Kompliment
Lenz (21.09.2007)
Will man auf Schweizer Gebiet die Alpen überqueren, bietet sich normalerweise die Gotthard-Strecke an und mit ihr der Gotthard-Straßentunnel; einspurig in jede Fahrtrichtung und mehr als 17 Kilometern lang. Für Menschen mit Klaustrophobie oft Anlass zur Panik. Bei gutem Wetter und viel Zeit lockt der Gotthard-Pass, der ist allerdings 34 Kilometer lang. Aber schön. Zurück zum Tunnel: oft gibt es vor den Tunneleinfahrten Staus und das ärgert. Ab 2016 soll sich das ändern; dann werden die fürsorglichen Schweizer den Gotthard-Basistunnel fertiggestellt haben, ein Eisenbahntunnel zur Verladung der Karossen.
Nun gibt es Alternativen, meine ist die Strecke über Chur mit kurzen Tunnels. Die sind zu vernachlässigen und die benötigte Zeit für die etwas weitere Strecke verbringt man sonst im Stau. Also fahren wir los, sagen wir mal ab Zürich. Nachdem Sie lins den Zürichsee hinter sich gelassen haben, geht es Richtung Walensee. Schon grüßen wieder links die Churfirsten, die sechs Berge der Appenzeller, und das erste Glücksgefühl stellt sich ein. Zumindest bei mir. Das hat nun nichts mit den Appenzellern zu tun, sondern mit der Bergwelt allgemein. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich brauche ab und zu etwas Erhabenes. Das haben Sie dann auch im Rheintal, Richtung Chur. Es ist nicht Lichtenstein mit seinen Briefmarken und Briefkastenfirmen. Nein, das Erhabene findet sich weiter oben, links auf den sonnigen Höhenzügen, wo die Fläscher-, Maienfelder-, Jeninser- und Zizerserweine angebaut werden. Diese höchsten Weinlagen der Schweiz bieten nicht nur gute Produkte, sondern auch solide Restaurants mit einer ausgezeichneten Küche. Schade, dass wir ja an sich nach Splügen wollen.
Oder doch nicht? Splügen, und damit den Süden über den San Bernardino, erreichen Sie von Chur aus über die E43. Nun bin ich ein wenig vorsichtig mit der euphorischen Beschreibung der Bergwelt, die immer fantastischer wird, da etwas Adrenalin für das Hotel Restaurant Bodenhaus in Splügen zurückgehalten werden soll. Aber schön ist es unterwegs, auch der Ort Splügen. Er liegt auf 1450 Metern Höhe am Fuße des Splügenpasses. Mit seinen gefühlten 446 Einwohnern ist er klein, aber es stimmt alles. Die Kirche von 1689 ist noch im Dorf, was gar nicht so selbstverständlich ist, da Kirchen oft auf einsamen Höhen gebaut wurden, um den Prozessionsweg zu verlängern. Es gibt weiß gekalkte Patrizierhäuser und vom Wetter braun gegerbte Walserhäuser mit Steindächern. Sogar einen Brunnen von 1895 und den obligatorischen Gebirgsbach mit eiskaltem Wasser. Über allem thronen wild zerklüftete Berge mit Bannwald, überdacht von einem Himmel mit zerrissenen Wolken. Hallelujah! Wenn das nicht das Entree zum Glück ist.
Das bekannteste Etablissement vor Ort ist unser Hotel und Restaurant Bodenhaus. „Bodenhaus“ kommt meiner unmaßgeblichen Meinung nach von „Boden“ oder „Bödeli“, einer ebenen Fläche im gebirgigen Gelände. 1722 erbaut, liegt es majestätisch etwas rechts von der Kirche am Wegesrand. Die trutzigen, schießschartenähnlichen Fenster sind mit roten Geranientöpfen bewehrt und wirken so freundlich. Ursprünglich diente dieses zu den ältesten und traditionsreichsten Häusern im Bündnerland gehörende Gebäude der Unterkunft von Fuhrleuten, Lasttieren und Transportgütern. Außerdem war das Bodenhaus als Poststation gut. 1820 wurde es Gasthaus und Herberge. Da schon ab 1828 ein Gästebuch geführt wurde, ist gesichert, dass Friedrich Nietzsche, William Turner, Prinz Louis Napoléon Bonaparte und Wilhelm Conrad Röntgen im Hotel genächtigt haben. Nietzsche lebte zeitweilig in Graubünden, Turner mochte wohl die Farbkraft des Himmels und was Röntgen hier erblickt haben soll, ist mir unbekannt. Noch weniger fällt mir zu Bonaparte ein, außer dass er sich nicht nur bei den Holländern, sondern auch bei den Schweizern beliebt machen wollte. Nun ist das Bodenhaus seit kurzem frisch restauriert und bietet einen umfassenden Komfort. Auf der Webseite finden sich zahlreiche Spezialangebote zu diversen Jahreszeiten. Der Splügen ist nicht nur im Sommer mit seinem Tourenangebot interessant, sondern auch im Winter, als Skigebiet.
Gehen wir durch die sachlich und stilvoll eingerichtete Eingangshalle mit Gewölbedecke in eines der Restaurants, aber nicht ohne vorher einen Blick ins Arvenstübli mit der prächtigen Täfelung aus hellem Holz riskiert zu haben. „In den drei Restaurants wird eine abwechslungsreiche, leichte und kreative Küche mit Gourmetmenüs aus der Schweiz, Italien und Österreich serviert. Je nach Saison stehen Fisch-, Spargel-, Steak- und Wildspezialitäten zur Auswahl. Auch ein vielfältiges Angebot an Weinen fehlt natürlich nicht“, heißt es im Prospekt. Wir wählen den schönen Raum mit dem alten, gemauerten Ofen, der eine würdevolle, dunkle Farbe hat, und wenden uns den Bündner Tafelfreuden zu.
Bündner Köstlichkeiten haben ihre Verwurzelung wohl in grauer Vorzeit, als es noch keine modernen Konservierungsmethoden gab. Deswegen findet sich viel Sonderbares an Zutaten: Dörrobst, Geräuchtes, Buchweizen und natürlich Käse und nochmals Käse. Aber auch der Einfluss Italiens ist spürbar, gab es doch immer die Saumwege in den Süden und die alemannische Volksgruppe der hier ansässigen Walser zog es gerne ab und zu an die Sonne mit seinem jungen Gemüse. Ein typisches Bündner Gericht ist der Pizokel, ein Eintopf aus Buchweizennudeln, verschieden Gemüsesorten und Käse. Dann Capuns, eine Roulade aus Lattich oder noch besser Mangold, gefüllt mit Spätzleteig. Den Capuns habe ich allerdings auch schon anders komponiert gesehen. Nur, er ist immer köstlich. Natürlich gibt es typische Backwaren wie Nidelfladen (die Schweizer sagen „Nidläfladä“ und „Nidel“ ist Sahne), Engadiner Nusstorte (ein Kuchen aus geriebenem Butterteig gefüllt mit karamellisierten Walnüssen) und Bündner Birnbrot (eine dünne Schicht Brotteig gefüllt mit einer Mischung aus gedörrtem Obst, Nüssen und Brotteig). Das Birnbrot gibt es aber auch so ähnlich im Kanton Appenzell. Dann, das kennen Sie sicher, Bündner Fleisch, Gerstensuppe und vieles mehr. Wir hatten zu allen Speisen einen vorzüglichen, leichte Rotwein, Rhäzünserwasser und die quicklebendige, äußerst zuvorkommende Sarah, die mit ihrem leichten, aber schönen Bündner Dialekt dem Service des Restaurants alle Ehre machte.
Stichworte
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