Kompliment
Lenz (04.10.2007)
Camogli als Filmkulisse ist natürlich nicht nur bei deutschen Produktionen beliebt. Aber bei diesen ganz besonders, vor allem die aufs Meer blickende Kirche und der romantische Fischereihafen. Schon 1961 drehte die Münchener Bavaria den Schinken „Die Stunde, die du glücklich bist“, in der das Schicksal unbarmherzig ausgerechnet in diesem schönen Ort an der ligurischen Küste zuschlägt. Ruth Leuwerik als Rechtsanwältin Vera Berg und Peter van Eyck als Unternehmer Bönisch zählten die Stunden bis zum Exitus.
Beinahe zeitgleich mit der Gründung der Toscana-Fraktion setzte der Run deutscher Goethe-Epigonen auch auf die ligurische Küste ein. Camogli blieb davor nicht unverschont, und manch schönes Rustico auch nicht. „Deutsche, zieht hinaus in die Welt und rettet die Bruchsteinmauern“, hieß es damals. Dieser intellektuelle Drang nach Süden und die daraus resultierende Bekanntheit des Ortes hat uns seitdem mach belichtetes Zelluloid beschert, manchmal sogar ganz ordentliche Filme.
Nun hat die deutsche Vorabendserie das Café Primula, das Hotel Cenobio Dei Dogi und den Hafen okkupiert. Ich würde dazu nichts verlauten lassen, wäre ich nicht voll in das Abenteuer reingerauscht. Im Grunde genommen wollte ich nur kurz eine alte Freundin besuchen, die am Hafen über einem Fischereigeschäft ein maritimes Appartement ihr Eigen nennt. Aber ausgerechnet davor sollte eine Schlüsselszene eines Filmchens, das wir bestimmt demnächst bei den Privaten bewundern werden, spielen. Ich saß also fest, länger als mir lieb war, denn der Aperitif mit einem Käsehäppchen wartete woanders. So hatte ich unerwartet Zeit, mir aus dem Fenster blickend Gedanken über den Serienunsinn zu machen.
Um es gleich vorwegzunehmen, ich habe nichts gegen deutsche Jungtalente. Wenn sie hübsch und eventuell weiblich sind, schon gar nicht. Auch nichts gegen Jungfilmer. Aber diese Filmcrew entsprach halt einem üblen Klischee. Der Regisseur sah weitgereist und abgezockt aus. Er hockte unverdrossen am Schatten mit seinem Laptop, der wohl die Videoausspielung zeigte. Der Kameramann und sein Assistent wirkten ausgesprochen professionell, zumindest was die Mitnahme von einem guten Restaurantessen und die darauffolgende Mitnahme von etwas Beischlaf war. Die Aufnahmeleiterin befand sich im üblichen Stress. Meinte der Regisseur „Machen wir schnell, ich hätte gerne noch die Fähre im Hintergrund und das Licht wartet nicht“, sagte sie ganz Stille-Post-gemäß: „Edgar hätte gerne das feery boat im Screen“. Schon klar, dass der Regisseur die ruhige Fläche eines Bootskörpers zur Komposition eines geordneten Bildes brauchte. Aber dieser aufgeblasene Hühnerhaufen garantierte bestimmt kein Meisterwerk. „Hühnerhaufen“? Ohne despektierlich zu sein schien mir der Aufwand von mindestens fünfundvierzig Crewmitgliedern für eine harmlose Schote etwas dramatisch. Es war nämlich absolut kein Hotelbett mehr im weiten Umfeld zu haben. Strange für die Jahreszeit.
Natürlich getraute ich mich nicht, Einsicht in das Script zu nehmen. Das hätte man mir auch verweigert. Meine Anwesenheit, wenn auch nur von der Fensterbank, störte die cineastischen Höhenflüge sowieso. Aber die Geschichte des Machwerks schien mir klar: „Girlie verliebt sich in jungen Eiscrememann und dieser baut ungewollt Scheiße“. Ein Lob dem Sprechtheater! ??? Die junge Blonde sollte dem Eismann böse einige Worte zuwerfen, und das erregt. Meine Herren, wie unverständlich kann Erregung sein, ich meine akustisch. Ich habe kein Wort verstanden, obwohl es O-Ton sein sollte. Deswegen Sprechtheater, auf der Bühne lernt man das. Dabei hatte die Hauptdarstellerin im Hotel doch einige Jogaübungen gemacht, um sich auf die schwierige Szene einzustimmen. Mein Lieblingssprecher Alf Marholm hat bis ins hohe Alter gurgelnde Sprechübungen gemacht, und das täglich. Er sprach bei aller Dramatik immer klar und verständlich. Jawoll, lieber Alf.
Über den männlichen Hauptdarsteller gibt es wenige Worte zu verlieren, es sei denn, dass er dem Klischee des Eismanns unangenehm entsprach und ansonsten den Star spielt. Und die Nebenfiguren? Haben Sie schon mal einen italienischen Geschäftsmann gesehen, der ein abgewetztes Jackett, eine schmierige Krawatte und ein offenes Hemd trägt? Italienische Komparsen, die wie Piraten aussehen? Ich nicht. Aber jetzt, am Vorabend.
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