14.08.2007
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Es gibt Momente, da zweifele ich an meinem Verstand. Zum Beispiel letzten Sommer. Irgendwo kurz vor Hannover, „Element of Crime“ sangen mir „Die letzte U-Bahn geht später“ ins Ohr und der Busfahrer setzte, unter Missachtung aller Geschwindigkeitsbegrenzungen, zum Sprung vor den roten Corsa an. Autobahn-Blues. Ich starrte schon seit drei Stunden aus dem Fenster, beobachtete mit rapide abnehmendem Interesse den zähen Fluss der Konsum-Kuriere, Drängler und Sonntagsfahrer und ließ Felder, Wälder und „Tempo runter, Sicherheit rauf“-Schilder an mir vorbeiziehen. Die Frau hinter mir redete ohne Punkt und Komma auf ihre Sitznachbarin ein. Der Mann vor mir hatte offenbar Döner zum Abendbrot, mit extra viel Knobi-Soße. Die Dämmerung nimmt mir nach und nach den Ausblick und konfrontiert mich mit der Wahrheit im Inneren. Noch mindestens 13 Stunden bis London.
Wie bin ich nur auf die Idee gekommen, mit dem Bus zu fahren? Von Berlin. Nach London. Das sind 17 Stunden meines Lebens, die ich freiwillig in einem „Luxusomnibus mit WC und Klimaanlage“ verbringe. Schon am ZOB, dem Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin, hätte ich die Notbremse ziehen sollen. Dieser altbackene Busbahnhof mit seinem provinziellen Flair und der Klassenfahrt-Romantik schrie förmlich: Tue es nicht! Spätestens diese religiöse Gruppe Jugendlicher, die zur Begrüßung der Neuankömmlinge am laufenden Band fürchterliche Shantys zum besten gab, hätte ich als Zeichen verstehen müssen. Doch ich war froh, dass der Bus mit Verspätung kam und stieg ein.
Das Geld kann es nicht gewesen sein. Für die 78 Euro wäre ich locker mit einem der Billigflieger in einem Bruchteil der Zeit an der Themse gewesen ... Wie zur Beruhigung fängt Jack Johnson an, seine Surferlieder zu säuseln. Dann gehen mir die Lichter aus. Als ich wieder aufwache, ist mir kalt. Der Rücken tut weh, mein Hintern ist taub. Draußen ist es dunkel. Mir ist langweilig. Wenn es wenigstens diese Landkarten geben würde, auf denen man wie im Flugzeug den schleichenden Fortschritt der Reise mitverfolgen kann! Wenn ich doch nur Lust hätte, eines der Bücher aus dem Rucksack zu nehmen und mich in die Welt der Wörter zu flüchten! Doch ich habe nur zu einem Lust. Den Kopf in den schmerzenden Nacken zu legen, die müden Augen zu schließen, tief Luft zu holen und mit ganzer Stimmkraft in die Dunkelheit des rollenden Gefängnisses zu brüllen: Schnellerrrrr-schnelllller-schnellerr! Ich komme mir vor wie ein Kleinkind, dass vom Rücksitz aus die Eltern auf Urlaubsfahrt terrorisiert. Doch die Erziehung wirkt, die Schreie hallen nur in meinem Kopf.
Der dramaturgische Höhepunkt der Nacht ist ein Stopp an einer Tankstelle in den Niederlanden. Alle raus, echte Luft geatmet, brrr! – ist das kalt, die Busfahrer von vorn betrachtet, Notdurft an der Tankstelle, wieder hingesetzt und weiter geht’s durch die Nacht. Noch 9 Stunden bis London. Oder eher 10?
Antwerpen rauscht vorbei, Brüssel entfaltet sich wie eine Ziehharmonika im Morgengrau(e)n. Mein Gott, ist Brüssel groß ... Ich staune hinter dem sich hebenden Schleier des Erwachens. Der Kopf brummt. Ich habe gehört, in London kann man sehr gut Medikamente kaufen. So billig! Nicht wie hier in Deutschland. Man hat sich da auch nicht so mit den Rezepten und wenn man die gute Medizin dann nach Deutschland schickt, ist das trotz Porto noch weit günstiger als der Kauf in der heimischen Apotheke. Einmal im Jahr fährt die dicke Frau hinter mir, die nimmermüde Quasselstrippe, deshalb nach London. Um sich Medikamente zu kaufen. Vielleicht habe ich mich auch verhört, aber sie sagte ganz deutlich zu der Frau neben ihr, dass dies der Grund ihrer Reise sei. Es ging wohl auch um Schmerztabletten. Ich überlege, was Paracetamol bei uns wohl kostet, aber es fällt mir nicht ein. Ich könnte jetzt auch eine gebrauchen. Stattdessen esse ich die letzte Käsestulle und schlafe wieder ein.
Lille taucht auf. Endlich! Der Eurotunnel kommt näher. Der kurze Stopp im Niemandsland kurz darauf gilt den Formalitäten. Die englischen Beamten kontrollieren die Pässe. Alle Einreisewilligen hübsch aufgereiht, auf der einen Seite der Baracke reingegangen, Papiere vorgezeigt, auf der anderen Seite wieder raus und zurück in den Bus. Dort stockt es. Vier Mal hat der Busfahrer durchgezählt, die Kontrolle des zweiten Fahrers ergibt irgendwann dasselbe Ergebnis. Es fehlen drei. Bis diese Erkenntnis nach einer halben Stunde bis in die hinteren Sitzreihen durchgesickert ist, passiert gar nichts. Wir sind ratlos und üben uns in Geduld. Dann fällt es irgendwem ein. Eine ruhige dunkelhaarige Frau, keine Deutsche, zwei Kinder. Die fehlen. Stimmt, die saßen doch da vorn gleich vor dem Knoblauchsoßen-Mann. Richtig! Genau! Was die wohl angestellt haben? Vielleicht Kindesentführung oder Menschenhandel oder Schmuggelei, Diebstahl ... die kollektive Fantasie schlägt Purzelbäume. Schweigend und mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck kommt der ältere Busfahrer nach 45 Minuten aus der Baracke zurück, kramt Gepäck aus dem Bauch des Busses, klemmt sich hinters Lenkrad und fährt los. Die Mutter mit den zwei Kindern bleibt resigniert vorm Eurotunnel stehen. Ihr Pass ist abgelaufen. Endstation.
Die Fahrt durch den Tunnel dauert 35 Minuten. Der Bus steht eingepfercht in einen Eisenbahnwaggon, wir stecken im Bus. Die meisten nutzen aber die Gelegenheit, die steifen Glieder zu bewegen und laufen im Container umher. Der jüngere Busfahrer, einer von der coolen Sorte, taxiert dabei ungeniert seine weiblichen Passagiere. Alle sind ganz grau im Gesicht. Noch 6 Stunden.
Langsam denke ich an London, das lebendige London. Die Themse, Westminster, Tate, Portobello Market, Camden Town, die roten Busse. Ich war schon einmal in der Stadt. Die letzte Klassenfahrt meiner Schulzeit ging damals nach London. Auch mit dem Bus. Ich erinnere mich kaum an die Fahrt, eher an das fürchterliche Hotel und das ungenießbare Frühstück. Warum erinnere ich mich nicht an die Busfahrt? Diese hier wird mir sicher im Gedächtnis bleiben, denke ich, als der Bus jenseits des Tunnels auf die linke Fahrbahnseite einschwenkt. Hoffentlich fährt der coole Prolet da vorn nicht zum ersten Mal im Linksverkehr!
Ich versuche, mir Victoria Station vorzustellen. Dort werden wir ankommen. Bald schon. Ich werde mir einen Kaffee kaufen und durch die Stadt spazieren, ich werde mir ein Sandwich kaufen und mich in einem Park von der Ochsentour erholen. Dann bekommt die Vorfreude einen Dämpfer. Stau. Fast zwei Stunden lang geht es gar nicht oder im Schneckentempo voran. Doch das kann mich nicht mehr schrecken. Zwei Stunden mehr oder weniger, das ist jetzt auch egal. Inzwischen ist sowieso zweifelsfrei klar, dass es die falsche Entscheidung war. Ich könnte, wäre ich geflogen, seit 17 Stunden in London sein. Ich hätte bereits auf dem Borough Market ein Stück Käsekuchen mit Pecannüssen und Karamellsoße gegessen, der Paddington Station „Hallo“ gesagt, Pläne für den Besuch der Dali-Schau gemacht, wäre durch die Ausstellung im Tate Modern geschlendert und hätte die Aussicht auf die Stadt bewundert. Ich hätte mich längst gegen Madam Tussaud’s entschieden und für das Globe Theatre. Hätte, hätte, hätte ... Mein Mann lächelt mich vielsagend an. ER weiß schon länger, dass ich spinne. Doch jetzt hat uns London erlöst.
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