Kompliment
guelbuelbuel (24.09.2007)
Die Cottbusser Brücke ist ein schmaler Durchgang und verbindet die Bezirke Kreuzberg und Neukölln. In den letzten Jahren hat sich die Brücke zum Umschlagsplatz für Gebrauchtwagen entwickelt. Vorwiegend türkische Autohändler, parken auf beiden Seiten der Straße ihre Fahrzeuge und bieten sie weit unter Listenpreis feil. Sie kaufen die Autos überall in Deutschland günstig ein und versuchen sie hier auf der Brücke blankgeputzt an den Mann zu bringen. Als Privatverkäufer getarnt, ersparen sie sich zusätzliche Ausgaben, wie das Anmieten von Ladenflächen, aber auch Gewerbesteuern und andere Abgaben. Die Brücke ist ihr Geschäftshaus und ihr Büro. Bedenkt man, dass kein Auto länger als eine Woche steht, muss das Geschäft gut gehen. Auf den Autoscheiben stehen in abenteuerlichen Schreibstilen die notwendigsten Informationen Preis, Baujahr, Kilometerstand und eben die unverzichtbare Telefonnummer. Sie selbst kreisen mit Handys ausgestattet alleine oder in kleinen Gruppen um die Brücke. Oft sieht man sie auch in orientalischer Manier mit geöffneten Fensterscheiben und ausgestreckten Beinen in ihren Autos sitzen, Tee trinken oder mit Tüchern und Spraydosen Felgen, Scheiben oder Blech putzen. Man muss hier wahrlich von einem Autobasar sprechen. Schaut man sich einen Wagen etwas näher an, schlendert neugierig einige Minuten um den Wagen oder blickt gar mit einer Hand am Gesicht durch die Fensterscheibe, kann man sicher sein, dass der Verkäufer bereits unterwegs ist und gleich auftauchen wird. „Du will? Guter Motor! Erste Hand. Besitzer alter Mann.“ Die Anwohner parken ihre Wagen selten auf der Brücke. Die Plätze gilt ihnen irgendwie als gefährlich, obwohl sie bei den Händlern sehr begehrt sind, denn fährt ein Wagen weg für eine Probefahrt oder wird verkauft, muss der Parkplatz schnell besetzt werden. Die Handgreiflichkeiten um Parkplätze zwischen den Händlern gehören hier inzwischen zum Alltag. Manchmal muss die Polizei, der dieser Handel ein Übel ist, selbst vermittelnd eingreifen. Dieser halblegale Graumarkt verärgert die ohnmächtigen Behörden. Sie haben aber keine Möglichkeit Privatverkäufe zu unterbinden, weshalb manchmal oft mehrere Polizeiwagen mit viel Personal damit beschäftigt sind, die Telefonnummern von Verkäufern zu notierten, denn wenn eine Person mehrere Autos zum Verkauf anbietet, wäre es kein Privatverkauf mehr, sondern ein steuerpflichtiger Handel. Doch das alles ändert wenig. Handynummern hat man genug. So bleibt es meistens dabei, Strafzettel wegen Falschparken auszustellen, wenn ein Auto länger als eine Stunde an einem Ort parkt.
An jedem Dienstag und Freitag wird an der ersten Querstraße, dem Maybachufer, parallel zum Kanal, Markt gehalten. Dann ist die Brücke von Menschen und vielen Kleinhändlern überfüllt, von türkischen Frauen, die handgestrickte Strümpfe anbieten, Fahrradhändlern, Kindern, die ihre Spielsachen vor sich ausgebreitet geduldig auf Kundschaft warten, von Maisverkäufern und je nach Jahreszeit von türkischen Kleinbauern, die den Pfefferminz oder die Paprikaschoten, die sie auf ihren Balkonen oder gepachteten Kleingärten im Umland Berlins anbauen zum Verkauf anbieten. Die „Liegenschaften“ sind so bunt, dass der „Türkenmarkt“ schon eine touristische Attraktion ist.
Ismail lief gewöhnlich täglich die Brücke ab, meist schnellen Schrittes zwischen den Cafés Ankerklause, das ein stadtbekannter Szenetreff ist und dem aufgelösten Marosa, mit einem eher türkisch dominiertem Publikum. Er tauchte in unregelmäßigen Abständen auf, dabei führte er meist Selbstgespräche und sprach in einer ihm eigenen Sprache, die keiner verstand, Passanten an, eigentlich schrie er sie an, so dass sie meist erschrocken zurückwichen und erst nach einigen Schritten Entfernung sich sicher genug fühlten, um der drängenden Neugier nachzugeben und zurückzuschauen. Ich hatte mich einige Male vergeblich bemüht, von ihm unbemerkt, seinen hektischen Schritten zu folgen, das war keine einfache Angelegenheit, denn er blieb unvermittelt stehen, um mit einem Baum, einem Geländer oder was auch in diesem Moment seine Aufmerksamkeit konzentrierte zu sprechen oder gar wieder auf der Stelle mit schnellen Schritten zurückzukehren. Aus den wenigen Wortfetzen, die ich verstand, versuchte ich einen Sinn zu herauszulesen. Damals begriff ich noch nicht, warum mich so sehr faszinierte. Ich wusste nur, dass er mit einer Frau sprach.
Er war immer sehr warm gekleidet. Über einen dicken handgestrickten und sehr verdreckten Pullover, der ihm ausgeleiert fast bis zu den Knien ging und aus dem am Hals ein zerknicktes Hemd herauslugte, hatte er ein meist ein Jackett an. Damit nicht genug zog er sich einen völlig zerknitterten gefütterten Mantel über, dessen Taschen prallgefüllt waren. Seine Hose war ihm etwas zu weit und die zu langen Hosenbeine verdeckten seine Schuhe fast vollständig. Aus diesem Bündel aus Stoff funkelten zwei schwarze Augen auf einem sonnengebräuntem Gesicht, das zunächst fast vollständig behaart schien. Er war zumeist unrasiert, seit einer Woche mindestens. Seine schwarz gelockten kurzgeschnittenen Haare erinnerten an einen Beduinen. Doch die Augen waren flink, wie auch sein Körper den Eindruck eines Tigers machte, zum Sprung bereit. Sein Anblick machte den meisten Menschen Angst, auch die Anwohner, die ihn kannten, trauten sich nicht, ihn wegen seiner plötzlichen Schreiattacken anzusprechen. In den Cafés und den Imbissen in der Nähe der Brücke hatte man gelernt, mit ihm zu leben. Hier bekam er manchmal eine warme Suppe, Brot oder etwas zum Trinken geschenkt. Und keiner verweigerte ihm, das Klo zu benutzen. Doch schien er nicht viel vom Waschen zu halten. Es kursierten auch die unterschiedlichsten Geschichten über ihn. Jeder hatte etwas zu erzählen.
Jetzt wird er vermisst. Seit zwei Monaten ist er nicht mehr gesehen worden.
Stichworte
brücke, kottbusser, türken, autohändler, kreuzber, bazar
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