Bewertung zu Balkan Magazin Branko Vnuk von Scipio

Balkan Magazin Branko Vnuk, Lange Reihe 34, 20099 Hamburg

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11.03.2008

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Utopia ist eine Erfindung, Atlantis ging unter, und Jugoslawien wurde aufgelöst. Jedoch für alle, die Titos sozialistischer Republik ein wenig nachtrauern, gibt es mit dem Balkan-Magazin in Hamburg St. Georg noch einen Salamizipfel blockfreier Paradiesvorstellung.

Auf meinen Reisen von Mailand nach Venedig, setzte ich mich gern in den Kurswagen nach Rijeka, Ljubljana und Belgrad, um mir einen Begriff des Landes zu verschaffen, das hinter Triest begann und bis nach Griechenland reichte. Leider stieg ich immer vorher aus, und so blieb mir als einziger, authentischer Eindruck der Duft besonders muffiger Zugabteile. Dann kamen furchtbare Kriege. Jugoslawien zerfiel in kleine Staaten.

In der Langen Reihe 34 scheinen sie sich über die Zersplitterung in Europas Südosten einfach hinweg zu setzen: Nichts ist zu spüren von den Schrecken der Neunziger Jahre, von den noch heute vorhandenen Spannungen. Im Schaufenster versammeln sich Würste, eingemachtes Gemüse und Dosenkonserven aus unterschiedlichen Regionen zu einem hübschen Familienbild, so als wäre gerade Parteitag in Zagreb, und die Landwirtschaftsgenossenschaften hätten alles zusammengetragen, was an Leckereien verfügbar ist.

Da in der Umgebung auch Thailändische, Indische und Iranische Feinkost-Händler mit wesentlich bunteren Schaufenstern locken, bin ich häufig am Balkan-Magazin vorbei gelaufen, ohne mich hineinzutrauen. Außerdem war der Balkan lange nicht wirklich hip, trotz Emir-Kusturica-Filmen.

Doch dann wagte ich den Schritt über die Schwelle, trat ein in den Kosmos von Branko Vnuk und seiner Ehefrau Nadica und ich habe es nicht bereut. Denn wohl an nur wenigen Orten sonst in Hamburg können Gäste schlichter und entspannter einen Imbiss einnehmen. Es gibt Cevapcici mit Reis und Gemüse für 4,50 €, eine großartige, frische Fischsuppe schon für einen Euro weniger, das Wasser dazu für 1 €, und der kräftige Kaffee danach ist auch nicht viel teurer. Doch niemand kommt nur wegen der sozialistischen Preise hierher. Die Nachbarn mögen die gesellige Atmosphäre, Angestellte, die in nahen Büros arbeiten, freuen sich über den zügigen Service.

Ich schätze das unnachahmliche Raumgefühl:
Vorne rechts befindet sich ein kleiner Verkaufstresen im Stil eines Konsum-Markts für verdiente Traktoristen, nach Durchqueren eines schlauchartigen Gangs, der zuletzt mit Kartons für rumänische Weine voll gestellt war, gelangt man in den recht engen Imbiss-Bereich. Hier schmücken leicht vergilbte Bilder mit naiver Malerei die kargen Wände.

Die kurze Zeit, in der Gäste auf ihr Essen warten müssen, können sie entweder mit dem Studium der Landkarte Istriens und seiner Hafenstädte oder der Lektüre kroatischer und slowenischer Western- und Liebesromane überbrücken, die Nadica und Branko Vnuk in Pappschachteln bereithalten. Passend dazu dudelt im Transistorradio eine Schnulze von Marianne Rosenberg. Mir genügt es, die beiden Betreiber in ihren weißen Kitteln bei der Arbeit zu beobachten, zu hören, welche Neuigkeiten sie den Stammgästen erzählen. Ich bin noch keiner, folge allerdings umgehend Branko Vnuks Bitte: „Empfehlen Sie uns gern weiter.“

Kein Laden für Menschen, die auf ihr Gewicht achten müssen, aber möglicherweise Ziel für jene, die an Utopien festhalten und bei denen Liebe durch den Magen geht.

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Kommentare (8) | Bedenklicher Inhalt? | Kompliment

Kommentare:

  • 11.03.2008, 22:47

    Laß mich raten:
    An den Wänden Bilder der Plitwitzer Seen und Wasserfälle ?

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  • 11.03.2008, 23:00

    Stimmt! Dort gibt es doch auch den unnachahmlichen Pelinkovac, der mir anno 1987 in Porec/Istrien “das Leben” gerettet hat. Den Laden gibt es also immer noch? Schön!

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  • 11.03.2008, 23:01

    @Kixka: Die Wasserfälle der Plitwitzer Seen geben aber auch etwas her ;-) !!!

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  • 11.03.2008, 23:24

    ... eben und das ganz unutopisch !
    Dabei kann Scipio sicherlich sehr gut eine Fischsuppe löffeln.

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  • 11.03.2008, 23:27

    Ich sehe schon: Ich muß da wieder einmal hin :) !

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  • 12.03.2008, 13:39

    Als großer Freund des slowenischen Westernromans und des Cevapcicis werde ich nicht umhinkommen, mich dort alsbald mal umzusehen.
    Danke für den Tipp.

    Und für Anhänger von Kurzgeschichten sei der Beitrag zu diesem Platz von The Loop empfohlen. Es muss ja nicht immer so in die Breite gehen…

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  • 12.03.2008, 22:08

    Salamizipfel blockfreier Paradiesvorstellung, da leg i mi doch glatt nieder.
    Toll.

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  • 12.03.2008, 23:49

    wann?

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