20.05.2007
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Zu dem prägendsten Erlebnis vieler Menschen und auch von mir gehört die Nahrungsaufnahme oder das kollektive Gourmet-Ereignis in Restaurants. Das Schlaraffenland dazu ist, wir wissen, Italien.
Gespeichert habe ich viele Erinnerungen, aus unterschiedlichen Gründen. Etwa den Besuch in einem Gartenrestaurant irgendwo in Mailand, der "Osteria dei Binari“. Das Lokal liegt am Stadtrand bei einem ehemaligen Rangierbahnhof, dessen Gleise damals von Unkraut überwuchert waren. Getafelt wurde hinter einer Hecke an langen Tischen, wie Sie das aus Filmen des „neorealismo“ oder meinetwegen auch aus der Olivenölreklame kennen. Was wir gegessen haben, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass ein älterer Herr einen rauchenden Kohleeimer unter die lang über die Tische fallenden weißen Tischtücher hielt, um die aus der Hecke herausstürzenden Mücken zu vertreiben. Dass er das vor allem bei den hübschen Damen tat, sei ihm verziehen.
Ein zweites Erlebnis, das eher durch Duftbotschaften als durch Visuelles bestimmt wurde, war der Besuch in einem kleinen Lokal in den Bergen bei Portofino, der „Citu Bay“. Ich war da öfters und habe zu Beginn immer „funghi porcini“ gegessen, frisch aufgeschnittene Steinpilze mit dünn gehobeltem Parmesan, ganz wenig Öl, Pfeffer und Zitrone. Um ehrlich zu sein, habe ich nur auf den Moment gewartet, wo der Patron die nahe liegende Kellertür öffnete, hinter der die von seinen Kindern am Tage gesuchten Köstlichkeiten verwahrt wurden. Oh Gott, ich werde heute noch sehnsüchtig, wenn ich an diesen verführerischen, erdigen Duft denke.
Ein Erlebnis, dass durch alle Sinne bestimmt wurde und noch sehr frisch ist, knüpft an den Besuch bei Aimo e Nadia am westlichen Stadtrand von Mailand an. „Il Luogo di Aimo e Nadia“ ist für mich der Inbegriff dessen, was sehr feine Küche ausmacht. Nicht nur, dass ich die Italienische Küche der Französischen bei weitem vorziehe, weil sie nicht so kompliziert ist. Sondern auch, weil Aimo und Nadia Italienisches teilweise mit Japanischem verquicken. Sie können mir glauben, das ist der Himmel, wenn denn schon ein Strammer Max die Hölle sein muss.
Aimo und Nadia, beide aus der Toscana stammend, haben sich durch diverse Restaurants gekocht, bevor sie diese endgültige Symbiose gefunden haben. Dass die gestrengen Juroren vom Michelin zwei Sterne dafür vergeben haben, ist umso bemerkenswerter, weil man weiß, dass sie das bei Italienern nicht so ohne weiteres tun. Il Luogo ist der Platz, an dem alles stimmt: der Einkauf, die Begabung, das Können, die Fantasie, die natürliche Freundlichkeit. Der absolute Wille zur Qualität.
Was ich gegessen habe?
„Julienne di Seppie crude con Insalate novelle di Primavera“, roher Tintenfisch auf Salat als Antipasto. „Tortelli farciti di Gamberi di Sanremo“, Teigtaschen gefüllt mit Krebsfleisch als ersten Gang. „Aragosta nostrana su Crema di Sedano di Verona al Tartufo bianco“, Hummer auf Selleriecreme mit weißem Trüffel als Fischgang. (Da habe ich leider auf den eher japanisch zubereiteten rohen Thunfisch verzichten müssen.) „Controfiletto di Vitellone con Prosciutto al Profumo di Ginger fresco con Purea di Carote“, Filet vom Kalb mit Schinken und einem Hauch Ginger nebst Karottenpüree als Hauptgang. „Soufflé al Frutto della Passione con Gelatina alla Melissa e Malve“, ein ordinäres Soufflee aus Passionsfrüchten mit einem Sößchen aus Melissen und Malven als Dessert. Ersparen Sie mir den Kommentar zu jeder Einzelheit, ich habe mir abgewöhnt, Besonderes zu sezieren. Es war einfach nur köstlich und absolut so, wie es sein muss.
Warum ich mich an die Speisefolge noch so genau erinnere?
Ich habe klammheimlich die Speisekarte eingesteckt. Das mache ich manchmal, auch wenn Sie jetzt einen schlechten Eindruck von mir haben. Fotografiert habe ich die Kunstwerke nicht, dazu bin ich dann doch nicht unverfroren genug. Das Lokal ist vornehm, aber Sie werden sich wohl fühlen. An Stelle eigener Dokumentationen finden Sie Bilder von Francesca Brambilla, die zu dem Freundeskreis meines Mailänder Gastgebers gehört. Die Realität der Kompositionen entspricht aber exakt ihrer Darstellung. Auch die Portraits von Aimo und Nadia sind so, wie sie sind. Noch Fragen? Es gibt die Website, die im Moment allerdings „under construction“ ist. Ich wusste bisher nicht, dass der Himmel auch Baustellen haben kann.
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