Kompliment
blogotronic (05.08.2007)
es gibt hierzuland wohl kaum ein wohngebiet, das eine derartig bewegte geschichte aufzuweisen hat wie camp king im beschaulichen oberursel (in der nähe von frankfurt/main).
alles begann 1938, als hier etliche wohn- und wirtschaftsgebäude, die vorher auf der «1. deutschen bau- und siedlungsausstellung» zu sehen waren, neu aufgebaut wurden und anschliessend als «reichssiedlungsschule» der uni frankfurt dienten. diese bauten wären das vorbild für die häuser gewesen, die nach dem endsieg allerorten für die volksgenossen gebaut worden wären, eine mustersiedlung des dritten reiches, wenn man so will.
bekanntlich kam alles anders. nach kriegsbeginn richtete die luftwaffe 1939 ein durchgangslager für kriegsgefangene ein, die hier verhört wurden. nach der befreiung 1945 diente das gelände erneut als kriegsgefangenenlager, diesmal den amerikanern. etliche hochrangige nazi-verbrecher waren zumindest zeitweise hier interniert und auch die kriegsverbrecherprozesse in nürnberg wurden unter anderem an diesem ort vorbereitet. nach dieser erfreulichen zwischenphase - das gelände war mittlerweile zu ehren eines bei der invasion in der normandie gefallenen offiziers «camp king» benannt wurden - ging es allerdings wieder bergab: die «organisation gehlen» war hier tätig, zudem gab es gerüchte über allerlei schweinereien, die während des kalten kriegs begangen worden sein sollen. wie auch immer, die us-armee blieb bis 1993 und hatte im laufe der jahre eine kleine stadt in der stadt errichtet. nach ihrem abzug wurde das gelände 1998 von einer privaten wohnbaugesellschaft erworben, die das ehemalige camp king als wohngebiet erschliessen liess. heute wohnen hier rund 1.200 menschen in 380 wohneinheiten.
besonders beeindruckend ist die unglaublich vielfältige architektur, die altes und neues kombiniert. da die alten gebäude heutigen ansprüchen in keiner weise mehr genügen können, aber gleichzeitig aus denkmalschutzgründen nicht einfach abgerissen werden konnten, mussten fast alle der neuen bewohner an- und/oder umbauen. das resultat kann sich sehen lassen: fachwerk, stahl, beton und glas in gefälliger nachbarschaft. man könnte - nein: man kann - stundenlang durch die strassen wandern und sieht sich doch nicht satt. schmankerl am rande, und das ist wörtlich zu nehmen: in einer kleinen strasse am rande camp kings hat ein architekt sich ein «haus um's haus» gebaut. die bausubstanz eines alten hauses aus den 30ern wurde nicht einfach zerstört, sondern umbaut. das ergebnis lässt sich unter [www.meixner-schlueter-wendt.de/?id=57] bewundern. absolut sehenswert!
fünf sterne. da ein freund von uns in camp king wohnt, gibt's vielleicht demnächst auch noch die fotos zu sehen, die wir bei unserem besuch dort nicht gemacht haben.
Stichworte
geschichte, wohnen, stadt, leben, lager, militär, oberursel, army, wohngebiet, camp-king, us-armee, stützpunkt, gehlen
Kommentare (6)
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