Deutsches Archäologisches Institut – Göbekli Tepe, Berlin

Adresse: Podbielskiallee 69-71, Orient-Abteilung, 14195 Berlin

Tel: +49 1888 7711-110

Website: www.dainst.org/index_642_de.html

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Lenz

Kompliment Lenz (08.12.2007) •••••

Das Deutsche Archäologische Institut ist eine wunderbare Einrichtung und ganz dazu da, den Ruf deutscher Forschung in der Welt, aber auch in der Geschichte der Archäologie lange nach Schliemann zu festigen. Nicht nur die Orient-Abteilung führt Ausgrabungen, Expeditionen und andere Projekte vor allem im Ausland durch. Da, meiner bescheidenen Meinung nach, ein ganz besonderes, in Göbekli Tepe, in Südanatolien, in der Türkei.

Der Ortsname, der sich für sprachunkundige Banausen wie eine Dönervariante anhört, steht für eine Sensation in der prähistorischen Archäologie. Die Kunde von diesem schlichten Ort drang zwar schon 1963 ans Ohr der Wissenschaft, nach türkisch-amerikanischen Geländeerkundungen; größere Bedeutung beigemessen wurde den spröden Hügelflanken allerdings nicht. Dass Südanatolien etwas ganz Besonderes in der Geschichte des Fortschritts der Menschheit sein muss, wird nun immer klarer. Seit der Out-of-Africa-Hypothese – ich hatte davon anlässlich meiner Neanderthal-Erörterungen berichtet – lässt sich nicht mehr bestreiten, dass der moderne Mensch, der Homo sapiens, auf seiner langen Reise zur scheinbaren Vollkommenheit durch Südanatolien gewandert ist. Und in diesem Labor Kleinasiens geschah etwas ganz Entscheidendes in der Menschwerdung. Das Puzzle der Urgeschichte fügt sich also schon prächtig zusammen.

Aber Hand aufs Herz, wären die fantastischen Zeugnisse dieser neolithischen Revolution von Göbekli Tepe nicht wie aus dem Nichts aus dem trockenen Boden Anatoliens aufgetaucht, und mit ihnen Prof. Dr. phil. Klaus Schmidt mit seinem ArchaeNova-Projekt, würden wir Schulkinder immer noch glauben, den Kick zur Moderne hätten wir in Palästina oder Mesopotamien gekriegt. Das biblische Jericho und die fruchtbaren Flusstäler von Jordan, Tigris und Euphrat galten bis anhin als Platz für die ersten ernstzunehmenden Großsiedlungen der Menschheit. Dem ist nun nicht so und das ist toll. Vor allem weil durch die Ausgrabungen ein Dogma erschüttert wird. Man glaubte nämlich, dass aus Jägern und Sammlern Landwirte wurden, diese Getreide anbauten und Tiere züchteten und folgerichtig Häuser bauten. Nichts gegen Landwirte, aber da liegen wir falsch. Der 11.000 (!) Jahre alte Siedlungshügel birgt nämlich keine Villen mit Pool, sondern kultische Einrichtungen. Stein war wohl nur den Göttern und dem Jenseits vorbehalten.

Das mit den Göttern in Göbekli Tepe ist auch so eine Geschichte, wir wissen nichts über sie. Die Götter waren wohl namenlos und es gibt Vermutungen, dass es scheinbar gar keine Götter in modernem Sinne gab. Wikipedia schreibt zum Ausgrabungsort: „Der Entdecker Klaus Schmidt stellt Überlegungen zu der Glaubenswelt dieser frühen Gruppen anhand von Vergleichen mit anderen Kult- und Fundplätzen an. Er geht von schamanischen Praktiken aus und hält die T-Pfeiler für die Verkörperung mythischer Wesen, vielleicht von Ahnen; während sich ein ausgeprägter Götterglaube vermutlich erst in Mesopotamien, verbunden mit großen Tempelanlagen und Palästen, herausbildete. Dazu passt gut die Überlieferung der Sumerer an den alten Glauben, der Ackerbau, sowie Viehzucht und Webkunst seien von dem heiligen Berg Du-Ku zu den Menschen gebracht worden. Dort lebten die Anunna-Götter. Sie waren Götter aus einer sehr alten Zeit ohne individuelle Namen. Für Klaus Schmidt ist es eine schöne Vorstellung, dass dieser Ur-Mythos im alten Orient die Erinnerung an das Neolithikum auf diese Weise bewahrt hat.“

Es ist so wie immer, wenn man im Urbrei der Menschheitsgeschichte rumrührt, nichts ist sicher. Bevor ich mich irre, lasse ich lieber Wikipedia dies tun; daher das schöne Zitat. Aber da schon von T-Pfeilern die Rede war, können wir ruhig etwas handfest werden: Die monumentalen, megalithischen Kreisanlagen unter dem Hügel, auf dem bis anhin Bauern werkelten, bergen tonnenschwere monolithische Pfeiler, die kreisförmig angeordnet sind. Stonehenge lässt grüßen, nur zirka 7.000 Jahre später. In dieser Schicht III in Göbekli Tepe - es gibt mehrere und Schicht III ist nach Radiokarbonmethode die bisher älteste von 9000 v. Chr. - sind die Pfeiler mit grob geschichteten Steinen zu einem kreisförmigen Bau verbunden. Sie werden es nicht glauben, es gibt auch einen Terrazzoboden. Was darauf genau stattfand, ist unbekannt. Bisher wurden vier solcher Gebäude mit Durchmessern zwischen 10 und 30 Metern entdeckt. Geophysikalische Untersuchungen lassen aber noch 16 weitere Anlagen vermuten. Es gibt also noch viel zu tun unter der brennenden Sonne Anatoliens, zumal die kultischen Anlagen planmäßig mit 300 bis 500 Quadratmetern Erde zugeschüttet wurden. Das war 7500 v. Chr. und warum dies geschah, entzieht sich unserer Neugierde. Das ist aber auch gut so, denn durch die Zuschüttung sind Fundstücke exquisit erhalten.

Aufregend sind die Steinmetzarbeiten an den Stelen. Aufregend auch deshalb, weil bis dahin wahrscheinlich höchstens Faustkeile behauen wurden. Es gab selbstredend keine metallurgischen Werkzeuge. Wir finden aber großformatige Reliefs von wilden Tieren wie Löwen und Stiere, von Keilern, Füchsen, Gazellen, Vögel und Schlangen. Großartig. Waren die zuvor erwähnten T-Pfeiler stilisierte Großväter, wie Klaus Schmidt vermutet, oder doch Götterfiguren? Die Tierreliefs und abstrakten Symbole – auch die gibt es – heilige Zeichen? Wir wissen es nicht wirklich, aber Keiler und Füchse waren anscheinend die Lieblingsfiguren der akeramischen Menschen aus Göbekli Tepe. Sie kommen häufig vor. Und akeramisch darum, weil auch die Kunst des Töpferns zu der Zeit noch nicht bekannt war. Wie auch immer, die Reliefs eröffnen den Blick auf eine Bildersprache, deren Ausdeutung zusammen mit der Gesamtbewertung der Befunde noch manch kontroversen Gelehrtendiskurs nähren wird. Ist nicht schon diese Formulierung spannend? Vermutlich besteht die Sensation der Entdeckung von Göbekli Tepe wohl darin, dass Menschen etwas geschaffen haben, was es bis anhin nicht gab; Bauwerke, die für die Ewigkeit gedacht waren. Kein Mensch hatte zuvor Steine zu kultischen Zwecken aufgerichtet, bis zu 50 Tonnen schwer, mit bis zu geschätzten 500 Mannen. Und danach lange Zeit auch nicht mehr. Bis zu den bekannten Hochkulturen wurden die Menschen zwar sesshaft, begnügten sich aber mit nicht mystischer, nur die Scholle kultivierender Beschäftigung. Kultgebäude wurden ihnen fremd.

Eine fantasievolle Idee am Rande ist übrigens die Vermutung, dass der Mythos der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies mit dem Ende der unbeschwerten und lustvollen Wanderschaft als Jäger und Sammler hin zum sesshaften und drögen Bauernleben zu tun hat. Aber das ist mir jetzt doch allzuviel des Guten.

P. S. Der Bildanhang ist leider etwas dürftig, da das Material aus Prospektchen zusammengeklaubt wurde. Sorry.

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