenhäusern, man möge noch mehr die Sicht des Patienten verstehen, wenn er zwei Stunden lang in einem Flur sitzt und auf eine Untersuchung wartet. Ab und an ein nettes Wort wäre schön (bezieht sich hier auf die Abteilung UKG im Erdgeschoss).

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Beliebte Stichworte: herz, kardiologie, klinik, krankenhaus, operation

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