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Lenz

Kompliment Lenz (29.06.2007) 4

Vor fünf Jahren hatte ich in meiner Firma Praktikantinnen, zwei. Eineiige Zwillinge. Sonderbar? Ich konnte nichts dazu, denn ich hatte nur eine hübsche, und was viel wichtiger ist, begabte junge Frau eingestellt, die den Laden etwas aufmischen sollte. Sie zeigte eine schöne Mappe mit Designarbeiten und hatte eine ansprechende, engagierte und höfliche Art. Kurz all das, was man jungen Leuten unterstellt.

Vor dem ersten Wochenende, Freitags, fragte sie mich, ob ich denn am Montag auch mit ihrer Schwester Vorlieb nehmen würde, sie wäre genauso fleißig. Ich hatte nichts dagegen, denn es ist nicht ungewöhnlich, das Talent auch sonst noch in einer Familie zu finden ist. Montags war sie da, und ich dachte erst, es wäre die Nette vom Freitag und die Abmachung hinfällig. Aber es war ihre Schwester. Die sah genauso aus, bis aufs klitzekleinste Härchen. Nun hatten wir also zwei, Zwillinge, eineiige. Verwirrend. Ohne zu zögern nahm sie die Arbeit da auf, wo ihre Schwester aufgehört hatte. Und fuhr genauso fort. Wie wenn beide ein Wesen wären. Meine Sekretärin, die voyeuristischer ist als ich, meinte, die vom Montag hätte einen winzigen Leberfleck am Hals und die andere nicht. Ich bin da diskreter. Da ich völlig hilflos war, beschloss ich, die eine „Freitag“ und die andere „Montag“ zu nennen.

Die monozygote Zwillingszeit verlief ohne Störung, bis Weihnachten kam. Da gibt es immer einen besinnlichen Ausklang. Ich sollte die beiden zum ersten Mal zusammen sehen und hatte ihnen im Restaurant einen Platz vis-a-vis von mir reservieren lassen. Zur Zwillingsforschung, sozusagen. Es war faszinierend, beide verhielten sich absolut gleich. Hielt die Eine in einem Satz unsicher inne, vollendete die Andere ihn. Steckte sich die Eine eine Zigarette an, tat die Andere desgleichen. Ging die Eine zum Toilette, um sich zurechtzumachen, folgte die Andere ihr auf dem Fuß. Die Erstgeborene war vielleicht ein Hauch forscher, die Zweitgeborene etwas überlegter. Aber nur ein Hauch. Ich war erledigt. Nun bin ich mit eineiigen Zwillingen ja geschlagen. Ich hatte Freundinnen in frühester Jugend, die waren eineiig. Später Freundinnen in der Pubertät, die waren eineiig. Und es ist offensichtlich kein Ende abzusehen.

Vielleicht etwas unpassend und gerade deshalb gleich noch eine Geschichte, die durch die Webblogs geistert: Seit drei Jahren streiten sich im US-Bundesstaat Missouri zwei Brüder, Richard und Raymond Miller, über eine Vaterschaft und die Verpflichtung, Alimente zahlen zu müssen. Beide haben am selben Tag mit der jetzigen Mutter, Holly Marie Adams, geschlafen. Die Brüder sind eineiig. Bei jedem der Brüder besteht eine 99,9-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass er der Vater wäre. Verwirrend, verwirrend. Die DNA-Analyse hilft da nicht. Marie ist der Ansicht, dass Raymond der Vater wäre. Aber da ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens.

Nach längerem Nachforschen bin ich aber doch auf Tröstliches gestoßen. Eineiige Zwillinge sind trotz ihres übereinstimmenden Erbgutes nicht gleich. Die Struktur der Fingerkuppe, die Papillarleistenstruktur, ist individuell, da sie in den ersten Monaten der Embryonalentwicklung eher zufällig entsteht. Bei eineiigen Zwillingen ist natürlich die Augenfarbe gleich, aber nicht der Aufbau der Irisstruktur. Die Verläufe der fein verzweigten Venen sind unterschiedlich. Die Formgebung der Buchstaben, Schwung und Druck der Unterschrift ist unterschiedlich.

Aber das juckt meine eineiigen Zwillinge nicht. Ihre Abschlussarbeit an der FHD durften sie nicht gemeinsam machen. Sie haben das Problem so gelöst, dass sie zwei thematisch zusammenpassende Bereiche gewählt haben. Sieht man ihre beiden Arbeiten nebeneinander, ist es eine. Neulich hat mich „Freitag“ angerufen und fragte, was ich davon halten würde, wenn sie einen Job in London und ihre Schwester einen in Stuttgart annehmen würde. Ich erklärte lang und breit die Vorzüge der jeweiligen Arbeitgeber, wollte aber insgeheim andeuten, dass sie sich nicht trennen sollten. Wann hat man schon mal jemanden, der einen total versteht?

P.S. Da ich die Privatsphäre der beiden Damen achte, und auch sonst, zeige ich von ihnen keine Fotos. Ersatzweise nenne ich als Adresse einfach ihren Arbeitsort in meiner alten Agentur und zeige ihre Räume nebst anderem eher Wissenswertem. Wundern Sie sich nicht, wenn die Räume leer sind. Wichtig sind die fein verputzten Wände, die so Vieles aus der zweimaligen Zeit gespeichert haben. Schauen Sie auch schnell auf die Website von Anne Sophie und Marie Luise, und da vor allem auf das Gästebuch. Es wimmelt nur so von Eineiigen.

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