Kompliment
Lenz (30.01.2008)
Irgendwann hat alles angefangen, das mit der Industrialisierung meine ich. Wie wir wissen erst in England, zwischen 1751 bis 1785. In der Schweiz wie in anderen europäischen Ländern kurze Zeit später. Überall entstanden Unternehmen der Textilbranche, des Bergbaus und des Hüttenwesens. Später Eisenbahnen. Nationalstaaten, auch einzelne Unternehmer, wurden reich, sehr reich, und andere verarmten und gerieten in Abhängigkeit. Trotzdem ist es ein interessantes Kapitel unserer Geschichte. Was wäre die Schweiz ohne ihre Geschichte der Textilherstellung, die in der Region St. Gallen und auch im Zürcher Oberland ihren Anfang nahm? Der Leinen- und Seidenweberei, später der Baumwollverarbeitung? Was wäre sie ohne ihre Geschichte der Uhrenindustrie, die in Genf und im Schweizer Jura begann?
Die Industrialisierung im Zürcher Oberland wäre nicht denkbar gewesen ohne Adolf Guyer-Zeller. Der war Textilunternehmer, Eisenbahnpionier und außerdem ein seltsamer Mann. Am 1. Mai 1839 wurde er im Neuthal bei Bäretswil geboren. Sein Vater, Johann Rudolf Guyer, betrieb dort eine Baumwollspinnerei, die zwischen 1826 und 1827 durch ihn und seinen Partner Johann Caspar Reinhart ins Tal gesetzt wurde. Der Standort war sorgfältig ausgewählt, denn es gab da Wasser und Wasserkraft erzeugte die einzig mögliche Energie für mechanische Webstühle. Elektrizität gab es damals noch nicht im Zürcher Oberland. 1827 wurde ein erstes und 1832 ein zweites Wasserrad in Betrieb genommen. Letzteres war immerhin 40 Fuß hoch und es musste mit einem Sechsspänner das Tössbett hinaufgezogen werden. Im Jahr 1834 wurde neben der Fabrik das Fabrikantenwohnhaus gebaut und da kam Adolf Guyer-Zeller zur Welt und übernahm später den väterlichen Betrieb.
Dieses Haus nun besitzt ein Türmchen mit einer Uhr, auch heute noch, und es wird berichtet, dass Pünktlichkeit in Guyers Unternehmen höchstes Prinzip war. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, einfache Bauern, kamen von ihren Gehöften, von weit her, und hatten mindestens einen Vierzehn-Stunden-Tag zu absolvieren. Sagen wir von morgens um Sechs bis abends um Acht. Im Winter, wenn der Schnee ihren Schritt bremste und im Sommer, wenn die Sonne brannte. Pünktlich. Da meine Quellen nicht sehr verlässlich sind, ist Folgendes mit Vorsicht zu goutieren: Adolf stellte nämlich ganz nach Belieben die Uhr im Türmchen vor oder zurück und erschlich sich Arbeitszeit, wenn auch nur wenige Minuten. Das machte Freude. Und da das Wasser und die über Gestänge und Wellen angetriebenen Maschinen nicht zu bremsen waren, gab es auch kaum Gelegenheit zum Vesper oder zur Pinkelpause. Ich nehme aber wohlwollend an, dass Springer eingesetzt wurden. Soviel zur seltsamen Art von Adolf Guyer-Zeller und der Zeit vor der heilsamen Gründung von Gewerkschaften.
Aber nun haben wir über den steilen Aufstieg von Adolf Guyer-Zeller noch nichts Besonderes berichtet und deshalb müssen wir kurz Neuthal verlassen. Als Jüngling fuhr Adolf erst hinaus in die Welt, nach Zürich und Genf, zur Ausbildung. Später nach Frankreich und England, ja selbst nach Kuba, in die Südstaaten der USA, nach Palästina und Ägypten. Zum Studium der Baumwollspinnerei. Erst 1863 kehrte er in die Heimat zurück und heiratete 1868 Anna Wilhelmine Zeller. Diese kam aus einer angesehenen Zürcher Industriellenfamilie und so ist sein Doppelname erklärlich. Nebenbei bemerkt baute er ihr einen ägyptisch inspirierten Park, den sie aber seltsamerweise kaum zur Kenntnis nahm. So sind sie, die Industriellen.
Ungeachtet dessen wurde Adolf Guyer-Zeller 1869 Oberländer Kantonsrat, geriet 1879 in die Revisionskommission der Nord-Ost-Bahn, deren Präsident des Verwaltungsrats er 1894 wurde, und schaffte es nebenbei steinreich zu werden. Vor allem durch seine Bahnstrecke von Uerikon über Hinwil nach Bauma. Daran konnte auch der Eisenbahnerstreik von 1894 nichts ändern und da wohnten die Guyer-Zellers längst im vornehmen Stadthaus in Zürich. Bei meinem Besuch in Neuthal war es Winter und die Industrieanlagen waren von Reif überzuckert. Der Wissenbach gluckste unter Eisstücken und die Drahtseile der Seiltransmission, eine mechanische Einrichtung der Energieübertragung einer Turbine weiter unten im Industriepark, erstarrten bei Minusgraden. Es war wie im Märchen und ich kann Anna Wilhelmines Abneigung gegen den Park aus heutiger Sicht absolut nicht verstehen.
So richtig berühmt geworden ist Adolf Guyer-Zeller aber durch den Bau der unvergleichlichen Jungfraujochbahn, deren erste Sektion 1898 eingeweiht werden konnte. Für dieses Projekt gründete er eigens die Guyer-Zeller-Bank. Aber das ist eine andere Geschichte und das Jungfraujoch liegt im Berner Oberland. Nicht im Zürcher. Am 3. April 1899 starb Adolf Guyer-Zeller. Heute schwebt er wohlgefällig über der Schweizer Industrielandschaft, über seinem Zürcher Oberland, und träumt immer noch von seinem kühnsten Projekt, der über den Ofenpass bis nach Mailand führenden Ofenbergbahn.
Empfehlenswert: Die Guyer-Zeller-Wanderwege, die ließ er nämlich auch bauen. Für seine Arbeiter. Und das ist noch eine andere Geschichte.
Stichworte
eisenbahn, arbeiter, vesper, wellen, wasserkraft, bauer, fabrik, pünktlichkeit, unternehmer, bergbau, elektrizität, gewerkschaft, industrialisierung, turbine, industriepark, industrieensemble neuthal, neuthal, bäretswil, textilbranche, hüttenwesen, industrialisierung schweiz, seidenweberei, leinenweberei, baumwollverarbeitung, adolf guyer-zeller, johann rudolf guyer, johann caspar reinhart, mechanische webstühle, wasserrad, töss, fabrikantenwohnhaus, arbeiterin, vierzehn-stunden-tag, gestänge, mechanische energieübertragung, pinkelpause, anna wilhelmine zeller, oberländer kantonsrat, nord-ost-bahn, eisenbahnerstreik, seiltransmission, energieübertragung, jungfraujochbahn, ofenbergbahn, guyer-zeller-wanderwege, wissenbach
Kommentare (35)
Bedenklicher Inhalt?