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Benutzerfoto: Lenz

Lenz

Kompliment Lenz (28.05.2007) 4

Vom 16. Mai bis 26. August 2007 zeigt das Kunsthaus Zürich „Alberto Giacometti – Aufbruch zur Avantgarde“. Zu sehen sind die Werke des Schweizer Künstlers im Kabinettraum im Erdgeschoss. Das werde ich mir nicht entgehen lassen, kann ich doch gleich noch kurz bei der Kronenhalle weiter unten an der Rämistrasse vorbeischauen.

Ich verdrücke mich gern in Museen und Kunstsammlungen. Angefangen hat alles während zwei harten Wintermonaten in Paris. Da habe ich mich oft aus der billigen Pension gestohlen, um mich in Kunstsammlungen aufzuwärmen. Im kleinen Museum Rodin etwa. Auch heute noch suche ich meinen Frieden in Ausstellungsräumen, im Mark-Rothko-Raum der Tate Gallery oder in der Ägyptischen Sammlung vom Louvre zum Beispiel. Das Kunsthaus zeigt Alberto Giacometti mit einer bedeutenden Sammlung auch permanent, so, wie ich es liebe. Die Skulpturen sind weit verteilt vor weißen Wänden aufgestellt.

Alberto Giacometti wurde am 10. Oktober 1901 in Borgonovo im Bergell, einem der schönsten Bergtäler der Schweiz, geboren. Welch ein Glücksfall für die Kunstwelt! Und für mich am Rande. Sein Vater Giovanni galt damals schon und auch heute noch als bekannter Maler. Seine Mutter Annetta zeigte sich als kluge und herzensgute Frau. Der 1902 geborene Bruder Diego wandte sich ebenfalls der Kunst zu und war neben der Mutter ein starker Bezugspunkt für Alberto. Es folgten zwei weitere Geschwister, Ottilia 1904 und Bruno 1907. 1905 schon übersiedelte die Bilderbuch-Familie nach Stampa, den Ort, an den Alberto immer wieder gerne zurückkehrte. Er sagte: „Als Kind sah ich von der Außenwelt nur Dinge, die ich schön fand.“ Es war idyllisch, die Kinder hüteten Schafe und standen Modell.

Alberto Giacometti studierte Kunst in Genf, ließ sich in Italien von Tintoretto und Giotto verzaubern, und setzte sein Studium später an der „Académie de la Grande Chaumière“ in Paris fort. Paris sollte auch der Ort sein, der für Giacomettis Schaffen wichtig wurde. Ab 1925 setzte er sich mit dem Kubismus und afrikanischer Kunst auseinander und debütierte mit dem „Torse“ am „Salon d´Automne“. 1927 bezogen Alberto und sein Bruder Diego ein Atelier an der Rue Hippolyte-Maindron, dem sie nur während der Zeit des besetzten Paris den Rücken kehrten. Ab 1929 wurde Alberto berühmt, er verkehrte nun mit Masson, Arp, Max Ernst, Miró und Picasso. Später auch mit dem Surrealisten André Breton. So sind den auch seine ersten bedeutenden Werke, meist Skulpturen, vom Kubismus und Surrealismus geprägt, die „Femme-cuillère“ (Löffelfrau, 1926/27) aus Bronze etwa.

Alberto Giacometti war zeitlebens ein Suchender, ein ewig Unzufriedener, und das erklärt auch die Faszination, die er vor allem in der Pubertät auf mich hatte. Ich habe ihn nach der Entdeckung sofort vereinnahmt, und da ganz besonders seine hageren Figuren, zum Beispiel den „Homme qui marche“ von 1947 oder „Le chariot“ und „La cage“ von 1950. Diese Skulpturen sind Werke, die dem „reifen Stil“ angehören. Trotzdem wirken sie seltsam, trostlos, entmaterialisiert, zerbrechlich, suchend, verloren im Raum.

Giacomettis großartige Kunst, nicht nur seine Skulpturen, sondern auch seine monochrome Malerei, kann man wie hier vignettenhaft kaum beschreiben, man muss sie sehen, fühlen, sich ihr bedingungslos hingeben. „Love, devotion, surrender“ (da ist mir doch ein schöner Musiktitel von John McLaughlin dazu eingefallen J). Soll ich Ihnen noch verraten, was für mich das absolut Kostbarste von Alberto Giacometti ist? Es sind Figürchen aus Gips, die gerade mal in eine größere Streichholzschachtel hineinpassen. Figürchen, die von seinen rastlosen Händen auf der Suche nach der Wahrheit immer wieder geknetet wurden, bis sie diese Minimalität erreicht hatten. An der Schweizerischen Landesausstellung im Sommer 1939 wurden sie nicht ausgestellt. Ein Architekt meinte gar, es käme einer Beleidigung anderer Künstler gleich. Wahnsinn, ich habe sie leider nie in Realität gesehen.

Jean-Paul Sartre verfasste zur ersten Einzelausstellung Giacomettis in New York den Aufsatz „The search for the absolute“. Bezeichnend, dass der Philosoph des Existenzialismus schon 1939 die Freundschaft Giacomettis suchte. Sartres Hauptwerk, „Das Sein und das Nichts“, entstand zu dieser Zeit – Brüder im Geiste. Alberto Giacometti verstarb am 11. Januar 1966 in Chur. Er war immer vom Glauben getrieben, morgen würde er finden, was er suchte. Bevor er die Augen schloss, soll er gesagt haben: „A demain.“

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Beliebte Stichworte: ernst, existenzialismus, minimalität, paris, zürich

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