Estonia Gedenkstätte, Stockholm
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Kompliment
margie (30.03.2008)
Estoniaminnesvården Estonia-Gedenkstätte
In den Grünanlagen rund um das Vasamuseum sehe ich einen Wegweiser Estoniaminnesvården.
Estonia
Erinnert Ihr Euch an die Estonia? Ihr erinnert Euch sicher an die Estonia. Die grösste Schiffahrtskatastrophe in Europa nach dem zweiten Weltkrieg. Menschliches Versagen? Über 900 Tote?
Gespannt, wie hier in Schweden dieses Unglücks gedacht wird, folge ich dem Zeichen und gelange an das am Rand der Wiese in den Bäumen eher versteckt gelegene Mahnmal. Drei hohe Granitmauern, im Dreieck zueinander aufgestellt, zwei Winkel offen, die eine Ecke geschlossen, in der Mitte ein Baum, eine Ulme.
Ich trete hinein, ich trete ein in diesen kappellenartig anmutenden Raum.
Ich stehe vor den steinernen Mauern und entziffere den kurzen schwedischen Text an der Granitwand:
Ich wende den Blick nach links. Dort stehen an den Steinwänden alphabetisch aufgereiht, die Namen fast aller bekannten Opfer des Estoniaunglücks. Dem Meer zugewandt, beginnt die Aufzählung bei A, läuft über die ganze Mauer hinunter -C…F-, geht auf der nächsten, rechtsgelegenen Mauer weiter –L..M..P- und weiter im spitzen Winkel nach rechts –S…W- und endet auf der dritten Steinmauer rechts unten bei Z.
Namen, schwedische Namen, lettische Namen, estnische Namen, russische deutsche englische französische Namen. Ein Name fällt mir auf, er kommt dreimal vor, einmal mit einem weiblichem und dann mit zwei männlichen Vornamen: eine Familie? Eine Mutter mit zwei Söhnen? Mann, Frau und Sohn? ein Vater mit Tochter und Sohn? Wer war das, welche Geschichten verbergen sich hinter diesen Namen, wie viel Leid, wie viel Trauer? Wer war zu Hause in der Unglücksnacht, wie war es, als die Nachricht kam?
Ich stehe in dem Dreieck, eine eigene Welt, das Licht ist durch den Schatten der Bäume gedämpft, ich fühle mich vom Sommertag abgeschnitten und tauche ein in das Gefühl von damals, frischgebackene Mutter, empfänglich für das Unglück anderer, die Vorstellung, Mütter mit Kindern weit unten im Schiffsbauch, sie kommen nicht mehr nach oben, der Vater hat vielleicht noch ein Bier an der Bar getrunken, oder beide Eltern sind oben, das Unglück passiert, sie kommen nicht mehr zu den Kindern in den Kabinen. Schrecklich. Ein Alptraum.
Ich stehe in dem steinernen Dreieck, lese die Namen und mir wird allmählich kalt. Kalt wie die Ostsee in jener Nacht. Wie viele haben es an Deck geschafft und sind nachher im 13 Grad kalten Wasser erfroren, bevor Rettung kam? Von den 1049 bekannten Passagieren und Besatzungsmitgliedern haben nur 137 überlebt.
Das Gefühl von damals, wie nah der Tod dem Leben ist. Aber ist es nicht immer so? Memento mori.
Stichworte gedenkstätte, stockholm, tallin, estonia, schiffskatastrophe
Kommentare (8) Bedenklicher Inhalt?Das Leben ist wohl immer nah am Tod, deswegen verdrängen wir ihn so gerne. Es wäre auch kaum zu ertragen, stets daran zu denken.
Aber es ist gut, gelegentlich erinnert zu werden.
Danke Margie, für diesen nachdenklichen und schönen Beitrag.
Stimmt, Margie -- manchmal ist Erinnertwerden nötig. Und die Distanz zwischen dem damaligen und dem jetzigen Punkt im eigenen Leben betrachten.
Danke!
Mir ist auch gerade kalt geworden.
Ich habe auch Gänsehaut -
und die passende Liste, für Deinen berührenden Text.
Liebe Margie, danke für den Text. Für mich auch eine Antwort auf die teils unsäglichen Denkmaldebatten der letzten Jahre im Stile von “braucht der Mensch wirklich Gedenkorte um sich
zu erinnern?”. Ein klares Ja.
Zuerst Euch allen einen Dank für die einfühlsamen Kommentare zu diesem eher schwierigen Thema.
@johanni, wie schon gesagt leben
@lakritze und vitamine, ja ich bin auch der Meinung, es braucht Grabsteine, Orte der Erinnerung, Gedenkstätten für die Toten, aber vor allem für die Lebenden.
@Kixka, ich bin berührt von deiner Liste, was für eine Entdeckung, jetzt werde ich mir die anderen auch mal anschauen.
Vielen Dank für diesen Beitrag, auch wenn der Anlass kein freudiger ist. Finde es toll wie du den Augenblick in deine Worte gefasst hast und damit deine Gedanken zu dieser Gedenkstätte zum Ausdruck bringst.
wow - bin echt berührt, toll geschrieben, auch wenn “toll” in diesem zusammenhang nicht ganz passt….....