124,5° Arc, Schöneberg, Berlin
- Kategorie:
- Sehenswürdigkeiten Schöneberg | Sehenswürdigkeiten Berlin
- Adresse:
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An der Urania, 10787 Berlin
- Website:
- Geöffnet:
-
from dawn to dusk
from dusk to dawn
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Potsdamer Platz 1, im Kollhoff-Tower, 10785 Berlin
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1 Beitrag zu 124,5° Arc auf Deutsch
Bernar Venet zerschneidet Kreise und verdreht Linien. Er stellt auch Geraden auf, Gleichungen eher nicht, zumindest nicht im öffentlichen Raum. Gewissermaßen kam er von der Kohle zum Stahl. Wer auf seine Website schaut, weiß, wovon ich spreche. Er ging noch weiter: vom Stahl zum Klang und zum Tanz und in die Poesie und in wer weiß was für Sphären, aber das klammere ich hier aus.
Bernar Venet ist ein großer Künstler. Er bemüht die Physik, beschäftigt Gießereien und hat auch schon mal Bedarf an einer Dampfwalze, um seine Werke herzustellen.
Seine Kreissegmente und aleatorischen Linien stehen in den Städten der Welt. Ob Peking, ob Agadir, New York oder Tokio, Genf oder Bergen oder Bogota, ob Paris, Nizza oder Seoul, alle schmücken sich mit seinem Corten-Stahl und zeigen verwickelte Bänder, schwarz gefasst, oder rostige Kreisbögen, übereinander getürmt, gegeneinander versetzt, liegend, stehend, sich in der Schwebe haltend, schön.
Venets Stahlkörper sind von einer imposanten Statur und zeigen ihr Material, manchmal haben sie beunruhigende Knicke oder Dellen, sie erreichen leicht einmal Berliner Traufhöhe.
Und ausgerechnet in Berlin, ausgerechnet in einem der wenigen innerstädtischen Areale, in der die Traufhöhe außer Kraft gesetzt ist, ausgerechnet an einer Stelle, an der ich regelmäßig vorbeikomme, steht seit 1987 sein schönstes Werk. Nein, nicht ganz: sein zweitschönstes. Das schönste, es kommt mir noch viel aufregender vor in seinem prekären Gleichgewicht, versteckt sich in Belgien - Privatbesitz, ist ja auch gerade mal 22 m hoch - und heißt 90,5° Arc.
Unser öffentlicher Berliner Bogen dagegen hat einen Winkel von 124,5 Grad und heißt entsprechend 124,5° Arc. Der Name ist ihm als Signatur auf den Leib geschrieben, und eigentlich ist er damit auch schon erklärt.
Er steht auf einem begrünten Mittelstreifen knapp vor sechs bis acht Fahrspuren, flankiert von weiteren zwei mal sechs Fahrspuren, überragt vom ehemaligen Philips-Verwaltungshochhaus und dem einer Wohnungsbaugesellschaft, umgeben von Fassaden mit der Werbung für Getränke-Hoffmann und Conrad-Electronic, umbraust vom Verkehr, immer wieder mit Graffity versehen, immer wieder geschwärzt, im Niemandsland zwischen Charlottenburg und Tiergarten und Schöneberg, vor der Urania.
Und genau da steht er richtig. Denn, seitdem er da steht, ist diese unsägliche Ecke Berlins beinahe ein Platz. Seitdem gibt es hier etwas zu sehen, das Freude macht. Etwas, das Ruhe ausstrahlt und von dem Energie ausgeht. Etwas von den Dingen zwischen Himmel und Erde, die es wider Erwarten doch gibt.
Der "Arc de 124,5 degrées" ist einfach nur ein Kreissegment aus Stahl. Ausgeschnitten. Wenig mehr als das Drittel eines Vollkreises, ein knappes Grad mehr als elf Strich auf der Kompassrose. Ein Bogen, schwarz und monumental. So zieht er die Blicke an. Asymmetrisch und im perfekten Gleichgewicht, offen, Teil nur eines Ganzen und doch vollständig, perfekt und doch nicht abgeschlossen.
Blickfang, Traumfänger, Stadtjuwel, ruht er auf einem kleinen Fleckchen Erde, zeigt in den Himmel und fällt nicht um.
Ich weiß nicht, wie man als Provenzale dazu kommt, Stähle in den Himmel zeigen zu lassen. Oder was man dafür erlebt haben muss. Ich weiß auch nicht, in welchen Gedankenlandschaften oder möglicherweise Traumlandschaften man sich herumtreiben muss, um sich an Serien von "Arcs in Disorder" und "Random Combinations of Indeterminate Lines" abzuarbeiten. Aber ich weiß, wie froh ich darüber bin, dass es einen Herrn Venet gibt, der mit seinen monumentalen Plastiken Zeichen setzt, elementare Zeichen, die zunächst auf nichts anderes hindeuten als auf sich selbst. Und dann sind sie plötzlich gebändigte Unruhe oder ruhender Pol, bedienen sich aus ihrer Umgebung und wirken zurück, saugen die Hektik auf und den Lärm, ziehen jeden Blick auf sich und geben dem undefinierten Raum um sich herum eine Signatur.
"Formeln des Irregulären" heißt ein Venet-Katalog von 2006. Mein geliebter Berliner Bogen ist darin nicht abgebildet. Aber mein liebster, der private belgische, den ich nie gesehen habe (auf Seite 24). Und auf Seite 52 die vierzehn liegenden "Arcs in Disorder: 83,5° Arc x 14", um die ich unbedingt einmal herumgehen will, und mehr, viel viel mehr! Zu sehen bei www.galerie-scheffel.de/files/Kataloge/venet_ktlg_03-06.pdf
PS: Dank an unsere Nachbarn für diese Gabe! Frankreichs Auswärtiges Amt und die Air France haben Berlin dieses Kunstwerk geschenkt.
Gabie Westbrock Liesel, du beschreibst Kunst, wie sie ein Künstler selbst selten beschreiben kann...
Danke, es war ein Genuss deinen Beitrag zu lesen!
3 Juli 2007
Deutsch




