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Liesl

Kompliment Liesl (27.06.2007) 4

Zwischen Stapeln von Formularen fand ich einen Pförtner. Es war eindeutig: Publikumsverkehr war nicht erwünscht, zumindest nicht erwartet, kam eigentlich nicht vor. Ich fühlte mich nicht so ganz richtig am Platz. "W a s wollen Sie? Bücher kaufen? – Wir arbeiten hier!" Außerdem war es kurz vor Feierabend.

Ich war mit der RER bis Javel gefahren und konnte der Versuchung nicht widerstehen, erst einmal auf die Brücke zu gehen, diese bestimmte, besonders schöne, die mit den drei Bögen. Also an den Quais entlang, die Hochhäuser im Rücken, dann der Blick auf den Binnenhafen einmal nach Norden, einmal nach Süden, Apollinaire im Ohr: "Sous le Pont Mirabeau coule la Seine ..." Irgendwann stand ich dann doch vor der Gutenberg-Statue im klassizistischen Vorgarten der Imprimerie nationale. Und irgendwann hatte ich besagten Pförtner gefunden, der meinem Anliegen völlig verständnislos gegenüberstand.

Warum ich überhaupt da hinwollte? Weil es einer der bedeutendsten Orte der schwarzen Kunst ist. Seit 1640 werden in der ursprünglich königlichen Manufaktur Stahlpunzen geschnitten und in weiches Kupfer geschlagen, um aus den Matrizen Bleilettern zu gießen: für die sieben Exklusivschriften, mit denen die Imprimerie nationale für die jeweilige Staatsmacht Staat machte.

Kardinal Richelieu hat sie für Louis XIII. ins Leben gerufen und im Louvre angesiedelt. Zunächst arbeitete sie mit den schon über hundert Jahre alten Stempeln der legendären Renaissance-Antiqua, die Claude Garamont für Francois I. geschnitten hatte. Reparatur- und ergänzungsbedürftig geworden, hat sie Jean Jannon, ein Schweizer in französischen Diensten, nachgeschnitten und verändert. (Schriftschneider waren mindestens Europareisende, wie die Maler auch, allerdings wurden und werden ihre Kunstwerke noch entschieden häufiger den falschen Urhebern zugeordnet.)

Die absolutistischen Repräsentationsbedürfnisse des nächsten Königs verlangten eine neue Schrift, eine modernere, mit der man möglichst auch noch Christoph Plantin und seinen Antwerpener Druckern Konkurrenz machen konnte. Und so begann Philippe Grandjean auf Geheiß des vierzehnten Ludwig zu schneiden. Zwischen 1693 und 1745 entstanden 21 Schriftgrade mit den entsprechenden Kursiven, mit Ziffern und Kapitälchen und noch mehr Initialensätze. Seinen "königlichen Lettern" gab er damals schon die haarfeinen Serifen, die später die Schriften eines Bodoni auszeichnen sollten. Die "Romain du Roi" entfernte sich von jeglicher Schreibschrift-Anmutung, sie sollte mathematischen Regeln genügen, war konstruiert und dennoch ansehnlich.

Durch die streng horizontalen Serifen konnte man das kleine "l" nicht mehr vom großen "I" unterscheiden. Deshalb bekam das kleine "l" ein seltsames Ornament auf halber Höhe, und fortan sollten alle Schriften der französischen Staatsdruckerei durch ebendiesen kleinen Strich verraten, aus welchem Stall sie kommen.

1702 wurde die Jannon'sche Garamont ausgemustert, und bis 1811 waren es ausschließlich Lettern aus der Grandjean, die auf den Winkelhaken der abwechselnd königlichen, nationalen, republikanischen und kaiserlichen Druckerei mit Blindmaterial auf die richtige Zeilenlänge gebracht wurden.

Über die Jahrhunderte wurden in der Imprimerie nationale, die ein paar Jahre nach der Revolution vom Louvre ins Marais gezogen war, nicht nur Bücher gesetzt und gedruckt, sondern einfach alles: Bekanntmachungen, Steuerformulare, Versicherungsausweise, Personenstandsregister, Kalender, Almanache, Krankenblattvordrucke, Reiseschecks, Fahrpläne, Urkunden, Identitätspapiere, Führerscheine, Quittungsblöcke, Listen, Listen, Listen, Gesetzbücher, Jahrbücher, Telefonbücher, Branchenbücher, Prüfungsbögen und Prüfungsaufgaben (auch Bayern gebärdet sich ja zentralstaatlich, und so überrascht mich das gar nicht, da ja auch meine Abituraufgaben unter Geheimhaltung und an höchster Stelle gedruckt erst einen Tag vorm Abiturtermin den bayrischen Schulen überantwortet wurden), vor allem aber druckte sie Formulare, Formulare, Formulare.

Was ich nicht herausbekommen konnte, ist, ob sie auch die Allegorien und nationalen Dichter und Denker auf die großen bunten Franc-Scheine drucken durfte. Aber ich bin sicher, die Banderolen für die Zehner- oder Hunderterstückelungen sind durch ihre nationalen Maschinen gelaufen und bestimmt auch das Einwickelpapier für die Rollen, aus denen Centimes bzw. heutzutage Cents in die Registrierkassen des Landes gebrochen werden.

1903, und damit sechs Jahre, nachdem die Mirabeau-Brücke fertig war und den Verkehr über die Seine trug, wurde in Javel der Grundstein für den neuen Standort gelegt. Aber erst 1921 zog die Imprimerie – seit 1870 nannte sie sich wieder nationale – an die Rive Gauche ins 15. Arrondissement, dahin wo ich sie fand .

Und jetzt? Auch Frankreich trennt sich von seinem Tafelsilber, 1994 wurde sie zu einer SA (was unserer Aktiengesellschaft entspricht), 1997 kamen ausländische Beteiligungen dazu, und statt als Lieferant des Staates ein gediegen-beschauliches Leben mit Ausflügen aus dem Behörden-, Amts- und Verwaltungs-Formulardruck in die Kunst zu führen, wird sie jetzt den Gesetzen des Marktes unterworfen und muss sich der internationalen Konkurrenz stellen. Groupe Imprimerie Nationale heißt sie nun, mit großem "N", und sie präsentiert sich kokett mit dem Kürzel "l'IN".

Sie soll in die Banlieue ziehen – oder ist sie es schon? – wenn, dann jedenfalls unter dem lautstarken Protest der gesamten Belegschaft. Die Produktionsstätte in Javel, hinter dem Gutenberg-Denkmal, soll umgenutzt werden, vielleicht bleibt ja das Museum hier und das Atelier, in dem die bibliophilen Reihen wie La Salamandre noch immer wie vor Hunderten von Jahren hergestellt werden, vielleicht eine Librairie, damit Buchstaben-Liebhaber wie ich eine Anlaufstelle haben, um die schönsten Bücher Frankreichs zu finden, um Foliobände zu bewundern, die in der Grandjean gesetzt sind, ja, der mit dem seltsamen kleinen "l", oder die Sammlung ihrer typographischen Regeln am Ort ihrer langjährigen Anwendung erstehen zu können. (Übrigens beruft sich auch Wikipedia auf diese Regelsammlung).

Damals schickte mich der Pförtner in eine Seitengasse der Champs Élysées, in einen kleinen verkramten und verstaubten Laden, der aussah, wie ich mir das Kontor einer Überseereederei vorstellte, damit ich doch noch ein Buch zum Mitbringen fände. Eine große Auswahl gab es nicht, jedes der Bücher jedoch, die da standen, war eine bibliophile Kostbarkeit. Ich habe zwei gekauft, eines für mich und eins als Geschenk für den geliebten Freund, Buchstaben- und Letter-Liebhaber wie ich. Ich hatte schwer daran zu tragen.

Apollinaires Gedichtsammlung Alcools übrigens, in der Le Pont Mirabeau besungen wird, wurde auch in der Imprimerie nationale gedruckt, 1966, ich weiß nicht in welcher Schrift. Aber auch die Pleiade-Ausgabe liegt gut in der Hand, ohne das besondere "l" zwar, aber ebenfalls mit dieser wunderbaren ct-Ligatur.

Passent les jours et passent les semaines
Ni temps passé
Ni les amours reviennent
Sous le pont Mirabeau coule la Seine
Vienne la nuit sonne l'heure
Les jours s'en vont je demeure

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