Kompliment
RegineH (10.08.2007)
Ca. 50 KM westlich von Berlin, angrenzend an den nördlichen Zipfel von Sachsen-Anhalt, da liegt es, das Havelland. Glaubt man dem Diercke-Weltatlas, ist es ein von Verästelungen der Havel durchzogenes Moor- und Sumpfland, was den unübersehbar vorhandenen Störchen entgegenkommen dürfte.
Für eine ordentliche Feierabendrunde mit dem Motorrad raus aus Berlin ist diese Ecke durchaus lohnenswert, die Autobahn Richtung Hamburg führt schnell hinaus und ziemlich bald lässt es sich frei Berliner Schnauze durch die Landschaft kurven.
Als grobes Ziel wird Ribbeck angepeilt, ja, genau, dieses knapp 400-Seelen-Dorf, dessen Name wohl Niemandem etwas sagen würde, hätte nicht Theodor Fontane 1889 nach Fertigstellung der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" ebenjenes Gedicht verfasst, das in den verschiedensten Bearbeitungen seit Jahrzehnten durch das (vermutlich überwiegend westdeutsche) Kinderfernsehen geistert. Und tatsächlich gibt es dort Spuren des Birnbaums.
Die Familie von Ribbeck ist dem Ort heute verbunden und nach wechselvoller Geschichte und ausdauernden Gerichts-Streitigkeiten dabei, das Gutshaus zu sanieren und die legendäre Birnen-Kultur wiederzubeleben. Kurz zusammengefasst bewegt sich die jüngere Familiengeschichte von der Besetzung des Gutes durch die Wehrmacht 1943, der Ermordung des letzten Gutsherrn Hans von Ribbeck 1945 in Sachsenhausen über die Nutzung des Gutshauses ab 1956 als Pflegeheim bis zur Sanierung desselben.
Bemerkenswert auch die sozialistische Umdeutung der Birnbaum-Legende: im Zuge der Sanierungsarbeiten fand sich ein Wandrelief in der bekannten Pinselführung mit einer Darstellung des Birnenspenders als dekadentem, misstrauischem Adeligen, der seinen Baum mit einem Dreizack gegen ausgehungerte Kinder verteidigt, während Arbeiter-Frauen im Hintergrund aus vollen Körben Birnen verteilen.
Die Paradedisziplin der Germanisten, nämlich die Gedicht-Interpretation, scheint entweder nicht allzu stark ausgeprägt gewesen zu sein oder das Gedicht war nicht die Grundlage für dieses Machwerk. Wie auch immer, es gab wohl einen von Ribbeck, der sich aus Sorge um die Geizigkeit seines Sohnes ausbat, dass ein Birnbaum auf seinem Grab gepflanzt werde.
Heute gibt es zwei Baumstümpfe zu bewundern und einen neu gepflanzten Baum, empfehlenswerte Reisezeit also: der Herbst!
Stichworte
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