Kompliment
Lenz (23.11.2007)
Wandern am Rhein ist wunderschön und statt wandern können Sie nachfolgend beschriebenes Terrain auch zum Spaziergang, Rad fahren, Skating oder zum Hunde ausführen nutzen. Das ist mir egal. Sie müssen wissen, wie Sie Ihre kärgliche Freizeit verbringen wollen. Ich schlage vor, wir beginnen bei der Oberkasseler Brücke am linksrheinischen Ufer, auf der Oberkasseler Seite.
Oberkassel ist schon etwas sonderbar, gehörte der Stadtteil doch erst richtig zu Düsseldorf, nachdem im November 1898 die erste Brücke, die Oberkasseler Brücke, geschlagen wurde. Davor wollten die auf der „angere Sitt“ nichts mit den ordinären Düsseldorfern zu tun haben. Die feste Verbindung installierte ein eigens gegründetes Konsortium; aber lange bevor der Künstler Anatol unseren berühmten Joseph Beuys mit seinem Einbaum von der Düsseldorfer Kunstakademie nach Oberkassel über den Rhein gerudert hat. Beuys wohnte nämlich in Oberkassel, wie Gotthard Graubner, Günther Uecker und Jörg Wiele. Heute hausen in Oberkassel vorwiegend Japaner und Werber, und davon werden Sie unterwegs bestimmt den einen oder anderen treffen. Auch die haben frische Luft nötig.
Nun könnte man rheinaufwärts wandern. Das ist landschaftlich zwar schön aber nicht absolut schön. Außerdem ist das meine Jogging-Strecke, bis zum Heerdter Krankenhaus. Da könnten Fachärzte meine Euphorie behandeln, falls ich mal zuviel Endorphine ausschütten sollte. Also wandern wir rheinabwärts bis zum Clubhaus der DLRG, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft in Düsseldorf Lörick, am Niederkasseler Deich 295. Ich verspreche Ihnen, Sie werden entzückt sein.
Es gibt zwei Wegesstrecken, die obere an den schönen Häusern des Kaiser-Friedrich-Rings vorbei und die untere am Rhein. Wir nehmen erst die obere und kommen auf den Rheinwiesen in der Dämmerung zurück. Links liegen die Häuser der manchmal gar nicht so Schönen aber unverschämt Reichen. Sie kennen das, Briefkästen und Klingelschilder ohne Namensangabe. Rechts von dem für Fußgänger und Radfahrer säuberlich geteilten Alleeweg liegen die Schrebergärten, etwas tiefer. Das sind die mit den Häuschen, die bei Hochwasser lustig im Brackwasser schwimmen, wenn die in Köln schon längst ihre Kneipen der Altstadt mit Sandsäcken bewehren müssen. Der Rhein bei Düsseldorf hat nämlich genug freie Flächen, auf die das Schmelz- oder Regenwasser ausweichen kann wenn es mal übertreibt. Zumindest linksrheinisch. Nun blitzt die Sonne durch das Dach der schönen Platanen und die Blumenverkäuferin lächelt gewinnend. Es gibt an diesem Teil der Strecke zumindest an Wochenenden Obst- und Blumenverkäuferinnen. Auch Polizisten mit Funkgeräten und Kameras, die die Kassen auffüllen wollen. Das Leben ist doch schön. Nun wollen wir aber aus lauter Lebenslust nicht gleich nach Niederkassel einschwenken, in die Kneipen, dem Meuser etwa. Dafür ist es noch zu früh.
Weiter unten, unter der Theodor-Heuss-Brücke, bleiben wir kurz stehen. Unter der mächtigen Stahlkonstruktion hört sich der Autoverkehr wie mächtiges Rauschen an und das ist sensationell, zumindest für Kinder. Aber schon winkt der Eismann: Vanille, Schokolade, Pfirsich oder Cassata? Oder ein Gemischtes? Also doch Lebenslust, aber mit der Qual der Wahl. Danach kommen wir auf den Dammweg, der zum Schwimmbad Lörick führt. Schön ist das im Sommer, wenn Sie mit beinahe geschlossenen Augen daherradeln und den Geruch von frisch gemähtem Gras tief einatmen. Aber auch jetzt, im Herbst, ist der Weg eine Strecke der Lüste. Er ist beidseitig von mächtigen Pappeln bestanden und diese werfen ihre Schatten sachte aber bestimmt auf die freien Flächen zum Rhein hin. Hätten wir jetzt einige Stündchen Zeit, würden sie wandern wie die Schatten einer Sonnenuhr und uns an das Vergängliche erinnern.
Das Schwimmbad Lörick macht Pause und das angenehme Jauchzen der Kinder und das komische Balzen der Jungs mit den Tigerbadehosen existiert nur in Ihrer Fantasie. Es liegt einsam und verlassen da. Die Liegeflächen um den toten Rheinarm herum werden von Wasservögeln okkupiert, auch die, die von den Anhängern der Freikörperkultur bevorzugt werden. Die Bassins sind zwar mit Wasser gefüllt und wirken durch das Blau des Anstrichs einladend. Ein kurzes Bad ist aber nicht empfehlenswert, es sei denn Sie mögen Frostschutzmittel. Leider hat auch das Restaurant zu. Die Sonnenschirme stehen einsam da und bereiten sich auf den Winter vor, das Kneipenschild ist schon beinahe von prächtigen Hecken überwuchert. Langsam stellt sich der Notstand ein. Gott sei Dank gibt es die DLRG weiter rheinabwärts. Die haben ein Clubhaus mit Restauration, am Yachthafen Lörick. Es hätte noch den Yachtclub gegeben, aber an den habe ich unbestimmte Erinnerungen, weil die Party damals wohl etwas zu wild war.
Zurück geht es auf einer kleine Brücke über den toten Rheinarm zum Rhein hin. Und nun wird es wilder, romantischer, noch schöner. Wir sind in einem beinahe ursprünglichen Gebiet mit immens hohen Bäumen, Dickicht und fensterartigen Ausblicken auf unseren schönen Vater Rhein. Die Landspitze, auf der wir uns nun befinden, ist das Refugium einsamer Poeten. Auch Leseratten sitzen auf den vom Sturm gefällten Baumriesen. Auf der anderen Seite des Flusses müsste der Flughafen liegen, denn ab und zu sieht man einen Kranich durch die Baumkronen blitzen. Angler haben hier ihr Quartier, Liebespaare, Familien mit quicklebendigen Kindern. Und natürliche Hunde, die von den vielen animalischen Gerüchen total euphorisiert sind, Haken schlagen, Stöckchen aus dem Wasser apportieren, ihr nasses Fell ausschütteln. Es geht heimwärts, auf der Rheinseite des Schwimmbades vorbei zur Theodor-Heuss-Brücke. Der asphaltierte Weg ist schmal und die kräftigen Baumwurzeln haben hie und da den Belag hochgehoben. Kurz danach sind wir an einem Minigolfclub angelangt. Mir ist unklar, warum der immer so gut besucht ist. Schütten die da irgendwas in die Cola? Ist die Bratwurst so toll? Oder gar das harmlose Spiel mit den Törchen? Ich glaube kaum, es ist der Tick vieler Zeitgenossen, immer ein Ausflugsziel haben zu müssen.
Wir laufen einfach weiter, denn jetzt kommen die Bolzplätze. Die sind immer gut besucht, vor allem nach Spielen der Deutschen Märchenelf. Oder der Quadra Azzura. Oder der türkischen Nationalelf. Das Spiel ist unkompliziert. Es gibt zwar zwei rostige Tore, aber mit Steinen beschwerte Plastiktüten hätten es auch getan. Da es keine Spielfeldbegrenzungen gibt, gibt es somit auch keinen Einwurf. Aber ansonsten ist alles tierisch ernst. Nicht so bei den mit bunten Drachen spielenden Kindern, denen wir weiter rheinaufwärts begegnen. Da genügt ein kleiner Windhauch und sie sind im Siebten Himmel, die Drachen, meine ich.
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