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Kompliment Bernd Bitzer (09.10.2007) 5

Mit Postkutscher Andreas Nemitz auf Reisen

Verflixt hoch auf
dem gelben Wagen

„Meint's Ihr dös ernst?" Dem Mann am Steuer vom Bundesbahn-Bus nach Garmisch ist der Fahrplan weißwurscht. „Fahrt's ihr wirklich München-Verona?"

Bedächtig rückt der Postillion seinen steifen Zylinder zurecht und nickt den zwei Dutzend plattgedrückten Nasen an den Busfenstern freundlich zu: „Sicher - im Oktober wieder," tönt er mit sonorer Baßstimme aus zweieinhalb Metern Kutschbock-Höhe. „Aber jetzt geht's nur nach Neuschwanstein."

Sichtlich ergriffen macht der Benzinkutscher seine Drucklufttüren wieder zu. Andreas Nemitz, der Postkutscher, kennt das schon. Seit er vor elf Jahren umgesattelt hat, ist, wo er hält, der Teufel los. Jetzt stehen schon so viele Schaulustige auf der kleinen bayrischen Ortsdurchfahrt, daß der Bus nach Garmisch kaum an seinem altgedienten Vorgänger vorbeikommt.

Macht schon was her, die leuchtend-gelbe, echt-englische vierspännige Postkutsche. Von 1780 bis 1870 wurde sie unverändert gebaut, fixe Modellwechsel waren damals noch nicht an der Tagesordnung. Vier davon hat Andreas Nemitz über die Jahre restauriert, 48 Kutschen stehen insgesamt in der „Zentrale" in Pähl am Ammersee.

Damit hat er das größte Postkutschenunternehmen der Welt. „In Amerika macht einer Stagecoach-Touren mit Cowboy-Romantik und so, in Krefeld versucht's auch wer, aber mit einer völlig ungeeigneten Pferderasse. Ich fahre mit Oldenburgern, gezüchtet in Polen. Dort gibt es noch zwei Gestüte, die das ganz fantastisch machen. Und sauber sind die - vom Fußboden kann man dort essen."

Der Mann versteht sein Geschäft. Mit Kutschensammeln hat er angefangen, das wurde ihm langsam zu teuer, also hat er nach Möglichkeiten zum Geldverdienen gesucht. Gleich in die Vollen. Von Anfang an hat er nicht „gefiakert", also stundenweise gefahren, sondern gleich richtige Reisen gemacht. Gepackt hat ihn die Sache mit den Kutschfahrten schon viel früher. „So um 1960, gleich nach dem Abitur bin ich mit meinen Eltern von Tutzing durch Oberbayern, bei Burghausen nach Österreich über Passau, fast vier Wochen mit dem Landauer unterwegs gewesen. Das war damals das Allergrößte. In Oberbiberg, einem Dorf südlich von München haben wir noch für zwei Mark pro Roß und Passagier übernachtet."

Andreas Nemitz stößt ins Horn. „Ta-ti-tatatäterä", das alte bayerische Signal für die „Abfahrt einer Ordinarienpost". Es gab verschieden wichtige Postverkehre. Die Ordinarienpost verkehrte zwischen den einzelnen Stationen, man schlief im Postgasthof. Die Schnell- oder Eilpost fuhr Tag und Nacht durch, mit Pferde und Fahrerwechseln. Und dann war da noch die Extrapost, eine Art Charter- oder Mietwagen. Die hatte das Privileg, sofort bedient zu werden. Wenn die ankam, mußte der Posthalter, ob er wollte oder nicht, sofort ein Wechselgespann anschirren.

Die Posthalter haßten die Extrapost, eben weil sie nicht angekündigt wurde. Sobald das Signal ertönte, brach in der Posthalterei Hektik aus, wirbelte den ganzen Tagesplan durcheinander. Soviel Unannehmlichkeiten kam den eiligen Reisegast dafür ziemlich teuer. Was die nicht störte, die es sich leisten konnten: Geheimrat Goethe absolvierte seine gesamte italienische Reise per Extrapost. Von wegen beschaulich...

So eilig hat es Andreas Nemitz nicht. Wohl aber die Idee, wenigstens einem Teil der verschlungenen Wege des Herrn Goethe zu folgen, eben die Strecke München-Verona mit der Postkutsche nachzufahren. Was im Zeitalter der Autobahnen und Europastraßen ungefähr so einfach ist, wie Hannibals Elefantentrip über die Alpen. Vier Tage dauert allein die Streckenplanung. Ende Oktober geht es dann wieder über Wallis, Simplon, Domodossola, den Lago Maggiore, Mailand, Bergamo und Peschiera nach Verona. 14 Tage lang, die Nächte in den feinsten Hotels an der Strecke, jeden Tag ein großes Abendessen mit bis zu 14 Gängen.

Der schwierigste Teil der Strecke ist die Alpenüberquerung. „Die Wege sind da nicht sehr breit, man muß schon sehr konzentriert fahren." Immer an der Wand lang, manchmal auf der anderen Seite ein paar Hundert Meter in die Tiefe. Da kneifen viele Passagiere beide Augen zu. Zu Recht: „Die Alpen fahren wir immer fünfspännig, drei Pferde voraus, zwei dahinter. Letztes Mal hat das in der Mitte gemeint, es müsse die beiden anderen beißen. Es hatte sich einen Infekt geholt, ein bißchen Fieber vielleicht und wollte die anderen wohl ein bißchen mitleiden lassen. Und das ausgerechnet auf diesem schmalen Weg. Da wird's einem schon a bisserl warm..."

„Ganz blaß ist er gwesen unterm Bart", weiß Gaby, die einzige Deutsche im Personal des Postkutschers Nemitz. Aus England kommen die anderen vier, „weil man dort bessere Pferdeleute kriegt. Dort ist das ein hochangesehener Beruf, in Deutschland findet man nur besoffene Stallburschen, die man keinem präsentieren kann. Schließlich sind wir mit unseren Gästen sehr eng zusammen, zum Teil bis zu 16 Stunden pro Tag."

Das Publikum ist international, kommt meist aus erfolgreicheren Schichten, zählt zwischen 35 und 65 Jahren und hat eben gewisse Ansprüche. Nicht nur ans Bildungsniveau der Mitarbeiter. Gaby ist nebenbei Parmaziestudentin, gerade fertig geworden und zwischen Praktikum und Doktorarbeit auf der Postkutsche unterwegs. Vor ein paar Jahren hat sie einen Fahrkurs beim Nemitz gemacht, ein paar Mal ausgeholfen und seitdem ständig mitgemacht. 24 ist sie heute, „sah aus wie 16, jetzt hat's an festen Freund, jetzt sieht man ihr das Alter ein bißchen an."

Der Chef grient über beide Backen und läßt die Peitsche knallen. Mit Volldampf klappern vier PS den steilen Waldweg hoch. Acht Mann von zwölfen haben alle Hände voll zu tun, die Zweige aus dem Weg zu drücken. Acht sitzen oben, vier im Inneren der Kutsche. Wenn's regnet, kommt das Ölzeug aus dem Kasten. Im Lederköcher stecken Regenschirme für den spontanen Guß. Nur wenn es länger gießt, wird's haarig. Dann sind vier trocken, acht pitschnaß, „die Italiener übellaunig, die Deutschen ärgerlich - nur Amerikaner nehmen alles ganz gelassen hin. Die brauchen abends nur ihr Zimmer mit Dusche und WC, dann sind die glücklich."

Psychologisches Gespür ist Geschäftsgrundlage. Bis zu zwölf Menschen unter abenteuerlichen Umständen auf kleinsten Raum zu packen und dann noch tagelang über Stock und Stein zu hoppeln, will erstmal gelernt sein.

Andreas Nemitz hat Erfahrung. Zwölf Jahre hat er als Kapitänleutnant zur See zivil und militärisch Stürmen getrotzt, sich dann zwölf Jahre industriellen Wind um die Ohren wehen lassen. „Mein Gott, ich war 'halt in der Rüstung und irgendwann einmal kann man nicht mehr nur Gefechtsköpfe optimieren, da muß man was anderes machen. Jetzt verdiene nur noch ein Viertel meines damaligen Salärs, hab' die doppelte Arbeitszeit und den dreifachen Spaß. So ist's mir lieber..."

40 bis 50 Kilometer schafft er pro Tag, gemächlich von Gasthof zu Gasthof, vom Starnberger See zu den Königsschlössern, von München nach Hohenschwangau, durch den Pfaffenwinkel und noch ein paar Routen, die Kutscher Nemitz mittlerweile wie seine Kutscherkiste kennt. Alles gut ausgebaute Wege, ganz im Gegensatz zur guten alten Zeit.

In Deutschland war eine Kutschfahrt ein Horrorunternehmen. Bis auf die großen Heerstraßen, die von der Reichsregierung angelegt worden waren, gab es nichts außer Sturzäckern und Geleisen auf der Wiese. Wenn da ein Loch war, fuhr man eben dran vorbei. Dadurch gerieten die Furten immer breiter und holpriger. In England hatte man dagegen ein exzellentes Postsystem: es gab ein ausgebautes Straßennetz, für jeden Weg wurde Maut verlangt, an den „Turnpikes", den Kreuzungen standen Wächter, die von allen kassierten, mit Ausnahme der offiziellen Postkuschen und Fußgängern. Alle zehn Meilen stand eine Pferdewechselstation. So waren Durchschnittsgeschwindigkeiten von 17 Stundenkilometern möglich, bergauf und bergab. Die Kutschen schafften 280 Kilometer am Tag, beispielsweise die Strecke London-Birmingham. In der Früh' und halbfünf los, abends um halbelf da. Der Pferdewechsel dauerte unter einer Minute für vier Pferde, bei 56 Sekunden lag der Rekord.

Der Postillion hatte keine Zeit zum Absteigen - er ließ sich nur die neuen Leinen hochwerfen und ab ging die Post! Zwischen 400 und 600 Pferden hatte eine Posthalterei an den Hauptlinien parat. An den Linien London-Bath oder London-Bristol waren die Ställe drei und vierstöckig gebaut, fast wie moderne Parkhäuser. Mit der dem Bau der Eisenbahn ging das alles sehr schnell zuende. So um 1850 entdeckte man das Kutschfahren kurz neu als eine Art Gentleman-Sport. Feine Herrenclubs bauten eine Anzahl Linien wieder auf, die dann als Freizeitbeschäftigung befahren wurden. Der Ehrgeiz der Herrschaften war, die Strecke und die fahrplanmäßige Zeit exakt zu halten.

„Das hat sicher Spaß gemacht!" Unter dem dichten Vollbart, 14 Jahre lang gepflegt, blitzt die Abenteuerlust. Kaum merklich spielt Andreas Nemitz mit den Zügeln, ein kurzer Ruck geht durch die Fuhre. Die Jungs da vorne haben sofort noch einen Gang hochgeschaltet. Mit schmetterndem Signal pustet Andreas die Touristenscharen vor der Wies-Kirchen auseinander. Mit Aaah und Ooooh teilt sich die Masse. Die da unten winken, die oben aalen sich. Postkutschenfahren ist schon was Besonderes. Und der Postkutscher wie der Mann aus einer anderen Welt.

„Dabei", erzählt er, „bin ich doch gar kein Echter. Auf der Königsstraße, da wo der Ludwig zwischen Neuschwanstein und Linderhof hin und hergejagt ist, da treffen wir am Sonntag manchmal einen alten Herrn. Der war 1921 Postillion, ist über 80 Jahre alt und fuhr die Linie Steingarten-Peiting, ein Waschechter also. Immer wenn der mich sieht, kriegt der feuchte Augen. Und immer wenn ich ihn sehe, blas ich ihm ein schönes Signal. Ich find dös so nett, daß es da einen gibt, dem man eine Freud' machen kann. Das berührt einen scho' irgendwie..."

Der alte Herr weiß dann die schönsten Geschichten. „Wir ham' früher blasen müssen. Manche habens' halt gar net können. Da hieß es üben, üben, üben." Oder die einschlägige Gerichtsakte aus dem Oberfränkischen: Da hat sich ein Pfarrer eines kleinen Städtchens über das miserable Blasen des Postillions beschwert und einen Brief an die Reichspostverwaltung geschrieben, das Blasen möchte doch unterbleiben. Denn just an der Pfarrei mußte der Postkutscher blasen, daß dem Pfarrer Hören und Beten verging. Über Jahre lief der Prozeß, zum Schluß bekam die Post Recht und der Pfarrer war wohl mittlerweile taub geworden...

Bei Weißwurscht und Brezn ist Zwischenstation an der Wieskirchen. Am Kutschen-Tisch ist Englisch Umgangssprache und der American-Way-of-Life mit bayrischen Wurstpellen konfrontiert. Andreas Nemitz gibt Schützenhilfe, pellt im Dreischlag, verteilt Brezeln und sinniert derweil ein bißchen über den Lauf der Welt: „Kein gutes Jahr diesmal. In elf Jahren gab's nur einen Unfall, abgesehen von kleinen Blechschäden. Aber dieses Jahr hab' ich ein Pferd verloren. Beim Einbiegen in den Hof ist es einfach ausgerutscht und hat sich das Bein gebrochen. Und dann hat mir einer auch noch den nagelneuen Wagen kaputtgefahren."

Daß er doch noch donnernd lachen kann, muß wohl am Seemann liegen, den bekanntlich nichts erschüttert. Lang hält der Ärger nie. Dafür macht ihm das Leben zu viel Spaß. Und manchmal macht er selber einen.

Wie den an jenem denkwürdigen Sonntagmorgen, vor der Wies-Kirchen. „Kaum angekommen, öffneten sich die Portale der Kirche, die Orgel schwoll an, der Hochzeitsmarsch ertönte und eine Hochzeitsgesellschaft kam heraus. Das wär ja noch nicht Ungewöhnliches, aber die Leute, die dabei waren, sahen für hiesige Verhältnisse doch recht merkwürdig aus. Erstmal trugen sie fast alle diese amerikanischen Smokings, die mit der Bauchbinde drumrum. Und dann sahen die alle aus, wie aus dem letzten Gangsterfilm - es fehlten nur noch die ausgebeulten Jackentaschen.

Und alle dachten, die Kutsche wäre für sie, oh how marvellous! Da hab' ich die Braut eben hereingelassen, wie der Bräutigam hereinwollte aber die Tür zugehauen und dann hui, auf und davon! Ich hab' fast einen alten Mann überfahren, den ich nicht rechtzeitig gesehen habe."

Ein paar Kilometer weiter hat der Andreas das Mädchen auf den Bock geholt, mit wehendem Schleier saß sie dann hoch oben und hat sich königlich gefreut. Eine Stunde später waren sie dann wieder zurück und der Andreas hat den verdutzten Jungs erkärt, daß in Bayern die Braut „verzogen", also entführt wird und dann wieder ausgelöst werden müßte. „Was das denn kosten würde?", wollten die verblüfften Herren wissen. Das hinge natürlich von der Schönheit der Braut ab, in diesem Falle ginge unter 2000 Dollar nichts.

Jetzt fielen die Mundwinkel vollends nach unten, aber schließlich erklärte man sich zur Zahlung bereit. Da hat der Postkutscher Andreas dann mit lautem Gelächter die Posse abgeblasen und den Rest des Tages bei Weißwurscht, Brezn und Bier verbracht. Bezahlt haben die begeisterten Brautführer. Und seitdem geht das Gerücht, daß manche frisch verheiratete Maid sonntags in der Wies-Kirchen sehnsüchtig auf das Signal zur Brautentführung wartet...


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