Kompliment
Lenz (11.11.2007)
Der Tag erwacht in dem idyllischen 30.355-Seelen-Örtchen am Bodensee. Der Hahn kräht und hat kaum Argloses im Sinn. Der Bäckerlehrling klopft die Mehlspuren seiner Hände vom drallen Rock der Bäckersfrau. Die Bildzeitung wird gebracht und die Milch auch. Manfred Schnell, der Kurbedürftige, räkelt sich wohlig im Bett und dreht sich nochmals um. Aaaah, da ist ja noch eine der Jungfrauen der Ortsgruppe Mönchengladbach, die ihm gestern diese kunstvoll bestickte Fahne gebracht haben. „Treu dem König - Treu im Dienst“, liest sich da. Ganz nach dem Geschmack des Ehrbaren, der immerhin Maschinenschlosser, auch Rohrbläser war und Kohle geschaufelt hat, bevor er mit Leib und Seele Lokführer wurde. Solch wehmütigen Gedanken sind schnell vergessen, denn man ist ja Beamter der Besoldungsgruppe A 9z und, obwohl noch schlaftrunken, im Hier und Jetzt. Süß liegt sie da, die Blonde, Unschuldige aus Mönchengladbach.
Etwa zur gleichen Zeit schlendert Hartmut Mehlhorn durch seine weitläufigen Berliner Privatgemächer. Etwas beduselt zwar, aber immerhin. Was war das für ein Abend, gestern, im Kreuzberger „Cochon Bourgeois“. Den Koch des französischen Feinschmeckerrestaurant mit Handschlag begrüßt, einen kleinen Scherz über seinen blessierten Finger gemacht und hie und da Honneurs verteilt. Aber jetzt findet der bullige Ex-Ruderer seine Krawatte nicht, nicht die richtige. Er, der Sohn eines Diplom-Ingenieurs und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und Kommandeur der Französischen Ehrenlegion. „Tant pis“, denkt er sich und denkt an Toulouse, an seine Zeit bei Airbus S.A.S. Was war das schön, ein Cassoulet mit einer richtig fetten Kruste, das zwei Tage geköchelt hat. Großartig, und nun das. Das Rumalbern mit diesem Verrückten der GDL, mit seinen 29 Vollzeitbeschäftigten. Dem Unheilvollen, der auch noch als einziger CDU-Bundestagsabgeordneter gegen die Bahnreform gestimmt hat. Ein Wirrkopf, den selbst Karl-Peter Naumann von der ProBahn nicht ernst nimmt. Aber sei´s drum, der Tag ist jung und wer von Gerhard Schröder ins Amt gehievt wurde, der kann nicht ohne sein.
Etwas später am Tage und woanders richten eifrige Kellner im Tagungsraum eines Frankfurter Hotels die Tische. Ihre Anzüge riechen etwas nach kaltem Schweiß und abgestandenem Rauch. Wie die Uniformen der Bundesligaklubspieler. Hoher Besuch ist angesagt und es geht wieder einmal um alles oder nichts. Der eine Italiener weiß, was Streik ist, sciopero. In Italien wird immer und überall ein wenig gestreikt. Der einzige Bulgare nicht. Beim Zwist geht es nicht um die persönlichen Belange der hohen Herrschaften und Kontrahenten. Es geht nicht um die tarifgerechte Bezahlung von Manfred. Der ist ja bald in Rente und etwas vorsorgliche Erhöhung könnte nur gut sein. Es geht auch nicht um die 3,184 Mio. jährlichen Vorstandsbezüge von Hartmut, die vielleicht ein wenig knapp bemessen sind. Der will ja an die Börse und wer traut schon einem unterglobalisiert bezahlten Manager. Geht es um den Kampf von David gegen Goliath? Dem Kampf der Gewerkschaft der Lokführer mit dem Moloch DB als solchem? Nein, auch, aber im Grunde genommen geht es um den einfachen Menschen. Es geht um den ordinären kleinen Lokführer, der in Wechselschichten und mindestens zweimal im Monat am Wochenende arbeiten muss. Und der inklusive aller Zulagen 1.800 bis 1.900 Euro als Monatsnetto hat. Da hat einer bei BMW in Leipzig schon 2.500 Euro. Die Sonne blitzt in einem der verspiegelten Fenster der Bürotürme der Mainmetropole. Es ist ein schöner Tag.
Manfred Schnell, der rasende Lokomotiv-Betriebsinspektor mit Gefolge, trifft am Tagungsort in der Lobby ein. Er ist pünktlich und hat die Kleine mitgebracht. Er, der Autonarr, ist mit dem Flitzer gekommen und die Unschuldige aus Mönchengladbach soll mal sehen, was ne Harke ist. Die Kellner ducken sich. Sie haben gehört, dass Anne Will damals in ihrer Sendung „Chaos auf der Schiene: Streitfall Bahn“ Schnell nicht eingeladen hat. Vorsorglich, Mehlhorn schon. Manfred hat sich vorgenommen, kein Deut zu weichen und sein Bluthochdruck ist auf 220. Viel zu hoch für einen Rekonvaleszenten. Aber er kennt das Spiel Manfred gegen den Rest der Welt. Die Eisenbahngewerkschaft Transnet mit ihrem Chef Norbert Hansen, der Manfred nicht besonders schätzt, hat eine Viertelmillion Mitglieder und die GDL nur 34.000 Einzelkämpfer. Die DB viele hundert Angestellte allein in ihrem Headquarter in Berlin, darunter auch nervige Juristen. So long.
Hartmut Mehlhorn ist unpünktlich. Er ist mit dem Sonderzug der Ehrenlegion gekommen und allein. Aber er trägt die Aura einer frankophilen Diva, außerdem nun die richtige Krawatte. Brigitte Anne-Marie Bardot trug in „Und ewig lockt das Weib“ ja auch nur ein Tröpfchen Parfüm, also weniger. Schnell knurrt ob der Unpünktlichkeit zufrieden. Er hat immer noch Freunde beim Stellwerk landauf und landab und dieses Malheur des aufgeblasenen Bonzen gibt ihm im Kampf um einen eigenen Tarifvertrag einen Wettbewerbsvorteil. Rein optisch. „Na, bist du auf Krawall gebürstet?“, scherzt Hartmut anzüglich. „Aber nicht doch, mein Lieber“, flötet Manfred. Über den Rest des Tages breiten wir den Mantel der Geschichte. Es ist so wie bei Kapitalverbrechen, da werden die Türen des Hohen Gerichts auch geschlossen.
Spielen die Beiden Skat? Ab und zu hören die gelangweilten Kellner mit den schuppigen Revers nervöses Lachen. Doch einmal wird Kaffee reingebracht, Stilles Wasser, leckere Häppchen. Geht es tatsächlich um die 2.500 Euro Eingangsgehalt für Lokführer? Um die 2.180 Euro Anfangsvergütung für Zugbegleiter? Um die 40 statt 41 Stunden? Um den eigenen Tarifvertrag? Irrsinn, und das wird ewig so weiter gehen. Tag für Tag und Woche für Woche. Und was machen wir? Wir stehen im Regen auf zugigen Bahnsteigen und warten. Warten bis zum Jüngsten Tag. Mit etwas Glück mit einem Pappbecher Kaffee und einem Croissant. Spendiert von der DB.
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