Kompliment
Lenz (03.11.2007) •••••1
Neulich, bei einem Fernsehinterview mit Gewerkschaftsführer Manfred Schell über den öffentlichen Nahverkehr, fiel mir gleich meine Canossa-Strecke Düsseldorf-Köln und zurück ein. Die DB ist nie pünktlich und das wird sie auch nimmer sein. Es gibt aber einen Trick, wie man die DB bis hinauf zu Herrn Hartmut Mehdorn austricksen kann: Fantasie und Zeit.
Nun hat die nicht jeder, aber als selbständiger Lebenskünstler ist beides unabdingbar. Mit Fantasie wird alles schöner und mit etwas Zeit einfacher. Fangen wir bei den Bahnhöfen, wo lange gewartet wird, an. Es gab mal einen Werbespot, wo Cindy Craword als feengleiche Erscheinung unter der verrußten Kuppel eines dieser Kulturdenkmäler gezeigt wurde. Nun weiß jeder, dass dies erstunken und erlogen ist; Cindy würde sich niemals in diese Niederungen öffentlichen Verkehrs begeben. Nehmen wir aber mal an, es wäre so. Glauben wir doch einfach daran. Plötzlich ist alles wunderbar, Bahnhöfe sind keine lästigen Wartehallen mehr, sondern mutieren zum Paradies für Entdecker. Mit etwas Zeit werden Sie dann viele faszinierende Menschen entdecken und Sie können sich immer einbilden, es wären Promis. Fixieren Sie ihren Blick und diese werden sich freuen. Jeder möchte gerne Promi sein.
Damit haben Sie das bisschen Zeit der Warterei doch gut investiert. Nun wartet man ja nicht nur im Hauptgebäude, sondern auch auf zugigen Gleisen. Aber Kinder, wir haben doch alle viel zu wenig Bewegung und Sauerstoff. Nehmen Sie einfach Ihre Aktentasche fest unter den Arm und schreiten Sie bedeutungsvoll die hundertfünfzig Meter ab, notfalls mehrmals. Falls es andere nicht glauben, gerade Sie müssen sicher sein, dass dieser Tag ein wichtiger in Ihrem Leben wird. Manchmal ist es ja auch so. Sie lernen einen Aufsichtsbeamten im Zug kennen.
Dieser Mann ist nur auf eines aus: Sie zu demütigen. Sie haben nämlich das Ticket vergessen. Nicht aus Unsozialität, sondern aus Dusligkeit. Respektive haben Sie geglaubt, das Ticket wäre in der Aktentasche. Ist es aber nicht, es liegt auf dem Küchentisch zu Hause. Nachlösen? Von wegen! Das geht im Nahverkehr nicht. Neuerdings oder schon länger. Sie sind ein gewöhnlicher Betrüger. In dieser Situation rettet Sie übrigens Ihre Fantasie nicht. Der Mann wird in der Regel sehr unangenehm, weil er von Kundenfreundlichkeit noch nichts gehört hat. Er pocht auf seinem Recht Sie zu verunglimpfen, vor allem wenn es ein Zwerg ist.
Nun bietet Ihnen die DB ja die Möglichkeit, sich über das Verhalten des Mannes, der nicht nur Sie, sondern auch eine schwangere Frau schäbig behandelt hat, zu beschweren. Das geht in jedem größeren Bahnhof in einem speziellen Büro. Dieses Büro muss sich im Bermuda-Dreieck der DB befinden. Alles, was Sie geltend machen, wird von netten Menschen entgegengenommen und verschwindet im Informationsstrudel. Wenden Sie sich auch nicht schriftlich an die DB, bezahlen Sie einfach Ihre Buße per Überweisungsträger. Aber auch das ist nicht schlimm, haben Sie doch wieder mal viel erlebt. Und das für ein Sümmchen, das nur unwesentlich höher ist als der Eintritt im Safaripark.
P.S. Falls sie Fotos zu diesem Beitrag finden sollten, die nicht rappelscharf sind, ist es Kunst. Nicht etwa die zittrige Hand beim vermeintlichen Entdecken von Cindy Craword. Bahnhöfe sind visuell langweilig, es sei denn, es ist Basel SBB. Ich verfremde deshalb gerne, um das Paradies zurückzubringen.
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