Kompliment
mostro (04.07.2007)
Die 80er Jahre brachten viel Unbill über die westlichen Gesellschaften. Da waren private Fernsehkanäle, die sofort begannen, den braven Bildungsbürger mit abwegig komponierten TV-Serien in rosafarben wahnhafte Grenzzustände zu versetzen, da war die wunderbare Farbkombination Rosa-Türkis, die sowohl von alternativen Latzhosenträgern als auch von den Herstellern von Neonreklamen für unsägliche Sendungen wie "Formel 1 " herbeigenötigt wurden, da waren schreckliche Kämpfe zwischen Punkern und Poppern. Und da kam der Wandel der populären Ethik, ganz klammheimlich hintenrum verklickerte uns ein obstförmiger Bundeskanzler in Eintracht mit einer britischen Metallfrau, die schlaffe Zeit der sozialen Hängematten, die haschverträumte Zeit der Langhaarigen, das ewige Rücksichtsnehmen auf die eigentlich per Evolution aussortierten Leistungsschwachen habe jetzt ein Ende, es würde jetzt das "Gesetz des Marktes" regieren. Klang erstmal gar nicht so schlimm. Darwinismus war plötzlich praktizierbar. Leider sind wir mittlerweile so weit, daß das Volk vom Bauern bis zum Professor irgendwie die Thesen der Wirtschaftswissenschaftler nicht als theoretischen Ansatz sondern als unumstößliche Prämisse für gesellschaftliches Denken überhaupt hält. Nur so kann man heutzutage durchsetzen, was vor 20 Jahren zu blutigen Revolutionen geführt hätte: Kürzungen von Sozialem an jeder Ecke, Diskussion über die Durchführung notwendiger Medizinischer Therapien bei zu Alten, Management von Krankenhäusern und Altersheimen nach ausschließlich ökonomischen Aspekten etc... Die zugrundeliegenden "Gesetze" scheinen den meisten Menschen die zehn Gebote zu ersetzen, jedenfalls stellt kaum einer mehr die Wahrheit bestimmter Grundsätze in Frage.
Eine dieser Prinzipaldummheiten ist: "Wettbewerb führt zur Verbesserung der Qualität". Wie die Privatisierung der Hamburger Krankenhäuser zeigt, führt Wettbewerb im Großen in erster Linie zu Monopolstreben und / oder Gewinnoptimierungstendenzen um jeden Preis, in keinem Fall wird das Interesse des "Kunden" wirklich in den Mittelpunkt gestellt. Im Kleinen trifft das "Prinzip" leider auch nicht zu -
und hier schlage ich endlich den Bogen zur asiatischen Gastronomie des Schanzenviertels. Hier führt eine Vielzahl von asiatischen Konkurrenten nicht etwa dazu, daß einer besser kocht als der andere. Durch die niedrigen Preise und den harten Wettbewerb müssen die Imbisse von Umai bis Thai Cowboys vermutlich immer mehr an Zutaten sparen um überhaupt noch über die Runden zu kommen - im Schanzenviertel ist so eine Masse von passablen aber in keiner Weise hervorragenden Anbietern in diesem Sektor angesiedelt - und es zeichnet sich nicht ab, daß sich da viel ändern wird.
Luk Tung ist auch so ein Beispiel. Von Abkömmlingen der alten Thai Cowboys - Dynastie gegründet, hat man in erster Linie eine geographische Lücke gestopft, eine Randlage am Szeneviertel vereinnahmt. Am Anfang hat man sich hier auch noch etwas mehr angestrengt, wie in jedem neuen Imbiss. Mittlerweile ist man auf das Niveau der anderen zurückgekehrt. Mein Testgericht: Ente mit gebratenem Gemüse. Die Ente war leider mit viel zu viel Fett gesegnet, das Gemüse zwar frisch - aber das ist Standard. Die Würzung strotzte zum Glück nicht vor Chili - ein beliebter Thai - Trick in der Schanze, mit dem man unwissenden Europäern vorgaukelt, das müsse halt so sein, ein pH-Wert von 1 sei nun Mal Pflicht, Europäer seien halt Weicheier etc.. Leider hatte die Luk Tung - Zubereitung auch sonst nicht viel Geschmack, eine einfache Kombination aus Sojasauce und Brühe, irgendwie fade und nicht kreativ, das Gemüse auch nicht recht knackig oder exotisch komponiert...
Alles in allem war das ein Testessen für Qype - und ich sitze hier trotzig und denke, daß es doch wahnsinnig positiv ist, zu wissen, was man nicht will (nämlich wieder ein Essen von Luk Tung) - allerdings würde ich lieber wissen, was ich will (ein wunderbares Essen, kreativ, frisch, knackig, grün, das ich so nirgends sonst bekomme, voll mit frischem Kraut und exotischen Aromen, im Prinzip einen Urlaub für meinen willigen Gaumen) - aber da muß ich dann wohl doch wieder darauf verfallen, selbst zu kochen. Und gerade das will man ja vermeiden, wenn man nach einem anstrengenden Arbeitstag müde nach Hause kehrt, das ist doch eigentlich der daseinsberechtigende Sinn all dieser Takeaways...
Stichworte
thai, schanze, essen, imbiss, schlump, food, takeaway
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