Kompliment
meme (05.09.2007)
Das Heimathaus Borghorst – Treffpunkt aller Heimatfreunde aus nah und fern. Malerisch in der Stadtmitte gelegen gehört es zu den älteren Gebäuden der Stadt, die im Gegensatz zu Burgsteinfurt nicht allzuviele davon aufzuweisen hat. Dafür hat das 1887 vom Münsteraner Architekten Anton Nordhoff erbaute Heimathaus gleich zwei hochinteressante Besonderheiten aufzuweisen.
Zunächst einmal ist der Baukörper mit seinen gleichschenkeligen Seitenflügeln dem preußischen Reichsadler nachempfunden, wie es scheint einmalig in Deutschland. Zum zweiten trägt der Turm in der Mitte die gleiche barocke kupferne Haube, die die alte Stiftskirche krönte. Diese wurde während der Planungsphase des Hauses abgebrochen und musste der heutigen neugotischen Nikomedeskirche Platz machen.
Genutzt wurde das heutige Heimathaus zur Hälfte als Amts(Rat)-Haus, die andere Hälfte beherbergte die Post. Müssen das himmlische Zeiten gewesen, in denen der Amtsschimmel so wenig Platz brauchte.
In meiner Jugend jedenfalls gab es schon mehrere Gebäude für die Verwaltung Borghorsts. Das Rathaus (heutiges Heimathaus) für Repräsentation und Schönheit, das Stadthaus für die gemeinen Verwaltungsaufgaben und noch ein Gebäude neben dem Rathaus, in dem sich unter anderem später das Trauzimmer befand. Zur Zeit der Gebietsreform gab es im heutigen Steinfurt insgesamt sechs verschiedene Verwaltungsgebäude, die nach der Zusammenlegung von Burgsteinfurt und Borghorst im Neubau des Rathauses in Borghorst konzentriert wurden. 1982 ging dann das alte Rathaus in den Besitz des Heimatvereins über, der es über all die Jahre zu einem wunderbaren Schatzkästlein für Heimatliebhaber gemacht hat. Für mich hat es noch eine ganz besondere Bedeutung – habe ich dort doch vor vielen Jahren meine Einbürgerungsurkunde erhalten.
Am Sonntag während des Schweinmarktes haben wir es uns angeschaut während der traditionellen Öffnung bei allen Stadtfestivitäten. Ansonsten ist es an jedem 2. Sonntag im Monat für Besucher geöffnet. Wahrscheinlich ist dann der Andrang nicht gar so groß. Vorgestern jedenfalls war kaum ein Durchkommen. Immerhin hatte die Frauengruppe des Heimatvereins zu ihren berühmten Kuchen, Rosinenstuten und Plätzchen ins Cafe Heimathaus geladen. Im Bürgermeisterzimmer, dass die Bilder aller vergangenen Bürgermeister sei 1870 und die Namen von Ehrenbürgern und Pfarrern zeigt, lässt es sich gut bei Kaffee und Kuchen klönen. Die Frauengruppe ist auch sonst der „Gute Geist“ des Heimathauses – sie putzen, waschen, dekorieren, backen und betreuen den originalgetreuen „Tante Emma Laden“.
Über eine steinerne Wendeltreppe im Turm geht es ins Obergeschoß, in dem verschiedene Themen auf den Besucher warten. Da gibt es das „Schniggenhues“ (Schneckenhaus) – einen kleinen Raum mit liebevoll gedecktem Tisch, der an einen Raum der Dichterin Annette von Droste Hülshoff auf der Wasserburg Hülshoff erinnert. Im „Haugen Stuobn“ (Hohe Stube) stellte ein Hobby-Künstler aus dem Nachbarort aus (seine Mosaik-Malerei – mal was ganz anderes – fand ich sehr interessant). Ansonsten wird der ehemalige Ratssaal als Veranstaltungsraum für plattdeutsche Abende, Liederabende und ähnliches genutzt – auch heiraten kann man dort (wieder). Ebenso beherbergt er die Totenbriefe von 890 Gefallenen und Vermissten aus dem zweiten Weltkrieg. Gleich nebenan wurde ein Tante Emma Laden originalgetreu aufgebaut.
Weitere Werkstätten (Weißnäherin, Schumacher, Apotheker, Seiler und Uhrmacher) aus Nachlässen und Spenden hat die Seniorengruppe liebevoll restauriert und für die Ausstellung arrangiert. Diese hochaktive Gruppe des Heimatvereins trifft sich regelmäßig – repariert, werkelt und renoviert. Auch größere erhaltende Baumaßnahmen am Haus wurden in Eigenarbeit erledigt. Natürlich darf das anschließende gemütliche Beisammensein nicht fehlen – im „Borghorster Zimmer“ trifft man sich dann zur gemütlichen „Meisterstunde“.
Ein gewichtiges Zeitzeugnis sind die Gerätschaften zum Tuchmachen. Vom Flachs über das Spinnrad bis zum Webstuhl und dem fertigen Leinen ist in einem Raum alles Wissenswerte zu sehen. Borghorst ist eine alte Dokmaker-Stadt (Leinentuchmacher) mit langer Textiltradition auch in jüngerer Zeit, was hier eindrucksvoll belegt wird. Nachdem wir noch eine historische Küche und ein Schlafzimmer angeschaut haben – herrlich mit welch liebevollen Kleinigkeiten von der Nachthaube bis zum Nachttopf alles dekoriert ist – bildet das Obergeschoß mit seiner nachgebauten Münsterländer Tenne einen krönenden Abschluß. Allerlei Gerätschaften um Tier und Hof, ein Plumpsklo mit entsprechender Miniatur für den Nachwuchs und Zubehör für die Hausschlachterei sind so ausgestellt, dass man sich tatsächlich in einer echten Tenne glaubt – selbst eine Kuh ist vorhanden. Im Vorraum ein alter Segensaltar und weitere sakrale Gerätschaften, in den restlichen Räumen die schon erwähnten Werkstätten und ein altes Klassenzimmer. Das hat mich dann wieder ganz konkret an meine eigene Vergangenheit erinnert, denn einen Teil meines ersten Schuljahres habe ich noch in einem ähnlichen Raum in der alten Wilmsberger Zwergschule erlebt. Ein weiteres „Aha-Erlebnis“ in der Apotheke – an der Wand hängt ein vergilbtes Werbeplakat von Bernhard Lindenbaum – Chiropraktiker aus Berufung. Er war der Nachbar meiner Kindertage und mehr als einmal hat er mir verrenkte Knöchel und Handgelenke wieder „eingerenkt“. Schon sein Vater war über die Stadtgrenzen hínaus bekannt – bei ihm standen täglich Autos von weither vor der Tür. Sein Sohn führt die Tradition in Kombination mit einer allgemeinärztlichen Praxis weiter. Dieses vergilbte Plakat mit seiner altertümlichen Schrift macht mir unmissverständlich klar, wie schnell die Zeit vergangen ist - Nebenwirkung solcher Plätze – mal mehr, mal weniger angenehm.
Nicht vergessen will ich die in Borghorst in etlichen Vereinen immer noch sehr aktiven Schützen, die ebenso wie ein alter Kirchenschweizer in traditioneller Tracht mit einer eigenen Groß-Figur und vielen Orden, Ketten und Fahnen vertreten sind. Genug geschaut für´s Erste – ich muß unbedingt wiederkommen – vielleicht an einem der ruhigeren Sonntage. Im Eingangsbereich noch ein Blick auf das große Bild mit den wichtigen historischen Bauwerken und Informationen zur Stadtgeschichte, das der Malermeister Bernhard Greufe in den den 50er-Jahren gemalt hat.
Der ehemalige Bürgermeister Brinkhaus sitzt mit einigen Heimatvereins-Mitgliedern an einem Informationstisch – überall sind Senioren mit ihren schmucken Kiepenkerl-Trachten unterwegs, erzählen den Kindern, erklären den Erwachsenen - jeder kennt jeden und überall fliegen plattdeutsche Gesprächs-Brocken und Dönkes durch die Luft. Wie eine andere Welt denke ich, als wir wieder in den Sonnenschein hinaustreten – zu den Buden und der Musik und den allgegenwärtigen Gerüchen von Leckereien, die den Schweinemarkt so anziehend machen.
Stichworte
museum, geschichte, heimat, erinnerungen, brauchtum, plattdeutsch, begegnungsstätte, heimatverein, heimatcafé, eigeninitiative, brauchtumspflege
Kommentare (10)
Bedenklicher Inhalt?