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Lenz

Kompliment Lenz (14.12.2007) •••••

Das Evangelische Krankenhaus in Düsseldorf, oder kurz EVK genannt, ist eine der sympathischsten Krankenherbergen in der Landeshauptstadt. Natürlich gibt es noch das St. Vinzenz Krankenhaus, das Marien-Hospital, das St. Martinus-Krankenhaus, das Universitätsklinikum und das Dominikus Krankenhaus. Aber die liegen mir nicht so sehr am Herzen. Auf der Website schreibt das EVK von sich: „Mit ihrem Bestreben, Menschen zu helfen, zu heilen und in allen Lebenslagen beizustehen, steht die einst durch Düsseldorfer Bürger ins Leben gerufene Stiftung Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf seit nunmehr über 150 Jahren im Dienste des Menschen. Was klein und bescheiden begann, hat sich zu einem der größten und modernsten Krankenhäuser entwickelt, die unsere Landeshauptstadt heute aufweisen kann. Allein im Krankenhaus selbst werden jährlich mehr als 22.000 Patienten medizinisch versorgt, weitere 25.000 Menschen in den verschiedenen Ambulanzen behandelt.“

Nun wurde ich da nicht am lebenswichtigsten Organ behandelt, auch wenn ich oben das Herz erwähnt hatte. Nein, nein. Es war viel harmloser. Ich habe wieder mal vorgelesen. Aus dem Wintermärchen „Schokobär und Marzihäschen“, das mein Düsseldorfer Freund Axel Dahm geschrieben hat. Der ist aber weit weg und von meinem Büro aus ist es nur ein Katzensprung mit den Schoko- und Marzitierchen in die Kinderabteilung des EVK. Und das Vorlesen ist Bestandteil unseres Konzepts, etwas Abwechslung in die vorweihnachtliche Klinik-Zeit zu bringen. Also war ich pünktlich im EVK.

An diesem grauen Dezembertag schien das Drehbuch für das, was nun folgte, ein höchst skurriler Autor geschrieben zu haben. Ich machte es mir gedanklich im schönen Spielzimmer der Kinderstation bequem und freute mich auf eine intime Vorleserunde. Dass lustige Weihnachtsengel an der Decke des Zimmers lächelten, störte nicht. Im Gegenteil, ich hätte bei Pannen in meiner Vorlesekunst schnell ablenken können. Ganz einfach mit dem Satz: „Schaut mal Kinder, der eine Engel hat eine Fresse gezogen“. Dann buhlte ich vorsorglich um die Gunst einer kleinen Prinzessin aus einem fernen Land. Einige der kleinen Patienten waren schon anwesend und Verbündete zu haben konnte nicht schaden. Als die Oberschwester dann sagte: „Los Kinder, wir gehen runter in die Kapelle“, ahnte ich nichts Schlimmes. Bei vielen großen Unternehmen sagt man ja auch „Casino“ und meint „Kantine“.

Wollen Sie wissen, was die Kapelle war? Es war eine Kapelle und die war zwei Stockwerke hoch und für mindestens hundertfünfzig Personen gebaut. Eingefügt in die Etagen des modernen Krankenhausbaues. Mit Kirchenfenstern und allem Drum und Dran. Und eine Art Altar war auch da. Da die Gemeine ungeduldig wartete, blieb mit nichts anderes übrig als mich vor den Altar zu setzen. Oh Gott, jetzt bewunderte ich meinen Dorfpfarrer. Die Situation war nicht angenehm, denn Geistlicher wollte ich nie werden. Die Stimme meines Dorfpfarrers nachahmend fing ich an: „Es war einmal“. Die kleine Prinzessin aus dem fernen Land schaute in die entfernteste Ecke des Gotteshauses und ich folgte ihrem Blick auf der Suche nach rettenden Engeln. Ein kleiner Muslim aus Anatolien fragte: „Ist das eine Kirche?“ und die Oberschwester versank in friedliche Melancholie. Es war so unglaublich, dass ich eine Seite gleich zweimal vorgelesen habe. Aber das auch nur, weil ich als hilfreichen und ablenkenden Einschub einen Goldtaler in Euro umrechnen wollte. Und dann in Schweizer Franken. Und dadurch verwirrt war. Als endlich der zögerliche Applaus erschallte, dachte ich „Amen“. Aber schön war es doch. Und ich fühlte mich danach wie neu geboren.

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