Kompliment
Lenz (18.01.2008)
Bevor die Uhren auf Sommerzeit umgestellt werden und man eine Stunde kürzer schlafen kann, will ich doch noch etwas nachreichen: meinen Eindruck einer Werkschau Zürcher Kunstschaffenden anlässlich der Weihnachtsausstellung im schönen Toni Areal. „In Zürich West, wo die Toni-Molkerei einst Milchflaschen abfüllte, blüht und wuchert die freie Kunst. Jeder kann mitmachen“, tönte es offiziell. An diesem Jahreswechsel waren es 571 Zürcherinnen und Zürcher, respektive Menschen, die seit mindestens zwei Jahren am Ort ansässig sind. Der kulturblog.ch meinte dazu, dass man sich die meisten Werke höchstens im Flur eines Kirchgemeindehauses vorstellen könnte und dass das ähnlich wie bei Blogs wäre. Das „Jekami-Prinzip“ wäre aber deswegen nicht schlecht, weil Blogs ja auch nicht schlecht wären, nur weil die meisten von ihnen nicht der Rede wert sind. In Zürich ist es also so wie in Düsseldorf oder Hamburg an Weihnachten. Oder an der Weihnachtsaustellung in Berlin, Frankfurt oder München. Grauenhaft aber schön.
So blühte und wucherte sie nun, die freie Kunst. Auf 5.700 Quadratmetern oder in rund 400 Einzelkojen. Mit Malerei, Skulptur, Installationen, Grafik, Zeichnungen, Video- oder Computerkunst. 78 Prozent des Verkaufspreises gehörte dann den Kunstschaffenden. Da diese nur 150 Franken für die Miete der Koje bezahlen müssten, wäre das für die Stadt ein schlechtes Geschäft, meinte der Herr Wagner vom Zürcher Präsidialdepartement. Viele rote Punkte habe ich aber dieses Jahr nicht gesehen und ich war versucht, scherzhaft einige anzubringen. Die von tesa oder Scotch. Da hätte ich mich aber über die Demokratie lustig gemacht und das liegt mir fern. Es gab ja auch bemerkenswerte Exponate und die haben nicht nur mir gefallen.
Etwa eine fantastische Installation einer Tätowierstube, in der man sich auch tätowieren lassen konnte. Allerdings nicht dauerhaft und das zeugte vom Humor oder sogar Unhumor des Künstlers. Oder die 100 Franken-Scheine in schönen Rahmen zu 100 Franken, allerdings ohne Rahmen. Oder die in altmeisterlicher Manier hergestellten Bilder des „Entdeckers der Anderen Welt“, die vom Zürcher Stadtschreck Gigi. Oder die wundervollen Holzskulpturen in beachtlicher und bedrohlicher Größe von einem mir unbekannten Bildhauer. Von dem dämlichen Moschino-Scherz mit den 100 Franken mal abgesehen waren es immer Kunstwerke von großem handwerklichem Geschick und halt eben besonderem Geist. Kunst kommt von Können, so banal ist das.
Jetzt muss ich aber ganz undemokratisch eine einzelne Künstlerin herausstellen und ich bin mir sicher, dass sie ihren Weg machen wird: Andrea Muheim. Diese Frau ist mir völlig unbekannt und ihre Koje war sensationell. Unspektakulär, still und leise waren ihre Gemälde, Zeichnungen und Stickereien. Ja, Stickereien. Für einen, der beim Kreuzstich immer an eine Köstlichkeit aus der Bäckerei denkt, war ich doch auch da sehr berührt. Andrea Muheim pflegt, und auch das ist außerordentlich, ein Sujet in mehreren Techniken abzuwandeln. Ihre „Badewannen“, liegende Akte beispielsweise, sind mit Öl auf Sperrholz gepinselt. Oder in Aquarell auf Papier gemalt. Oder auf Baumwolle gestickt und zusätzlich mit Acrylfarbe versehen. Oder sogar mittels Gips und Papiermaché geformt. Letztere Objekte stellte sie leider anlässlich der Kunstszene Zürich nicht aus. Da wäre auch kein Platz mehr gewesen. Ihre Koje war schlicht und ergreifend gestaltet. Bisweilen musste man sich bis auf vierzig Zentimeter bücken um ein Stilleben genau zu betrachten. Die Aufmerksamkeit wurde herausgefordert. Eine Postkarte mit ihrer Webadresse fand ich dann auch ganz unspektakulär auf dem rauen Hallenboden: www.andrea-muheim.ch
Stichworte
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