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Qype Advanced Insider 1922
Benutzerfoto: Idefix

Idefix

Kompliment Idefix (30.10.2007) 5

Ein richtig schöner Tagesausflug von Hamburg aus, geeignet für ein sonniges Wochenende. Im Prinzip wurde hier schon fast alles beschrieben – es ist und bleibt ein ganz eigenartiger Ort, dem es sehr gut tut, dass er so abgelegen im dunklen Wald ist. Dunkel kann man vielleicht auch die Kunst nennen, die man hier sieht, aber die seltsamen skurrilen Formen und Farben üben immer wieder eine ganz seltsame Faszination aus – leider kennen nur wenige Bossard, sonst wäre es wohl besser besucht – was auch nur angemessen wäre. Und nach der Kultur kann man auch prima in die Natur- die ganze Lüneburger Heide wartet auf Spaziergänge….

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mostro

Kompliment mostro (15.05.2007) 5

Wo fängt man an, ein Lebenswerk zu beschreiben? Vor allem, wenn kaum einer den Künstler kennt, und man die Geschichte eigentlich ganz von vorn erzählen müsste. Vielleicht mischt man Telegramm und Auszüge: Johann Bossard (1874 – 1950) wurde in der Schweiz geboren, verlor schnell seinen Vater, lernte den Beruf eines Kachelbauers, kam dabei mit der Kunst in Kontakt und studierte schließlich in München, Berlin und Italien Kunst, jeweils mit wechselnden Erfolgen, da er ein Eigenbrötler war und den Kontakt mit potentiellen Mäzenen trotz bester Hilfestellungen von Freunden nicht so recht in die richtigen Bahnen lenken konnte. Bossard war ein Universalkünstler, d.h. er malte, zeichnete, fertigte Skulpturen, entwarf Häuser, gestaltete Gebrauchsgegenstände u.v.m., der Erfolg stellte sich zunehmende ein, an manchem öffentlichem Gebäude Hamburgs sind seine Skulpturen zu sehen – und hier lehrte er auch als Professor an der Kunsthochschule. Bossard war ein eigenwilliger Mensch, der wiederum auch anderen (wie seinen Studenten) ihre Freiheiten ließ – 1910 erwarb er ein großes Grundstück in der Heide südlich von Jesteburg – hier begann er sein Lebenskunstwerk, an dem er bis zu seinem Tode arbeitete: Ein Anwesen mit mehreren Häusern, Gärten und Anlagen, die er komplett mit seiner Frau künstlerisch ausgestaltete – die „Kunststätte Bossard“ wurde von den Erben erst in den 80er-Jahren als Museum freigegeben und zeigt heute das Werk Bossards, dazu wechselnde Ausstellungen moderner Kunst und veranstaltet allerlei künstlerische Workshops, die oft ins Kunsthandwerk hinein reichen.

Viele braune Straßenschilder weisen uns den Weg, dennoch sind die Pfade verschlungen und zuletzt holpert das Auto über löcherige Waldwege – Bossard liegt heute wie vor 100 Jahren sehr weit weg von der Zivilisation im Wald. Über eine kleinen Pfad erreicht man schließlich das Anwesen, zwischen hohen Bäumen schimmern expressionistisch dreieckige Giebel in violettbraunen Ziegeln hervor – erst nach Passieren des Eintrittes jedoch kann man die gesamte Pracht bestaunen. Bossard hat hier nicht nur das Innere der Häuser und die darin enthaltenen Gegenstände sondern auch die Außenfassaden der Bauwerke gestaltet – und das heißt, dass die Fassade einerseits eine spezifische architektonische Gestaltung erfahren haben, relativ nah am norddeutschen Backsteinexpressionismus, dass aber auch die Materialien der Fassade besonders gewählt sind: Bossard erwarb Ausschussware von Ziegeleien und wählte besonders skurrile und farblich unregelmäßige Stücke aus, um die Mauern mit Leben zu erfüllen. In die Mauern und deren Nischen hinein wurden über Jahre kleine Skulpturen Bossards hineingearbeitet, diese sind oft aus blau glasierter Keramik, so dass schöne Lichteffekte entstehen, dazwischen schimmern bunt bemalte Scheiben aus vielfach klein unterteilten Fenstern durch, ein weitere ornamentaler Effekt, der fast ein wenig Unruhe, aber auch eine gewaltige Faszination im Auge des Betrachters erzeugt. Um die Gebäude herum sind die Gärten ebenfalls durchgestaltet, unter anderem bilden Baumreihen ein großes Omega, ein religiöser Bezugspunkt in der Lebensphilosophie Bossards, die näherer Erläuterung bedarf. Ich führte ein interessantes Gespräch mit einer netten Mitarbeiterin der Stiftung, deren Großvater Bossard gekannt hatte. Bossard war voller Energie, sein Lebenswerk zu perfektionieren und verarbeitet Elemente aus Religion, Gesellschaftskritik und Philosophie zu einem eigenartigen und sehr strengen Konglomerat. Er plante seine Kunstwerke genau, arbeitete nie improvisatorisch sondern nach einem in seinem Inneren entstandenen Bild – die Findung des Kunstwerkes, den Prozess der Entstehung sah er als einen Weg, der erst durch eine höllenartige Tiefe ins Licht führen sollte. Eine Art kontrasthaftes Durchleben der Schrecken um am Ende gereinigt im Licht zu existieren – so zumindest habe ich es verstanden, auch wenn ich das ganze nicht so recht für mich nachvollziehen kann. Bossard war immerhin streng katholisch erzogen und trug dementsprechende Elemente in seine Kunstphilosophie hinein. Er sah die Gesellschaft wohl mit unendlich kritischen Augen und strebte einen Reinigung des Geistes und eine Missionierung der Menschheit durch kreative Akte an – zumindest hatte er vor, 12 weitere Orte wie die Kunststätte Bossard zu schaffen, sozusagen eine Bewegung entstehen zu lassen….

Aber wenden wir uns lieber dem zu, was heute hier sichtbar ist, zu düster erscheint mir der Hintergrund – und zu schön sind die Werke, die hier erschaffen wurden. Neben den Fassaden sind auch die Innenräume mit Malereien ausgeschmückt, dabei fasziniert am meisten der „Kunsttempel“, eine Huldigung an die Kunst und das Leben, auch wenn manchen die düstern Kontraste bedrücken dürften. Auch hier hat Bossard auf ein Gesamtkunstwerk gesetzt, die Architektur strotzt vor kleinen Überraschungen, selbst die Fußböden des Saales sind aus Mosaiken fein zusammengesetzt, an den Wänden riesige Gemälde, für die drei auswechselbare Zyklen geschaffen wurden, klassische Szenen mit Figuren wie Prometheus oder Herkules, die ab er allesamt symbolhaft zur Anwendung kommen, immer wieder der massive Kontrast zwischen Licht und Dunkel, zwischen Hölle und Himmel, zwischen Leben und Tod, wie bereits erwähnt als Sinnbild von Bossards Philosophie…

Auch in den Wohnräumen dann bemalte Wände, Gegenstände, sogar ein Konzertflügel mit dünner Farbschicht bezogen, die Kunst wurde hier einfach über jede Äußerung des Lebens gestreift wie ein Hemd…

Im vordersten Haus des Geländes findet sich ein Museum mit wechselnden Ausstellungen, das zur Zeit Werke des skurrilen Lemgoer Künstlers Karl Junker (1850 – 1912) präsentiert – auch Junker arbeitete an einem Gesamtwerk und galt als zurückgezogener Eigenbrötler. Er lebte in einem Holzhaus im Wald, das er über Jahrzehnte vollkommen mit Schnitzereien überzog und neu durchgestaltete, so dass eine riesige lebende Skulptur entstand. Zu sehen sind hier einzelne Skulpturen und Malereien dieses ebenfalls sehr eigenwilligen Künstlers…

Auch wenn manches hier skurril und lebensfern wirkt, ist Bossard eine Stätte, die eine eigenartige Faszination und Energie ausstrahlt und immer einen Besuch wert sein sollte!

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