Mein Lieblingsplatz Zu Guides hinzufügen Als E-mail versenden

Premium Anzeige

Rating_0
2 Beiträge

Top Empfehlung:

Agriturismo Marciano

St. della Befana 5, 53100 Siena

Einzigartiges Ferienerlebnis in charmanter Lodge vor den Toren Siennas. Geniessen Sie Ruhe, Weite und gutes Essen in unmittelbarer Stadtnähe.

Lade ein Foto zu diesem Platz hoch

Kompliment hotzenplotz (06.12.2007) 5

Ich bin eher zufällig an Venedig geraten. Wollte 1984 in die große Welt des Kochens und die hieß für mich damals Italien.
Bin los, erste Station war Venedig, da war gerade Karneval.
Ich schrieb davon, war nett. Bin dann von Mailand über Bergamo, Bologna und Rom bis nach Neapel und Sizilien gefahren, immer auf der Suche nach Arbeit.
Irgendwann war das Geld alle und meine letzte Stadt vor der Kapitulation war wieder diese.
Am Bahnhof angekommen nahm ich mir ein Schließfach und ging wie stets auf die Suche nach einer Buchhandlung. Guide Michelin mit geheucheltem Kaufinteresse durchgeblättert, heimlich die ersten fünf Adressen des Ortes notiert und zur nächsten Zelle.
Meist kam der Verweis auf das Personalbüro und dann die Bitte um Zusendung der Unterlagen, soviel Zeit wollte ich aber nicht haben.
Hier nun waren die ersten 100 Lire gut investiert, man fragte, wo ich gerade sei und eine halbe Stunde später kam Kollege Cinque mit dem Firmenkahn, mich abzuholen.
Toller Empfang, eine Freifahrt einmal durch den ganzen Canale Grande bis zum Markusplatz direkt vor das Restaurant. Eigener Anleger.
Vor Harrys Bar haben wohl schon viele Venedigbesucher gestanden, ohne es zu wissen. Das Lokal befindet sich an der Vaporettohaltestelle San Marco. Wenn man vom Platz ans Wasser geht und dann noch zweihundert Meter bis zum Eingang des Canale Grande. Da.
Mein Vorstellungsgespräch war kurz und erfolgreich, man brauchte Köche, ich war drin.
Arrigo Cipriani, der Boss, hatte damals gerade zwei neue Lokale in Treviso und noch woanders aufgemacht, dafür hatte man wichtige Leute abziehen müssen. Ich habe ein Jahr hier verbracht.
Harrys Bar entstand Anfang der dreißiger Jahre, der Gründer, der Vater des Obengenannten, war Kellner in einem großen Hotel und dieser Amerikaner namens Harry lieh ihm das Geld zur Gründung seines eigenen Ladens. Da hat er dann nicht nur das Lokal, sondern auch gleich noch den Sohnemann nach dem edlen Spender benannt.
Das Restaurant ist eng und klein. Es fühlt sich an wie auf einem Schiff, Wände getäfelt mit Tropenholz und komische Lämpchen. Wie aus einem James Bond Film.
Die Tische sind eng nebeneinander, der Service kommt kaum vorbei. Die Bar ist nicht sehr groß, da passen nicht ganz zehn Leute dran. Warum zahlt man hier das Doppelte des ortsüblichen Kurses zu nicht idealen Bedingungen?
Ernest Hemingway ist schuld. Er liebte Venedig und dies war wohl sein Lieblingsplatz, wenn er gerade nicht Enten jagte oder schrieb. Deshalb trinken hier alle Martinis. Der Barchef macht sie in einem riesigen Rührglas und füllt immer fünfzehn Stück auf einmal in Gläser ohne Stiel ab. Die sind schnell verkauft.
Kostet ein Vermögen. Alles hier ist teuer. Aber wer den Kaffee im Florian auf San Marco für 15 Euro inklusive Musik ohne Infarkt überlebt hat, der könnte hier zumindest mal einen Apero nehmen. Damals hatten sie zwei Sterne vom Michelin, weiß nicht, wie es heute ist.
Der Service ist exzellent, alles stimmt und ist trotzdem lebendig. Die Kellner tragen weiße Jacken mit goldenen Knöpfen. Das Essen ist sehr einfach und regional, man sollte nichts Neues erwarten, nichts Ausgefallenes, keine Schnörkel.
Die Produkte sind erstklassig, die Zubereitungen traditionell venezianisch und in großer Güte ausgeführt. Eingespielt. Auf den Punkt. Polenta und Risotto kocht man hier.
Wir sind im Veneto. Riso amaro.
Hier wurden der Bellini und der Tiziano erfunden.
Ebenso hier aß man übrigens das erste Carpaccio, das aus einem gut geputzten Rinderfilet geschnitten und flachgestrichen wird, nicht eingefroren auf der Maschine, wie meist.
Man serviert es hier mit einer Sauce auf Mayonnaisenbasis die künstlerisch leger drübergeplempert wird.
Und hier ergreife ich meine Chance, mit dem Vorurteil aufzuräumen, Carpaccio hätte etwas mit Carne, Fleisch zu tun, weswegen man auf Speisekarten gelegentlich Gerichte namens Pescaccio, also Fisch - Carpaccio oder neulich Verdaccio, aus Gemüse findet.
Alles Quatsch, das kommt von Vittore C., so wie die Namensgeber obengenannter Getränke mit Ausnahme des Martinis allesamt venezianische Maler aus dem 15. Jahrhundert.

Ich bin nicht sicher, ob ich jedem zu einem Besuch dieses Lokals raten möchte. Man sollte jemand sein, der gastronomische Plätze in ihrer Patina und ihrer Geschichtsträchtigkeit schätzt, so wie man einen Tempel oder eine Ruine betritt und spürt, was hier einmal war.
So ein Platz ist das. Ernest sitzt irgendwo in der Ecke, betrinkt sich und raucht.
Trotz Rauchverbots.


Stichworte

Kommentare (20) Bedenklicher Inhalt?

Schreibe einen Beitrag zu „Harrys Bar”

  • Deine Wertung:
  • Wieviele Sterne?
Stichworte
Beliebte Stichworte: behindertenungerecht

Youtube Video hinzufügen

Schreib einfach so, als würdest Du mit deinem besten Freund sprechen.
Bitte keinen Spam, keine Internetseiten, keine Eigenwerbung und keine Privatpersonen kommentieren.
Hier geht es zu unserem Verhaltenskodex.

Verzeichnis: # A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Diese Seite aufUser_language_en_icn EnglischUser_language_fr_icn Französisch ansehen